Projekt für Händler und Gastronomen

Findorffer planen Bündnis für Mehrweg

Die Klimazone Findorff möchte Unternehmen für ein „Bündnis für Mehrweg“ gewinnen. Ziel ist, im betrieblichen Alltag den Verpackungsmüll und speziell den Verbrauch von Plastik zu reduzieren.
05.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Findorffer planen Bündnis für Mehrweg

Sie stehen stellvertretend hinter dem Bündnis (v.l.): Jürgen Schnier (Klimazone Findorff), Marie Pigors (Findorffmarkt), Jörg Niepel (Findorffmarkt), Hans Peter Schneider (M3B/Großmarkt Bremen) und Marcella Dammrat-Tiefensee (Verein der Findorffer Geschäftsleute).

Scheitz

Seit einigen Wochen klopft Jürgen Schnier an die Türen vieler Geschäftsleute in Findorff. Sie sollten ihn hereinlassen und ihm zuhören, denn er führt nur Gutes im Sinn. Die Klimazone Findorff möchte sie für ein Bündnis für Mehrweg gewinnen. Es geht darum, im betrieblichen Alltag den Verpackungsmüll im Allgemeinen, und insbesondere den Verbrauch von Plastik zu reduzieren. Es mag nur ein kleiner Tropfen auf dem weltweit riesigen Problemberg sein – doch man kann ja schon einmal klein anfangen. Die Findorffer sollen in den kommenden Monaten vormachen, wie es in der Praxis funktionieren könnte.

Jute statt Plastik: An diesen Slogan, den sich das Fairtrade-Unternehmen Gepa vor mehr als 40 Jahren ausdachte, werden sich manche vielleicht noch erinnern. Den automatischen Griff zur Plastiktüte an der Supermarktkasse haben sich die Bürger zwar weitgehend abgewöhnt – und dennoch hat sich der Plastikverbrauch seither vervielfacht. Die vor wenigen Tagen veröffentlichten Zahlen des Umweltbundesamts (UBA) vermeldeten einen neuen Rekord. Demnach ist der Pro-Kopf-Jahresverbrauch an Verpackungsmüll im Vergleich zum Vorjahr um ein ganzes weiteres Kilo gestiegen. Rechnerisch produzierte jede Bürgerin und jeder Bürger in Deutschland im vergangenen Jahr 227,5 Kilogramm Plastikmüll. Für das laufende Jahr vermutet das UBA sogar einen weiteren deutlichen Anstieg – weil viele Menschen mehr zu Hause kochen oder Essen bestellen, heißt es. Nach Angaben der Umweltbehörde wird derzeit weniger als die Hälfte des Kunststoffabfalls recycelt. Der Rest landet irgendwo – und viel zu oft in der freien Natur oder in den Meeren. Auch an den Stränden von Nord- und Ostsee wird Plastikmüll zum zunehmenden Problem und gefährdet nach Angaben der Bundesregierung Tausende Meerestierarten.

Mit dem neuen Projekt sollen gezielt Händler und Gastronomen in den Straßen des Stadtteils und auf dem Findorffmarkt angesprochen werden. „Wir möchten sie für das Thema sensibilisieren, über die Möglichkeiten aufklären und sie bei der Umsetzung unterstützen”, sagt Schnier. Bei einigen ist das ganz unnötig – für den Unverpackt-Laden Füllerei ist der Verpackungsverzicht Geschäftsmodell. Seifenproduzentin Claudia Schreiber (Martha’s Corner) verzichtet beim Verkauf ihrer Produkte nicht nur konsequent auf Plastik, nutzt minimale Umverpackungen und bietet Mehrweg-Behälter an. Indirekt ersparen Unternehmen wie diese noch viel mehr Abfall, weil ihre Kundschaft ohne die handelsüblichen Produkte auskommt, deren leere Behältnisse im Müll landen. Auch auf dem Markt ist plastikfrei vielerorts die Norm, sagt Schnier – aber nicht überall.

Manchen fällt es leichter: Äpfel, Kartoffeln und Co, Textilien, Haushalts- oder Drogerieartikel können problemlos in mitgebrachte Beutel der Kundschaft bugsiert werden. Bei anderen scheint es schwieriger – sei aber durchaus nicht unmöglich, weiß Schnier. Ob Coffee to go, Backwaren, Käse, Fleisch, Fisch oder fertige Speisen und Salate: Bei vielen Lebensmitteln sei der Einsatz von Mehrwegbehältern unter festgelegten Voraussetzungen längst gestattet. „Das ist nicht nur vielen Verbrauchern nicht bekannt. Auch viele Händler und Gastronomen wissen nicht, was sie dürfen und was nicht.“ Die Findorffer Kampagne hat sich vorgenommen, das zu ändern.

Es soll eine praktische Anleitung geben

Im aktuellen „Merkblatt Mehrweg-Behältnisse”, erschienen im März dieses Jahres, hat der Lebensmittelverband Deutschland die betrieblichen, technischen und hygienischen Voraussetzungen für den Einsatz von Mehrwegsystemen in der betrieblichen Praxis zusammengefasst. Auf Grundlage der Vorgaben, die mit den Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer abgestimmt sind, soll in der Klimazone Findorff eine praktische Handlungsanleitung verfasst werden, die den Mitarbeitern in Verkauf und Service die Umstellung erleichtern soll. „Unser Ziel ist nicht nur, dass die Nutzung von Mehrweg-Alternativen für die Endverbraucher selbstverständlicher wird“, erklärt Schnier. „Wir hoffen auch, dass die Betriebe auf ihre Lieferanten einwirken, auf unnötige Verpackungen zu verzichten und beim Versand Mehrwegsysteme zu nutzen.”

Nicht auf andere warten, sondern mit dem Klimaschutz im eigenen Alltag anfangen: Das ist seit fast drei Jahren das Konzept der Klimazone Findorff. Mit seither mehr als 200 Informationsveranstaltungen in den Themenbereichen Wohnen und Energie, Verkehr und Mobilität, Konsum und Ernährung, Stadtökologie und Quartiersgestaltung sollen praktisch umsetzbare nachhaltige Veränderungen angestoßen werden. „Wir wollen Klimaschutz von unten angehen, ganz ohne erhobenen Zeigefinger, damit es auch Spaß macht“, sagt Initiator und Projektleiter Schnier. Im Frühjahr dieses Jahres endete die zweijährige Förderphase durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Seither führt ein gemeinnütziger Verein das Engagement weiter.

Das Bündnis für Mehrweg wird von der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau gefördert. Zu den Projektpartnern zählen bislang der Findorffer Beirat, der Verein der Findorffer Geschäftsleute, der Großmarkt Bremen und die Bremer Stadtreinigung. In einem ersten Schritt sollen bis Ende November möglichst viele Betriebe gefunden werden, die sich dem Bündnis anschließen und sich freiwillig verpflichten, ihren Beitrag zum verantwortungsvollen Konsum zu leisten. Im März 2021 soll die Praxisphase beginnen. In der Planung sind außerdem begleitende Veranstaltungen zum Thema. „Wir wollen gemeinsam ein Zeichen setzen für mehr Umwelt- und Klimaschutz“, sagt Schnier. Er wünscht sich, dass möglichst viele andere Stadtteile dem Findorffer Vorbild folgen.

Weitere Informationen

Näheres zur Klimazone Findorff, den Themen, Akteuren und Veranstaltungen findet sich im Internet über die Adresse www.klimazone-findorff.de. Auch beim BUND Bremen läuft ein Projekt, das sich auf Mehrweg-Alternativen für den Außer-Haus-Verkauf in der Gastronomie konzentriert. Informationen dazu und eine Liste der bislang beteiligten Betriebe gibt es unter www.esseninmehrweg.de.

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