Historischer Freimarkt

Das Ende des Freimarkts in der Bremer Altstadt

Der Bürgerschaftsbeschluss, den Freimarkt aus er Innenstadt zu verbannen, löste im Jahr 1913 gemischte Gefühle aus: Manche fürchtete das Ende des Volksfestes, dann begann der Erste Weltkrieg.
03.11.2018, 18:59
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Das Ende des Freimarkts in der Bremer Altstadt
Von Justus Randt

September 1913. Die Bürgerschaft stimmt mit knappem Ergebnis dafür, den Freimarkt vom Domshof, von der Domsheide, dem Marktplatz und dem Liebfrauenkirchhof hinter den Bahnhof zu verlegen. Die Bevölkerung in der Stadt hatte sich seit den 1870er-Jahren auf 265 000 verdreifacht. Der Mehrzahl der Abgeordneten war das bunte Treiben in der Innenstadt nicht mehr geheuer: Zu viele Menschen, zu viel Verkehr drängte sich über Plätze und Gassen – wo heute der Kleine Freimarkt aufgebaut ist, machten sich die Parlamentarier damals Sorgen um die öffentliche Sicherheit.

Die Entscheidung, den Freimarkt aus dem Zentrum an seinen heutigen Ort zu verlagern, rief Unmut hervor. Zu der traditionellen Freimarktbeerdigung wurden 30 000 „Freimarktorden“ aus Karton verkauft. Die etwa bierdeckelgroßen runden Scheiben trugen einen aufgedruckten Totenschädel mit gekreuzten Knochen und den Hinweis auf das Datum: „Am Montag, den 3. November 1913, wird der Bremer Freimarkt in der Altstadt begraben.“

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Auf der Rückseite des Ordens steht der Text für „das gemeinschaftlich zu singende Trauerlied“ anlässlich des beschlossenen Umzugs. „Deine Buden, Deine Kuchen, Deine hübschen Mägdelein, O wo soll ich alles suchen! Denn zu gern möcht ich dort sein!“, lautet ein Vers. Ein ganz besonderes Exemplar, an dem sogar noch das Befestigungsbändchen baumelt, befindet sich im Familienbesitz von Malte-Lüder Seekamp aus dem Schwachhauser Ortsteil Bürgerpark. Den als Postkarte vorbereiteten Orden hatte seine Großmutter Else Seekamp ihrem Mann Hans am 4. November nach Halle/Saale ins Hotel Stadt Hamburg geschickt. „Mein Großvater hat Silberbestecke für die Firma Wilkens & Söhne entworfen“, sagt Malte-Lüder Seekamp.

Dort weilte der Gatte auf Geschäftsreise im Auftrag seines Bremer Arbeitgebers. „Zur Erinnerung an den letzten Freimarktsabend mit vielen herzlichen Grüßen, deine Else“, steht da am Rand der runden Scheibe. Pauline, die Schwester von Hans, hat dem hinzugefügt: „Und schön war‘s doch!“

Verlegung der Festmeile

Der 1913 beschlossene Umzug auf das Areal zwischen Gustav-Deetjen-Allee und Findorffstraße, das seit 1935 Bürgerweide heißt, wurde erst 1934 Wirklichkeit. Der WESER-KURIER hat die Freimarktgeschichte vor einigen Jahren nachgezeichnet: Demnach hatte es bereits 1889, 1893 und 1902 vergebliche Versuche gegeben, das Jahrhunderte alte Volksfest an einen anderen Ort zu verlegen.

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Seit 1890 hatte es bereits einen Freimarkt-Ableger am Grünenkamp in der Neustadt gegeben. Während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges gab es keinen Freimarkt. Ausnahme war das Jahr 1939. Und weil die Bürgerweide für „Zwecke der Wehrmacht“ reserviert war, wurde noch einmal die Innenstadt Schauplatz des Volksfestes, und die Stimmung war der Situation entsprechend: „Vergnügungsunternehmen und Orgeldreher“ fehlten ganz.

Notar Tebelmann, der zu den Gegnern einer Freimarktverlegung unter den Bürgerschaftsabgeordneten zählte, hatte die vergeblichen früheren Versuche aufgelistet. Er prophezeite „das baldige Absterben des Freimarkts“, wenn das Fest verlegt werden sollte. Das „bessere Publikum“ werde einen solchen Rummel meiden. Auch dass der Betrieb der Straßenbahn von der feierfreudigen Menge blockiert werde, ließ Tebelmann nicht gelten: Vor dem Ersten Weltkrieg wurden in Bremen so manche Kanäle gelegt, die heute erneuert werden. Unter solchen Arbeiten leide der Verkehr mehr als unter den Freimarkttagen, hatte der Notar angeführt.

Der Freimarkt auf neuem Gelände?

Befürworter machten geltend, die „Schaustellungen“ würden immer anspruchsvoller, Karussells und Achterbahnen immer größer. „Wollen wir diese großen Sachen in Bremen haben, brauchen wir dafür ein anderes Gelände“, lautete eines der Argumente im Jahr 1913. Vorausschauend, könnte man aus heutiger Sicht sagen. Und der Freimarkt-Feierfreude hat der Umzug offensichtlich nicht geschadet.

Die Begräbniskarte von 1913 kam kürzlich als Kellerfund im Haus der Familie zum Vorschein. Wenn Hans Seekamps Enkel Malte-Lüder (71) erzählt, wird klar, dass nicht nur seine Großmutter und Großtante von der Leidenschaft für Freimarktbesuche erfüllt waren, sondern dass dieses Gefühl auch die übernächste Generation erfasst hat: „Wenn ich als Schüler bei der Gartenarbeit die Marktgeräusche hörte, gab‘s kein Halten für mich.“ Heute geht er es lässiger an: „Ich war noch gar nicht dort, vielleicht gehe ich mit meinem Paddelverein hin – einmal muss man ja."

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