Tierische Wohngemeinschaft Das Findorffer Eulen-Hotel

Mitten im Stadtteil hat eine Waldohreulen-Wohngemeinschaft ihren Lieblingsbaum gefunden. Nachbarn berichten, dass sie bis zu zwanzig Vögel gleichzeitig in dem etwas zerzausten Nadelbaum gezählt haben.
06.03.2020, 14:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

„Das müssen Sie sich einmal anschauen“, sagt der Anrufer am Telefon. „Vor unserem Haus steht ein Baum voller Eulen“. Die Adresse: ein Wohngebiet mitten in Findorff, ein kleiner Stichweg, der gerne von Radlern und Gassi-Gängern genutzt wird. Kopf hoch, und tatsächlich: Da kauern sie, im Tiefschlaf nach einer anstrengenden Nachtschicht, gut getarnt durch ihr braungraues Federkleid in Baumrinden-Optik, aber als dicke Knäuel auf den Ästen dennoch sehr gut auszumachen. Nachbarn berichten, dass sie bis zu zwanzig Vögel gleichzeitig in dem etwas zerzausten Nadelbaum gezählt haben. „Tierisch interessant“, sagt der Findorffer Anrufer, der die ungewöhnliche Wohngemeinschaft aus seinem Fenster gut im Blick hat.

Und Eulen sind es in der Tat, kann Nabu-Vogelkenner Florian Scheiba bestätigen, der sich die Sache bereits persönlich angeschaut hat. Genauer gesagt handele es sich um Waldohreulen, erkennbar durch ihre auffallenden Kopffedern, die wie Ohren aussehen. Mit einer Körperlänge von rund 35 Zentimetern und einer Flügelspannweite von einem knappen Meter gehöre „Asio otus“ zu den mittelgroßen Vertretern der Eulenfamilie, und sei die Eulenart, die in Mitteleuropa am häufigsten anzutreffen sei, liest man dazu in der Fachliteratur. Wie alle Eulen ist auch diese Art streng geschützt. Mit geschätzten 32 000 Brutpaaren gelten Waldohreulen in Deutschland zurzeit zwar nicht als akut gefährdet. Die Bestände seien jedoch tendenziell rückläufig. Daher wurde die Art im Jahr 2007 in die Rote Liste gefährdeter Arten für Niedersachsen und Bremen aufgenommen. Die Angewohnheit, sich in den Wintermonaten tagsüber einen „Schlafbaum“ zu teilen, sei typisch für die Art, sagt Scheiba. Warum sie sich aber ausgerechnet diesen Präsentierteller mitten im Stadtteil ausgesucht haben: Das ist auch dem Nabu ein Rätsel. „Irgendetwas scheint ihnen dort wohl besonders gut zu gefallen“, sagt Scheiba.

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„Huhu“ im Bürgerpark

Dass man so etwas nicht jeden Tag zu sehen bekommt, kann auch der Bürgerparkdirektor Tim Großmann bestätigen. Er wisse wohl, dass besonders im Stadtwald nachts Eulenvögel unterwegs seien: In der Dämmerung könne man ihr lautloses Schweben aus den Augenwinkeln wahrnehmen, und unüberhörbar sei das charakteristische „Huhu“, berichtet Großmann. „Manchmal fühlt man sich hier wie in einem schlechten Edgar-Wallace-Film.“ Einen richtigen Eulenschlafbaum habe er aber bislang im gesamten Bürgerpark noch nicht entdeckt. „So etwas kannte ich bis jetzt nur vom Hörensagen.“

Für Thomas Kuppel ist das Phänomen dagegen nichts Neues: „Schon als Kind bin ich oft zu einem Schlafbaum am Weserwehr gewandert“, erzählt der Ornithologe beim BUND Bremen. Kuppel schätzt, dass er im Laufe der Jahrzehnte wohl maximal zehn solcher Eulentreffs in und um Bremen gesehen hat, von denen aber längst nicht mehr alle existierten. „Es ist aber gut möglich, dass es Bäume in versteckten Ecken gibt, die bis jetzt noch niemand entdeckt hat.“ Die Waldohreule sei nicht die einzige Eulenart, die in Bremen lebe. Auf Friedhöfen oder in Parkanlagen könne man Waldkäuze treffen, die in den Höhlen alter Bäume brüten. Seltener sei die Sumpfohreule, die sich ab und an in der Waller Feldmark, im Blockland oder in den Wümmewiesen niederlasse. Sehr selten seien Sichtungen von Schleiereulen, und eine absolute Rarität der Uhu, von dem aktuell nur ein Brutpaar im Bunker Valentin bekannt sei. Ganz verschwunden sei schließlich der kleine Steinkauz, den man früher am Stadtrand Richtung Delmenhorst antreffen konnte. Das Lieblingsfutter der Waldohreulen sind Mäuse. Rund eintausend Mäuse verspeist ein ausgewachsener Vogel pro Jahr, das Futter für die Jungen nicht eingerechnet, haben Ornithologen ausgerechnet. „Und davon gibt es seit ein, zwei Jahren in Bremen mehr als genug“, sagt Kuppel.

Umzug für die Brutzeit

Die Findorffer Schlafmützen lassen sich von neugierigen Beobachtern nicht aus der Ruhe bringen. Laute Menschenansammlungen, Hundegebell oder gar körperliche Annäherungsversuche würden sie jedoch garantiert für immer vertreiben, mahnt Florian Scheiba. Über ihre ungewöhnliche Nachbarschaft werden sich die Anwohner nun ohnehin nicht mehr lange freuen können. Sobald die Brutzeit beginnt, wird sich die Baumgemeinschaft auflösen, und die Braut- und Brutpaare suchen sich verlassene Nester von Krähen oder Elstern, um die nächste Generation aufzuziehen. Manche der Findorffer Eulen werden dafür weit wegziehen, es sei aber auch durchaus möglich, dass sich einzelne Pärchen in Bremer Grünanlagen, Parzellengebieten oder sogar Privatgärten einnisten, sagt Thomas Kuppel. Und vielleicht gibt es im kommenden Winter ein Wiedersehen am gleichen Ort. Denn auch dafür sei „Asio otus“ bekannt, sagt Florian Scheiba: „Wenn Waldohreulen erst einmal einen schönen Schlafbaum entdeckt haben, bleiben sie ihm oft über Jahre treu.“

Damit die Waldohreule auch in Zukunft Raum zum Leben findet, empfehlen Vogelschützer den Schutz und die Neuanlage von Feldgehölzen, die Erhaltung von Krähen- und Elsternestern, und die Erhaltung traditionell genutzter Gemeinschaftsschlafbäume. Um die Bestandsentwicklung besser einschätzen zu können, sind Meldungen von Brutplätzen und Schlafplatzgesellschaften willkommen bei der ornithologischen Arbeitsgemeinschaft des BUND Bremen unter www.bund-bremen.net oder per Telefon 0421 / 79 00 20. Auch der Nabu Bremen nimmt Hinweise entgegen unter www.bremen.nabu.de und unter der 0421 / 48 44 48 70.

++ Wir haben den Text aktualisiert und um ein „Zur Sache“ ergänzt. ++

Info

Zur Sache

Bitte nicht stören!

Über den seltenen Anblick eines Eulen-Schlafbaums mitten in der Stadt darf man sich gewiss freuen – aber bitte unbedingt ruhig und leise, lautet der Appell der Vogelschützer. Laute Gespräche, klickende Kameras, Blitzlicht-Gewitter oder gar Versuche, sie bewusst zu wecken, wären dagegen eine sichere Methode, die Tiere für immer zu vertreiben. Wir möchten, dass sich die Waldohreulen weiterhin an ihrem Rückzugsort so sicher und geborgen fühlen, dass sie im kommenden Winter wiederkommen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir daher genauere Angaben zum Standort nicht verraten.

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