'Meine Haltestelle': Seniorenzentrum 'Die Herren haben mich zuerst belächelt'

Weidedamm. Zum Thema 'Meine Haltestelle' wissen viele unserer Leserinnen und Leser Geschichten zu erzählen: Von persönlichen Erinnerungen und Erlebnissen, die sie mit einem bestimmten Haltepunkt verbinden. In der Geschichte von Marianne Litwinski ist das Thema aber ganz wörtlich zu verstehen: Sie kann nämlich von einer Haltestelle berichten, die es ohne sie womöglich gar nicht gäbe.
17.02.2010, 15:22
Lesedauer: 3 Min
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Von anke Velten

Weidedamm. Zum Thema 'Meine Haltestelle' wissen viele unserer Leserinnen und Leser Geschichten zu erzählen: Von persönlichen Erinnerungen und Erlebnissen, die sie mit einem bestimmten Haltepunkt verbinden. In der Geschichte von Marianne Litwinski ist das Thema aber ganz wörtlich zu verstehen: Sie kann nämlich von einer Haltestelle berichten, die es ohne sie womöglich gar nicht gäbe.

Die Geschichte beginnt im Mai 1999. Da zog Marianne Litwinski an den Weidedamm, als eine der ersten Bewohnerinnen des neu gebauten Seniorenzentrums an der Ricarda-Huch-Straße. Der Weidedamm ist heute eine gepflegte, beliebte Wohngegend, mit Fleet-Idyll, Nähe zum Bürgerpark und guter Anbindung nach Findorff und in die Stadt. Damals war das noch nicht so: Das Neubaugebiet war mitten in seiner Entstehung, 'überall Baustellen, nichts war fertig' erinnert sich Marianne Litwinski. Ein bisschen ab vom Schuss fühlte sie sich. 'Die nächste Bushaltestelle war an der Hemmstraße, eine Ampel gab es damals noch nicht, und nachts war es dort ganz dunkel', erzählt sie.

Und es wurde hell...

Kein akzeptabler Zustand, fand die damals 73-Jährige: 'Ich war hier ja eine der Jüngsten', erzählt sie. 'Die vielen älteren und teilweise pflegebedürftigen Menschen, die hier einziehen sollten, wie sollten die wohl in die Stadt kommen?' Für sie stand fest: Noch bis zum ersten Winter musste in der Hemmstraße eine Beleuchtung her. 'Und tatsächlich - es wurde hell', sagt sie, lacht und fügt hinzu: 'Geht doch!'

Eine Haltestelle in unmittelbarer Nähe der Häuser, das war ihr nächstes Projekt. Eine gute Idee zwar, doch an die Umsetzung mochte außer ihr niemand so recht glauben: 'Hier im Haus sagten viele: Lassen Sie mal, das kriegen Sie sowieso nicht hin', erinnert sie sich. Im Ortsbeirat traf ihr Anliegen auf Wohlwollen, wurde aber an die BSAG weiterverwiesen. Also fuhr Marianne Litwinski an den Flughafendamm und trug den Verantwortlichen ihren Wunsch vor: Eine Bushaltestelle inklusive Wartehäuschen, 'die Leute können ja wohl schlecht bei Regen im Flur des Seniorenheims auf den Bus warten', erklärte sie 'den Herren'. Doch 'die Herren haben mich ein bisschen belächelt.' Marianne Litwinski ließ sich ihre Mission durchaus nicht ausreden: 'Ich fand eben, die Haltestelle steht uns zu!'

Aber eben mal so einfach bekommt man in Bremen keine neue Bushaltestelle, erklärt Volker Arndt, Chefplaner der BSAG. Die Stadt habe ein dichtes Netz von weit über 1000 Haltepunkten, die im Vergleich zu anderen Städten auch durchaus engmaschig auseinander lägen. 'Klar, jeder möchte eine Haltestelle am liebsten in unmittelbarer Nähe', sagt der Planer, 'am besten, vor der Tür des Nachbarn.' Doch ob eine neue Haltestelle sinnvoll und machbar wäre, das hänge von ganz vielen Umständen und Personen ab: Die Straßenführung muss das zulassen, der Bus darf beim Halten den Verkehr nicht behindern, der Bordstein muss geeignet sein. Und je öfter eine Linie halte, desto länger bräuchten die Mitfahrenden bis zu ihrem Zielort. 'Alles geht eben nicht', sagt Volker Arndt.

Ihre Managerqualitäten stellte die hellwache gebürtige Elsfletherin insgesamt zehn Jahre lang und bis vor kurzem als Vorsitzende des Heimbeirates unter Beweis. Durchsetzungsvermögen und Ausdauer - das habe sie das Leben gelehrt, erzählt sie: Die Kriegsjahre und die harte Nachkriegszeit, und als Frau eines Kapitäns, die Haushalt und drei Kinder stemmte, während der Gatte monatelang auf See war. Außerdem sei sie schließlich Sternzeichen Stier: 'Wir geben nicht so schnell auf.'

Nicht locker gelassen

ier Jahre lang ließ Marianne Litwinski nicht locker. Telefonierte, sprach vor, hakte nach. Im Jahr 2003 war ihr Anliegen schließlich an die höchsten Stellen gelangt. Der damalige Bausenator Jens Eckhoff traf sich mit Georg Drechsler, dem Chef der BSAG, zur Ortsbesichtigung, die Sache wurde klar gemacht, und am 14. Juli 2005 wurde die neue Bushaltestelle Ricarda-Huch-Straße schließlich offiziell eingeweiht. Die Verantwortlichen hatten mit der Einweihung sogar gewartet, bis die resolute Dame, die dieses sehr dicke Brett gebohrt hatte, aus ihrem Jahresurlaub wieder zurück am Weidedamm angekommen war.

Dass die Haltestelle ihren Sinn und Zweck hat, kann auch Ortsamtsleiter Hans-Peter Mester bestätigen, der selbst zu den regelmäßigen Fahrgästen der Linie 27 gehört. 'Dank an Frau Litwinski und ihr Beharrungsvermögen', lobt der Ortsamtsleiter. 'Na bitte', sagt die heute 83-Jährige und schmunzelt: 'Es geht eben doch!'

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