Klassentreffen

Die jungen Wilden aus dem Jahrgang 1959

Nach 60 Jahren trafen sie sich wieder: die ehemaligen Zehntklässler der Schule an der Regensburger Straße. Und hatten allerhand zu berichten aus den Jahren des Wirtschaftswunders.
01.09.2019, 04:27
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Von Anke Velten
Die jungen Wilden aus dem Jahrgang 1959

Ließen sich noch einmal auf den Schulbänken nieder: 60 Jahre nach der Entlassung gab es ein Wiedersehen in der Schule an der Regensburger Straße.

Roland Scheitz

Der River-Kwai-Marsch wurde weltberühmt durch den legendären Kinofilm, und hierzulande jahrelang als Werbemelodie eines bekannten Magenbitters gepfiffen. Doch die Klasse M10a der Schule an der Regensburger Straße denkt bei dem Ohrwurm nur an eines: Burg Bilstein. 60 Jahre nach ihrem Realschulabschluss trafen sich die ehemaligen Klassenkameradinnen und -kameraden in Findorff wieder, und hatten viel Spaß daran, ihre Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit zu teilen. Die mittelalterliche Festung im Sauerland - damals wie heute eine Jugendherberge – war im Jahr 1959 Ort einer unvergesslichen Klassenfahrt.

Die alte Schule steht noch, und auch der ehemalige Klassenraum. Gisela Ackermann, die für das Klassentreffen aus München angereist war, hat sich außerdem vergewissert, dass auch ihr Elternhaus in der Buddestraße von seinen neuen Besitzern gut gepflegt wird. Aber drumherum hat sich die kleine Findorffer Welt verändert. „Die Häuser sind größer geworden, und es gibt viel mehr Autos“, erzählt sie. „Wir haben früher auf dem Utbremer Ring Volleyball gespielt. Die Straße war damals noch nicht asphaltiert, und es kam höchstens alle halbe Stunde einmal ein Auto vorbei.“

Sonntagsnachmittags verabredete man sich zu Tanztees in der Munte oder im Borgfelder Landhaus. Unter der Woche bahnten sich die ersten unschuldigen Liebschaften an der Ecke Hemmstraße an, berichtet die Wahlbayerin. „Wenn ich zu spät nach Hause kam, gab es eine Ohrfeige. Auch wenn es noch lange nicht dunkel war.“

Mädchen in Bleistiftröcken

Die Mädchen in Bleistiftröcken und flotten Pepita-Kostümen, die Jungs mit Anzug, Krawatte und sorgfältig arrangierten Kurzhaarfrisuren: So brav und ordentlich schauen sie bei ihrem Abschlussfoto in die Kamera. Das originale Klassenbuch erzählt jedoch davon, dass die Findorffer Teenager allerhand Flausen im Kopf hatten. So fiel Schüler X (die Namen sollen hier nicht genannt werden) „durch große Unordnung auf“, und konnte sich partout nicht erinnern, wo seine Hausaufgaben gelandet sein könnten. Schüler Y verdiente eine Rüge, weil er „während des Vorlesens eines ernsten Gedichtes herumgealbert„ hatte, und Schüler Z erntete pädagogisches Missfallen, weil er auf dem Rückweg von einem Ausflug beim Rauchen erwischt wurde. „Wir waren schon ein bisschen wild“, erzählt Herbert Sitte vergnügt.

Von den einst insgesamt 30 Klassenkameradinnen und –kameraden der Geburtsjahrgänge 1941 bis 1943 waren rund die Hälfte der Einladung in ihre alte schulische Heimat gefolgt. Mittendrin Helmut Stelljes, der auch 60 Jahre nach der gemeinsamen Schulzeit optisch in der Gruppe kaum auffiel. Als junger Lehrer hatte er die Klasse bei ihrer erinnerungswürdigen Sauerland-Reise begleitet und war mitverantwortlich für eine Nachtwanderung, die sogar die Geistlichkeit in Aufruhr brachte. „Ich fand das Programm ein bisschen langweilig", sagt der heute 86-Jährige erklärend.

In Pyjamas und Nachthemden, angeführt von Lehrer Stelljes mit seiner Gitarre, zogen die Findorffer Jugendlichen spätabends im Gänsemarsch durch das Örtchen. Auf den Lippen den River-Kwai-Marsch, den „Mega-Hit„ der Saison. Der amtierende katholische Pfarrer fand die Prozession gar nicht lustig: „Es war der Abend vor Fronleichnam, und wir handelten uns dafür eine Beschwerde ein“, erinnert sich Stelljes, der später eine wissenschaftliche Laufbahn einschlug und seit vielen Jahren als renommierter Autor, Fotograf und „Botschafter Worpswedes“ aktiv ist.

Faible für unkonventionelle Methoden

Auch als Lehrer für Mathematik, Chemie und Physik hatte er ein Faible für unkonventionelle Methoden. „In der Schule gab es diesen Physikraum, der voller Geräte stand, die nie benutzt wurden„, erzählt Herbert Sitte. „Er erlaubte uns, freitagnachmittags nach Schulschluss dort herumzuexperimentieren.“ Mit seinem Engagement über die Dienstzeit und den Lehrplan hinaus kann sich der ehemalige Lehrer wohl anrechnen, dass ein guter Teil seiner ehemaligen Schüler später eine Ausbildung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich absolvierten, sagt Sitte.

Auch in den Wirtschaftswunderjahren war es alles andere als einfach, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, erklärt Ursula Brings. „Wir mussten auch damals viele Bewerbungen schreiben“. Elke Willer fand eine Lehrstelle als Versicherungskauffrau. „Ich war der erste weibliche Lehrling in der Firma", erzählt sie. Der Ausbildungsleiter in der Berufsschule habe die insgesamt fünf Mädchen der Klasse in der ersten Unterrichtsstunde mit den Worten begrüßt: „Euch will ich in der nächsten Woche hier nicht mehr sehen!“.

Das weckte den Ehrgeiz der Mädchen umso mehr, erzählt Willer, die in der Starnberger Straße groß geworden ist. „Wir haben alle fünf unsere Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.“ Überhaupt sah auch der Lehrplan die Schülerinnen als künftige Hausfrauen und Mütter, berichten die Ehemaligen. „Mein Baby“ hieß der als Unterrichtsmaterial getarnte Werbefilm eines Milchpulverherstellers, erzählt Elke Willer. „Aber anschauen mussten ihn nur wir Mädchen.“

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