Protest gegen Parken auf Gehwegen

Eine verfahrene Situation

Mitglieder der Initiative „Platz da" wickeln ein Auto in Packpapier, um gegen das gewohnheitsmäßige Parken auf Gehwegen zu demonstrieren. Und sie erleben die erwarteten, kontroversen Reaktionen.
15.01.2019, 16:57
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Ein Foto und ein paar Zeilen lösten am vergangenen Sonnabend eine leidenschaftliche Diskussion aus. Die Bürgerinitiative „Platz da“ hatte ein fremdes Auto in Packpapier verhüllt, um Aufmerksamkeit für die verfahrene Parksituation in der Stadt zu schaffen. Die öffentlichkeitswirksame Aktion erzeugte kontroverse Reaktionen und bewies: In dieser Hinsicht ist vielen Stadtbewohnern schon lange der Spaß vergangen. Doch ob es weniger Autos oder mehr Parkplätze geben sollte - daran schieden sich die Geister.

Für den Freitagnachmttag hatten die Initiative und der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) nach Findorff eingeladen und Minuten vor dem vereinbarten Termin den genauen Treffpunkt durchgegeben: Ausgesucht hatte man sich die kleinen und permanent dichtgeparkten Wohnstraßen im Quartier Findorff-Bürgerweide. Spontan getroffen hatte es dann einen dunkelgrauen Kleinwagen, der an der Timmersloher Straße aufgesetzt auf dem Gehweg geparkt hatte. Und zwar so dicht am Vorgartenzaun, dass Bewohner mit Kinderwagen, Fahrrad oder Rollator die Kurve nicht gekriegt hätten und Fußgänger sich nur im Gänsemarsch daran vorbeizwängen konnten. Nur ein Beispiel von vielen, erklärte Initiativen-Sprecher Manuel Warrlich: „Wir hätten hier fast jedes Auto nehmen können.“ Der Wagen wurde vom Dach bis zum Schutzblech eingewickelt, und mit einem Banner inklusive Kontaktadresse der Aktivisten versehen. Dazu gab es den Hinweis „Parke nicht auf unseren Wegen. Eure sind breit genug!“: Eine Mahnung, künftig auch an Menschen wie Malte Halim zu denken, der sich mit seinem Rollstuhl nur mit Mühe seinen Weg bahnen konnte. Für den 46-jährigen Findorffer eine ganz alltägliche Situation, erklärte er.

Parken nur noch gegen Gebühr

Wie sehr Autos den öffentlichen Raum dominieren, das ärgert eine Gruppe von Bremerinnen und Bremern so sehr, dass sie sich vor einigen Monaten zur Initiative „Platz da!” zusammengeschlossen haben, so Warrlich. „Wir wollen Aufmerksamkeit für die Belange von Fußgängern und Radfahrern schaffen“, erklärte der 30-jährige Student der Stadt- und Regionalentwicklung, der in der Bremer Neustadt lebt. Mit kreativen Aktionen wolle man der Forderung an die Bremer Politik und Verwaltung Nachdruck verleihen, endlich mit dem öffentlichen Raum verantwortlich und wertschätzend umzugehen, erläuterte Wolfgang Köhler-Naumann. Die Initiative wünsche sich „breite Wege, weite Straßen, saubere Luft, Nachbarschaft als Ort der Begegnung und nachhaltige Mobilität“, heißt es auf der Internetseite www.platzda-bremen.de. Kurz: „Städte für Menschen“.

Im Sommer des vergangenen Jahres wurde ein Bürgerantrag formuliert, für den laut Warrlich inzwischen mehr als 1000 Unterschriften gesammelt wurden. Freiraum schaffen will man über konsequentere Verkehrsüberwachung und das Abschleppen verkehrsgefährdender Fahrzeuge sowie die flächendeckende Bewirtschaftung des innenstadtnahen Parkraums – sprich: das Ende kostenlosen Parkens. Die erzielten Parkgebühren sollen laut Initiative in den Fuß- und Radverkehr investriert werden. „Das alles ist natürlich nur Schritt für Schritt umzusetzen“, erklärte Köhler-Naumann, der sich auch als Mitglied des „Bremer Bündnisses für die Verkehrswende“ für einen „Masterplan Parkraumbewirtschaftung“ einsetzt.

240 Facebook-Kommentare beim WESER-KURIER

Die Aktion wollte „mit einem Augenzwinkern“ auf die Unzumutbarkeit illegal parkender Autos in den Straßen hinzuweisen, so Naumann. Das fanden allerdings nicht alle Leserinnen und Leser des WESER KURIER lustig. Unter den knapp 240 Reaktionen auf die Facebook-Veröffentlichung gab es auch reichlich Kritik: „Frechheit!“, „Sachbeschädigung!“ und „Selbstjustiz!“ schimpften manche und riefen nach Polizei und Staatsanwaltschaft. Mehrfach hingewiesen wurde auch darauf, dass oft Mülleimer und am Zaun festgekettete Fahrräder die Gehwege blockieren.

Er wünsche all jenen, die die Aktion nicht verstünden, nur einmal eine Woche im Rollstuhl, kommentierte dagegen Volker Graaf. „Sehr gute Aktion, denn die Polizei macht gar nichts“, lobte Leser Manfred Schmidt. Auch Erika Caseus begrüßte die Aktion „gegen eine Form der zunehmenden Rücksichtslosigkeit, unter der nicht selten Schwächere zu leiden haben“. Facebook-Nutzer „Fabi Ko“ riet, alle Falschparker zur Kasse zu zwingen, denn „scheinbar hat es sich ja in die Köpfe eingebrannt, dass es erlaubt sei, Fußwege zu beparken“. Wer vor der eigenen Haustür nicht legal parken könne, müsse sich eben einen weiter entfernten Parkplatz suchen, fand Marcel Hartmutson. „Ich wäre zwar sauer, aber es würde mich bestimmt zum Nachdenken anregen“, kommentierte Werner von Stein. „Wir brauchen mehr Toleranz im Umgang miteinander“, appellierte Jens Krummreich. „Egoismen, Dogmatismus und Sachbeschädigung sind die falschen Ansätze.“

Wagenbesitzer machte keinen Ärger

Die Initiative habe sich ein solch deutliches Echo erhofft, bilanzierte Wolfgang Köhler-Naumann: Denn sie zeige, wie viele Menschen unter der „desolaten Mobilitätspolitik der großen Parteien und Institutionen“ litten, die „ihre Worte zum Gehwegparken im breit getragenen Bremer Verkehrsentwicklungsplan seit Jahren Lügen straft.“ Ihn freue besonders, dass die öffentliche Diskussion die Zukunftsfähigkeit der individuellen Automobilität zunehmend in Frage stelle und sich nachhaltigeren Mobilitätsüberlegungen öffne.

Mit dem Fahrer oder der Fahrerin des verpackten Fahrzeugs hatte die Initiative übrigens keinen Ärger bekommen, berichtete der Ingenieur aus der Neustadt. Persönlich sollte die Aktion ohnehin nicht genommen werden. Sie diente vielmehr als Vehikel, das sich an die Verantwortlichen richtete, so Köhler-Naumann: Angesprochen fühlen sollten sich „Parteien, Institutionen und Ämter, die industriellen Produzenten der „Mein-Auto-meine Freiheit“-Ideologie, Polizei und Verkehrsüberwachung“.

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