Weiter Zoff um Recyclingstationen DBS-Pläne überzeugen nicht

Der Streit um geänderte Öffnungszeiten für die Recyclingstationen Walle und Oslebshausen nimmt kein Ende. Bürger und Beiratsmitglieder können die Pläne der Bremer Stadtreinigung nicht nachvolziehen.
10.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten

Weidedamm. Die Findorffer Recyclingstation soll ab dem 31. Januar wieder ihren Vollzeitbetrieb aufnehmen – vorausgesetzt, die Infektionslage lässt es zu. Doch wenn die Bremer Stadtreinigung (DBS) ihr Entwicklungskonzept wie geplant umsetzt, werden eingeschränkte Öffnungszeiten und Leistungen voraussichtlich ab dem Jahr 2022 der Normalfall sein. Der Findorffer Bauausschuss und mehr als 40 zugeschaltete Bürgerinnen und Bürger ließen sich die Pläne und Argumente der DBS im Detail vorstellen und blieben doch unbeeindruckt. Die kommenden Monate sollen dazu genutzt werden, eine bessere Lösung für den Bremer Westen zu erreichen.

Dem neuen Konzept waren monatelange Vorarbeiten vorausgegangen, erklärte Christian Vater, Leiter der Abteilung Deponie und Recyclinghöfe bei der Bremer Stadtreinigung. Dabei habe man die Systeme in dreißig deutschen Großstädten betrachtet und moderne Vorzeigestationen besichtigt. Im Vergleich wiesen viele der 16 Bremer Stationen deutlichen Verbesserungsbedarf baulicher, verkehrstechnischer oder ergonomischer Art auf. Die wichtigsten Ziele der Umstrukturierung seien ein besserer Service für die Kunden und bessere Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter bei gleichzeitiger Stabilität der Gebühren, so Vater. In der Diskussion seien mehrere mögliche Szenarien gewesen. Der Verwaltungsrat habe sich dabei nicht für die günstigste Lösung entschieden, die mit der Konzentration auf vier zentrale Stationen erreicht worden wäre. Der „Entwicklungsplan 2024“ sieht vielmehr die Erhaltung sämtlicher Standorte vor. Die Stationen Hulsberg und Osterholz sollen bis 2024 zu „top-modernen“ Stationen ausgebaut werden. Zu den sieben „modernen“ Standorten zählt unter anderem die Station Blockland. Die sieben kleinsten Stationen – darunter Findorff und Oslebshausen – sollen zu Grünstationen umgewandelt werden, in denen künftig zwischen März und November an zwei Wochentagen sowie sonnabends vorwiegend Grünabfälle, aber auch weiterhin Glas, Textilien und Elektrokleingeräte in Containern abgegeben werden können.

Unterm Strich sieht die DBS viele Vorteile für die Bürger der Stadt: Statt aktuell vier soll es künftig sieben „Vollsortimenter“-Stationen geben, an denen Abfälle aller Art abgegeben werden können. Die modernen Stationen sollen so gestaltet werden, dass die Kunden ihre Anfälle schneller, komfortabler und zu erweiterten Öffnungszeiten entsorgen können. Und schließlich führen weniger Containertransporte zu weniger CO2-Ausstoß.

In Findorff sei man über die Pläne „nicht begeistert“, untertrieb Bauausschusssprecher Ulf Jacob (Grüne): Der einstimmige Protest des Beirats sowie eine Liste von rund 700 Unterschriften, die Bürgerinnen und Bürger innerhalb kürzester Zeit gesammelt hatten, zeugen davon. Es gebe bei dem Konzept Gewinner und Verlierer, so Jacob: Und zu Letzteren müsse man nicht nur die Findorffer Nutzer zählen, sondern alle Stadtteile im Bremer Westen. Die Reduktion der wöchentlichen Öffnungszeit von 44 auf 15 Stunden sowie die dreimonatige Winterpause kommen faktisch einer Schließung gleich. „Nicht hinnehmbar“, so Jacob.

Sein Waller Amtskollege Karsten Seidel pflichtete ihm bei: Die Findorffer Recyclingstation sei auch für die Bürger aus den Stadtteilen Walle und sogar Gröpelingen wichtig, weil sie zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sei. „Sollen wir uns jetzt alle ein Auto zulegen, damit wir zur Blocklanddeponie fahren können?“, fragte sich der Bauausschusssprecher aus Walle. Laut Seidel haben die Verantwortlichen Zusatzkosten im Zusammenhang mit dem Abbau des Angebots nicht eingerechnet: Im Frühjahr habe sich gezeigt, dass die Schließung der Station automatisch zu einer Zunahme illegaler Müllentsorgung, zur Verdreckung der Fleete und einer Rattenplage geführt habe. Auch Ausschussmitglied Oliver Jäger (Grüne) kritisierte, dass das Konzept vor allem auf den motorisierten Verkehr zugeschnitten sei. „Die Erreichbarkeit für Radfahrer und Fußgänger wurde nicht berücksichtigt.“ Zuhörerin Nina Corda betonte die Bedeutung der Station gerade für ältere Menschen im Stadtteil. „Wenn dieses Angebot wegfällt, haben sie keine Alternative“, so die Findorfferin, die Senioren im Stadtteil betreut.

Die Findorffer Recyclingstation ist die älteste ihrer Art in Bremen und teilt sich das Gelände mit den rund 30 Mitarbeitern des Findorffer Recycling-Hofs in Trägerschaft der Gröpelinger Recycling-Initiative, der vor Ort unter anderem seinen Recycling-Shop, einen Quartiersservice sowie umweltpädagogische Veranstaltungen anbietet. Die Wurzeln des Findorffer Recycling-Hofs liegen in einem Modellversuch des Beschäftigungsträgers Jugendwerkstätten Bremen. Auf einem städtischen Gelände an der Innsbrucker Straße konnten ab April 1985 die Bewohner des Quartiers wiederverwertbare Abfälle wie Papier, Glas, Metalle, Textilien und Glas und sogar Küchenabfälle abgeben. Drei Monate später beschäftigte der Trägerverein bereits 16 Langzeitarbeitslose und betrieb zeitweise sogar eine „umweltfreundliche Müllabfuhr“ im Stadtteil. Nachdem das ursprüngliche Grundstück für den Bau von Reihenhäusern geräumt werden musste, konnte im Sommer 1997 ein Neubau an der Kissinger Straße bezogen werden. Welche Auswirkungen die Neukonzeption auf den Betrieb des Recyclinghofs haben werde, sei derzeit noch nicht abzuschätzen, erklärte Betriebsleiter Heiko Fritschen. Allerdings habe man bereits „konstruktive Gespräche“ mit der DBS führen können und nun ein Jahr Frist, „um das Problem in den Griff zu bekommen.“

Auch der Findorffer Beirat werde sich für nachträgliche Verbesserungen einsetzen, kündigte Jacob an. Er hoffe, dass die Stellungnahmen der Beiräte nicht einfach nur „in irgendwelchen Akten landen“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+