Sanitäter des DRK

Erste Hilfe auf dem Freimarkt

Die Sanitäter des DRK leisten auf dem Freimarkt bei Notfällen Erste Hilfe. Vor allem am Wochenende sorgen Betrunkene für viel Betrieb, hin und wieder haben die Sanitäter es auch mit einem Beziehungsaus zu tun.
27.10.2018, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Erste Hilfe auf dem Freimarkt
Von Helge Hommers

Zwei Laptops und ein Bildschirm thronen auf dem einen, ein Laptop und ein Bildschirm auf dem anderen Arbeitsplatz. Fallen die aus, helfen zwei Lagepläne an den Wänden weiter, auf denen der Freimarkt in Quadraten eingezeichnet ist. Die Tür des Containers ist immer offen, ab und an rauscht es aus einem Walkie-Talkie.

In einem zusammenklappbaren Einkaufskorb stehen leere, nebeneinander aufgereihte Red-Bull-Dosen. Unter einem der Arbeitsplätze wartet Nachschub. „Irgendwann schmeckt einem der Kaffee nicht mehr“, sagt Rafael Kiel vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Noch bis zum Sonntag hat der 53-Jährige zusammen mit Dennis Dufeu die Einsatzleitung für die Erste-Hilfe-Station auf dem Freimarkt inne.

Denn Bremens Hilfsorganisationen teilen die Arbeit unter sich auf: Am Eröffnungswochenende kümmerte sich der Malteser Hilfsdienst um Schausteller und Besucher, die erste Hilfe benötigten. Nach dem DRK, das dann sechs Tage im Einsatz war, folgt der Arbeiter-Samariter-Bund, bevor die Johanniter-Unfall-Hilfe am Abschlusswochenende übernimmt. „Bei Personalmangel unterstützen wir uns gegenseitig“, sagt Dufeu.

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Der 38-Jährige und Kiel kommen nur im Notfall aus ihrem Container heraus. Für gewöhnlich koordinieren sie die Teams, die immer in Zweiergruppen losziehen. So wie Marcel Haase und Dalila Dirkmann, die am Donnerstagnachmittag Dienst haben. In weiten grauen Hosen mit weißen Leuchtstreifen an den Waden und den traditionell rot-weißen Jacken ziehen sie los zur ersten von zwei Runden, die sie pro Schicht drehen.

Beide sind ehrenamtlich für das DRK tätig. Die wenigsten Teammitglieder machen die Arbeit hauptberuflich. „Die Mischung macht‘s“, sagt Einsatzleiter Dufeu. Einige Ehrenamtliche nehmen sich sogar extra Urlaub für den Dienst auf dem Freimarkt. Haase, der eine Ausbildung zum Notfallsanitäter macht, hat zwei Tage frei, die er statt zu Hause auf dem Sofa auf dem Volkfest verbringt. Seine Begleiterin Dirkmann, die sich in der Ausbildung zur Optikerin befindet, hat nachmittags Zeit, weil sie gerade zur Berufsschule geht.

Nur wenige Einsätze unter der Woche

Für die beiden ist es eine ruhige Runde. Erste Hilfe ist keine von Nöten. Ohnehin fallen unter der Woche nur wenige Einsätze an. Bei den meisten geht es um Kreislaufprobleme, weil die Besucher zu viel gegessen oder zu viele Karussells besucht haben. Andere sind umgeknickt oder brauchen ein Pflaster, weil sie sich den Finger geschnitten oder gequetscht haben.

Das Schlimmste, was Haase bei einem Einsatz gesehen hat, war eine offene Unterschenkelfraktur. Die hatte sich ein Besucher zugezogen, als er auf nassem Untergrund ausrutschte. Am Wochenende ändert sich das Patientenbild, sagt Haase: „Dann sind es oft die Betrunkenen.“ Vor allem Abends müssen in erster Linie Alkoholvergiftungen oder Verletzungen nach Schlägereien verarztet werden.

Im schlimmsten Fall sind die Sanitäter alle zehn Minuten im Einsatz, bis zu 70 Hilfeleistungen pro Schicht sind möglich. Nicht jeder Besucher sieht es wegen des hohen Alkoholpegels aber ein, dass er Hilfe benötigt – selbst dann nicht, wenn eine Platzwunde an seinem Kopf klafft. Wer behandelt werden muss, wird meist zur Erste-Hilfe-Station gebracht. „Weil es sonst zu laut, zu kalt und zu voll ist“, sagt Dirkmann.

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Was sich in den vergangenen Jahren verändert habe, sei das gesteigerte Agressionspotenzial, sagt Haase. Gerade wenn einiges los ist, muss der 26-Jährige sich bei Einsätzen durch das Gedränge schieben und drücken, um voranzukommen, was hin und wieder mit Pöbeleien quittiert wird. „Die meisten Leute drohen aber mehr, als dass sie einem wirklich etwas tun“, sagt Dirkmann. Wenn sie Feierabend hat, bleibt die 20-Jährige gerne noch auf dem Freimarkt und legt dann den Job als Sanitäterin ab. Auch für Haase stelle es eine „Pflicht“ dar, mit Freunden und Familie über den Freimarkt zu gehen.

Nach ihrem 45-minütigen Rundgang kehren er und Dirkmann zur Erste-Hilfe-Station zurück, die von Gitterzäunen umgeben ist. In dem umfassten Bereich parken um einem Müllcontainer und einem Wohnwagen, in dem verloren gegangene Kinder betreut werden, ein Rettungswagen, ein Krankentransport und ein Kommandotransport. Neben dem Container für die Einsatzleitung stehen zwei Container, in denen Notfälle behandelt werden, und einer, in dem sich die Sanitäter aufhalten.

Immer mal wieder Herzinfarkte und Schlaganfälle

Unter der Woche haben 18 Leute pro Schicht Dienst, von Freitagmittag bis Sonnabendnacht sind es 26 Einsatzkräfte sowie ein Notarzt. Wer keine Runde dreht oder im Einsatz ist, vertreibt sich die Wartezeit mit Kartenspielen – oder mit dem Legespiel „Esel“, das im Mannschaftscontainer hoch im Kurs steht. Eine Schicht dauert sechs Stunden.

Die erste beginnt um zwölf Uhr mittags, die zweite endet um Mitternacht. Die Einsatzleiter Dufeu und Kiel erledigen hingegen beide Schichten. Zusammen kommen sie auf 50 Jahre Freimarkterfahrung, in denen sie einiges erlebt haben: „Das Spektrum reicht von neuem Leben bis zum Tod“, sagt Dufeu. So habe es auf dem Freimarkt schon einmal eine Geburt gegeben, es sei jedoch auch vorgekommen, dass die Sanitäter einen Schausteller tot in seinem Wohnwagen aufgefunden hätten. „Der Freimarkt ist wie ein Stadtteil für sich“, sagt Kiel.

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Herzinfarkte und Schlaganfälle kämen bei einer so hohen Anzahl von Besuchern daher immer wieder mal vor – teilweise unabhängig vom Treiben um sie herum. Die Erste-Hilfe-Station wecke aber auch Begehrlichkeiten bei Leuten, wie Kiel sagt, die nicht an Verletzungen oder Übelkeit leiden. Ab und an müssen die Einsatzleiter daher auch die psychologische Betreuung übernehmen, wenn etwa auf dem Freimarkt eine Beziehung beendet wurde. In solch einem Fall wendet sich Kiel an den Verlassenen und spricht aus, was seine Oma schon gesagt hat: „Es gibt nicht nur eine Handvoll Leute, sondern ein ganzes Land voll.“

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