Drei Autorinnen aus dem Bremer Westen erzählen im Findorffer "Nahbei" von ihrem mörderischen Vergnügen "Es macht einfach Spaß, böse zu sein"

Die Bilanz dieser Veranstaltung im Findorffer Nachbarschaftshaus Nahbei ließe sich in drei Thesen zusammenfassen. Erstens: Überall in Bremen geht die Mordlust um. Zweitens: Besonders gefährdet sind Ehegatten und sonstige Lebensabschnittspartner. Und drittens besteht der Verdacht, dass die Lehrerinnen der Stadt dabei eine überdurchschnittliche kriminelle Energie an den Tag legen.
12.01.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Die Bilanz dieser Veranstaltung im Findorffer Nachbarschaftshaus Nahbei ließe sich in drei Thesen zusammenfassen. Erstens: Überall in Bremen geht die Mordlust um. Zweitens: Besonders gefährdet sind Ehegatten und sonstige Lebensabschnittspartner. Und drittens besteht der Verdacht, dass die Lehrerinnen der Stadt dabei eine überdurchschnittliche kriminelle Energie an den Tag legen.

Findorff-Bürgerweide. Übermäßige Sorgen musste sich das Publikum dennoch keineswegs machen. Was Mirjam Phillips aus Findorff, Anja Ulbig aus Walle und Kathrin Wischnath aus Gröpelingen zu erzählen hatten, wurde mit reichlich Amüsement vernommen. Denn die Verbrechen, von denen die drei Bremerinnen berichteten, finden ausschließlich zwischen zwei Buchdeckeln statt, und die drei literarischen Täterinnen sind im wirklichen Leben über jeden Zweifel erhaben. Dass man beim Schreiben von Krimis lustvoll die Gelegenheit nutzen könne, "Phantasien auszuleben", berichtete Mirjam Phillips gut gelaunt. Kathrin Wischnath konnte das bestätigen: "Es macht einfach Spaß, böse zu sein", gestand die Autorin.

Wie zum Beispiel im Falle des demenzkranken Bremers, den Kathrin Wischnath schilderte. Die Gröpelinger Autorin und Journalistin, die in Bremen auch als Teil des Krimi-Trios "Die Bittersüßen" bekannt ist, beschrieb, wie ihre Täterin während eines Spazierganges im Überseehafen mittels einer überdosierten Kombination aus Herztropfen und Aufregung dem Schwiegervater ein Ende bereitet. Die Lokalität ihrer Geschichte "Wie von einer langen Reise" war dabei weit mehr als Kulisse: Denn ebenso wie die Vergangenheit in Bremens historischem Hafengebiet war die Erinnerung des älteren Herrn nur teilweise zugeschüttet. Und damit die Gefahr zu groß, dass er das Geheimnis ausplaudern könnte, das nur zwischen den Zeilen angedeutet wird - ihn aber mit seiner um die respektable Fassade bemühten Schwiegertochter offensichtlich in nicht nur väterlicher Weise verbindet.

Der Waller Gesundheitsberater

Ebenfalls in Walle hat die Bremer Deutsch- und Französischlehrerin Anja Uhlig ihren Kriminalfall verortet: Wo die "wellenförmig gepflanzten Osterglocken" am Straßenrand blühen, und wo sich die teuren Lagen des Stadtteils befinden, werden Ortskundige mühelos identifizieren können. Mit spitzer Zunge charakterisierte die Autorin in ihrem Kurzkrimi "Plötzlich und unerwartet" ihren Protagonisten Marcus: Einen charmanten und attraktiven Bonvivant, der sich als selbsternannter "Gesundheitsberater" mit blauen Augen, verständnisvollem Blick und der Verordnung harmloser Zusatzstoffe besonders bei Damen fortgeschrittenen Alters großer therapeutischer Erfolge erfreut.

Seine leichtlebige unwissenschaftliche Existenz gerät ins Wanken, als der Ehemann einer seiner Patientinnen einem offensichtlichen Giftmord zum Opfer fällt. Doch da sich der Verdacht im Laufe der Ermittlungen als unbegründet erweist, ist es gut möglich, dass der harmlose Scharlatan auch heute noch seine florierende Praxis im Waller Wied weiterführt.

Dass Mirjam Phillips, gebürtige Findorfferin, wohnhaft in Habenhausen und die zweite Lehrerin des Trios, ein Neuling in der Krimi-Landschaft ist, war weder ihrem Werk noch ihrem Vortrag anzumerken. Mit viel Sprachwitz versetzte sie sich in ihr literarisches Alter Ego, dem ein ganz spezieller Regenschirm sowohl als vermeintliches Mordmotiv als auch als konkrete Tatwaffe dient. Das charakteristische Accessoire begegnet der Titelheldin und der Leserschaft zwischen Domsheide und Weserpark immer wieder und liefert der Protagonistin letztendlich reichlich Argumente, den arbeitsscheuen und unverlässlichen Partner auf seine letzte Ruhestätte auf dem Osterholzer Friedhof auszulagern - "Zeitmanagement" nennt das die genervte Täterin. Dass sich auf dem besagten Friedhof der Ursprungsverdacht als unhaltbar erweist, sich aber gleichzeitig ein neuer ergibt, gehörte zu den überraschenden Wendungen der Story, die das Publikum mit vergnügter Anteilnahme verfolgte.

Das Netz "Mörderischer Schwestern"

Das sich Krimis einer besonders begeisterten Anhängerschaft erfreuen, die immer wieder auf der Suche nach unterhaltsamen Neuentdeckungen ist, ist nichts Neues. Dass aber auch in unserer Region eine ungewöhnliche literarische Aktivität dieser Art zu verzeichnen ist, auch darauf wollten die drei Autorinnen bei dieser Gelegenheit aufmerksam machen. Im gesamten deutschsprachigen Raum haben sich inzwischen 500 Krimi-Liebhaberinnen zum Netzwerk "Mörderische Schwestern" zusammengetan, und unterstützen sich als Autorinnen, Verlegerinnen beziehungsweise Leserinnen gegenseitig mit literarischem und publizistischem Know-How und Expertenwissen.

Kostproben der kriminellen Produktion bietet die Anthologie "Im Morden was Neues" mit 23 Kurzkrimis, die im norddeutschen Raum spielen - darunter auch Fälle aus Bremen. Und Fans von Krimis mit lokalem Bezug können sich schon auf das kommende Jahr freuen: Dann soll eine Anthologie der Bremer "Mörderischen Schwestern" erscheinen, bei der kein Bremer Stadtteil unbehelligt bleibt.

Ausgeheckt hatten den Plan, die Krimiautorinnen für eine Lesung nach Findorff einzuladen, Nahbei-Leiter Simon Brukner und Barbara Hüchting, Chefin des "Findorffer Bücherfensters". In Zukunft werden sie regelmäßig an jedem ersten Mittwoch im Monat zum Literaturabend einladen, kündigte Simon Brukner an. Die nächste Veranstaltung ist für Mittwoch, 1. Februar, ab 18 Uhr geplant. Spannend wird es dabei auf eine ganz andere Weise: Die Bremerin Erika Momsen, Autorin des Stadtführers "Bremen in der Tasche", wird dann Geschichten und Anekdoten aus der Hansestadt lesen und erzählen.

Weitere Informationen über die "Mörderischen Schwestern" finden sich im Netz unter www. moerderische-schwestern.eu.

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