Bereits für den Bundespreis qualifiziert Für die Bienen und die gute Nachbarschaft

Der Saatgutautomat der Findorffer Familie Mai ist eine ausgezeichnete Idee und für den hoch dotierten Deutschen Nachbarschaftspreis 2020 qualifiziert.
22.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Weidedamm. Saatgut aus dem Kaugummiautomaten: Das befruchtende Angebot der Findorffer Familie Mai ist der Bremer Kandidat für den hoch dotierten Deutschen Nachbarschaftspreis 2020. Mehr als 200 Samenportionen für bienenfreundliche Blumen und Kräuter wurden in den vergangenen Monaten unter die Leute gebracht, und damit in der Stadt schätzungsweise 500 Quadratmeter Bienenweide geschaffen.

Die Saat ist gesetzt, ist fruchtbar und vermehrt sich. Zurzeit ist der Automat vor dem Haus an der Vogelweide 12 reich gefüllt mit Vorrat für das kommende Frühjahr – mit Zwiebelchen von Krokus und Winterling, Schachbrettblume und Sternhyazinthe. Manager, Marketingbeauftragter und Öffentlichkeitsarbeiter der gemeinnützigen kleinen Familienfirma ist der 13-jährige Jonte. Er sagt: „Wenn viele einen kleinen Beitrag leisten, kann dabei etwas Großes entstehen.“

Borretsch und Thymian, Ringelblumen, Malven und Ranunkeln, Mohn und Sonnenblumen: Was Bienen schmeckt und was sie zu ihrem Wohlergehen brauchen, weiß die Findorffer Familie genau. Seit sieben Jahren halten die Mais Bienenvölker auf ihrem Garagendach und versorgen Nachbarn und Freude mit dem Honig aus ihrer kleinen Imkerei.

Die Idee, einen alten Kaugummiautomaten zum öffentlichen Saatgut-Spender umzufunktionieren, entstand bei einem Flohmarktbummel in Berlin. „Die Automaten standen da überall“, wundert sich Armelle Mai-Thesing. Man schlug nicht zu – und bereute es später. Denn wie sich herausstellte, findet man so etwas nicht an jeder Ecke. Die Entdeckung Monate später in einer Internetauktion war daher ein Glücksfall.

In diesem Frühjahr wurde der knallrote Retro-Apparat mit einem selbst gebauten Gestell standfest gemacht und vor dem Hauseingang aufgestellt. „Es war die Zeit des Lockdowns – perfekt, um so etwas umzusetzen“, erklärt die Mutter von drei Söhnen. Die ersten Kapseln, gefüllt mit Samen aus dem eigenen Garten, fanden unter der Nachbarschaft derart reißenden Absatz, dass schnell klar wurde – Nachschub muss her. „Ich habe dann zuerst Saatgut nachgekauft“, erzählt Jonte. „Aber dann fing ich an, bei Saatgutfirmen nach Spenden anzufragen.“

Angesichts der Überzeugungskraft des jungen Bremers konnten die Adressaten wohl einfach nicht nein sagen. Als besonders großzügig erwies sich ein holländischer Händler, der sich auf Biodiversität spezialisiert hat. Beutelweise Saatgutmischungen für regionale Blumen und Kräuter, auf denen Bienen besonders viel Nahrung finden, wurden in die wiederverwendbaren Kunststoffkügelchen gepackt, die für je 50 Cent gezogen werden können. Ein guter Teil des Verkaufserlöses ging bereits als Spende an den Verein Klimazone Findorff.

„Die Sache mit dem Automaten hat sich herumgesprochen“, erzählt Jonte. „Es kamen viele Familien mit kleinen Kindern vorbei.“ Kundschaft kam auch aus ganz anderen Teilen der Stadt – wie der Herr, der mehrmals mit seinem Rollator per Bus anreiste, um Saatkügelchen für seinen Bekanntenkreis zu kaufen. „Es sind dabei so viele Kontakte und nette Gespräche entstanden“, sagt der Schüler. Und weiter: „So etwas macht mir richtig Spaß“.

Per Aushang – und so oft es geht auch persönlich – erklärte er all seinen Kunden, dass die Samen nur im eigenen Garten ausgesät werden dürfen und keinesfalls auf öffentlichem Grund oder gar in Grünanlagen oder im Bürgerpark. „Das würde das ökologische Gleichgewicht verändern, und das wäre gar nicht gut“, betont der junge Umweltaktivist, der von sich sagt: „Nichts tun, das kann ich nicht gut.“

Jonte, der sich auch im Horner Jugendbeirat und bei „Fridays for future“ engagiert, war im Rahmen einer Freitags-Demo durch Zufall auf die Ausschreibung für den Deutschen Nachbarschaftspreis 2020 gestoßen. Seit drei Jahren zeichnet die nebenan.de-Stiftung vorbildliche Projekte aus, die sich für ihr Umfeld einsetzen, das Miteinander in den Nachbarschaften stärken und Vereinsamung und Anonymisierung entgegenwirken. Die Stiftung ist die gemeinnützige Tochterorganisation des Berliner Sozialunternehmens Good Hood GmbH, das die Nachbarschaftsplattform nebenan.de betreibt. Ende November kam die Nachricht, dass die Findorffer Bewerbung mit dem Titel „Naturschutz to go“ als Bremer Landessieger ausgewählt und mit dem Preisgeld in Höhe von 2000 Euro belohnt wurde. „Bei 900 Bewerbungen hatte ich mir keine große Hoffnung gemacht“, gesteht Jonte. „Aber man muss immer an sich glauben.“

Das Preisgeld soll in den guten Zweck investiert werden. „Ich möchte am liebsten noch mindestens zwei oder drei weitere Saatgutautomaten aufstellen, vielleicht auch an Schulen“, erklärt Jonte. „Außerdem haben sich viele Kunden gewünscht, dass die Kapseln beim nächsten Mal themenbezogen gefüllt werden, zum Beispiel nur mit Kräutern, oder mit bestimmten Blühpflanzen.“ Auf Facebook und Internet sammelte der „Saatgutautomat Findorff“ innerhalb weniger Tage Hunderte Freunde. Über die sozialen Netzwerke kam Jonte auch in Kontakt mit einer Initiative aus Nordrhein-Westfalen, die sich ein Vorbild an der Findorffer Idee nehmen möchte. Witziger Unterschied, so Jonte: „Sie verwenden einen Kondomautomaten. Und sie nennen ihn: Den Samenspender.“

Als Bremer Vorzeigeprojekt hat sich der Saatgut-Automat automatisch als eines von 16 ausgewählten Projekten für den Bundespreis qualifiziert, der mit Preisgeldern zwischen 5000 und 10 000 Euro dotiert ist. Wer der Familie Mai die Daumen drücken möchte: Die Juryentscheidung fällt am Dienstag, 10. November, und kann ab 18 Uhr per Livestream über die Internetseite www.nachbarschaftspreis.de mitverfolgt werden. Noch etwas: Wer einen ausrangierten Kaugummiautomaten, der für die Ausgabe von Kapseln geeignet ist, spenden oder günstig vermitteln könnte, würde Jonte eine große Freude machen. Kontakt am besten über Facebook oder Instagram, Stichwort „Saatgutautomat Findorff“.

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