Wenn sich ein Dorf entzweit Findorffer Winterdorf droht das Aus

Der Vereinsvorstand vom Kulturzentrum Schlachthof und die Betreiber vom Findorffer Winterdorf gehen im Streit auseinander. Damit könnte das Winterdorf im kommenden Jahr ein neues Zuhause finden.
27.01.2020, 20:31
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Noch bis zum übernächsten Wochenende läuft das Findorffer Winterdorf vor dem Kulturzentrum Schlachthof. Dann ist Schluss für die Hüttensiedlung, wie man sie in Findorff sechs Jahre lang gekannt hat. Ob, wie und wo die „Noste“, die „Kapelle“ und die „Burg zum rollenden Stein“ im kommenden Winter aufgebaut werden, kann zurzeit niemand sagen.

Fest steht: Der Pachtvertrag der jetzigen Betreiber läuft Ende des Jahres aus. Und das Kulturzentrum Schlachthof will keinen Tag länger mit ihnen zusammenarbeiten. Kulturbehörde und die Findorffer Ortspolitik wollen sich in die Privatangelegenheit nicht einmischen. Umso eindeutiger sind die Stellungnahmen der Dorfbesucher. Nachdem die Gastronomen vor wenigen Tagen ihre „traurige Nachricht“ über das Soziale Netzwerk Facebook öffentlich gemacht hatten, äußerten Hunderte ihr Unverständnis und ihr Bedauern – im Internet genauso wie im echten Leben.

„Das kann doch nicht wahr sein“, „sehr schade“ oder „das geht gar nicht“, lautete der Tenor der Reaktionen. Es sei „unfassbar, dass man eine solch tolle Werbung für Findorff kaputt mache“, schimpft eine Kommentatorin. Mehrere andere sprechen sich dafür aus, den Findorffer Beirat um Hilfe zu bitten, oder gar eine Petition in der Bürgerschaft zu starten. Ein Gast schreibt: „Ihr werdet viele Menschen in und um Findorff sehr traurig machen!”

Scheidungsgrund sind offensichtlich unüberbrückbare Differenzen zwischen den Pächtern und ihren Vermietern. Auf der einen Seite stehen als Pächter die Betreiber der Schlachthofkneipe und des Winterdorfes, die in Findorff außerdem hinter dem Restaurant Little Butcher und dem Café Ihretwegen stecken.

Und auf der anderen Seite steht der Vereinsvorstand des Kulturzentrums Schlachthof als Vermieter. Der Abschied vom Schlachthof sei „nicht freiwillig„, sagen die Pächter um Oliver Trey. “Wir hätten hier gerne noch weitergemacht.” Anfang 2014 hatte das junge Gastronomen-Trio Trey, Sebastian Marx und Marvin Gray das Lokal im Schlachthof mit fast 40-jähriger Tradition übernommen – und schnell auch viel Zeit, Investitionen und Enthusiasmus in das Bespielen des Außengeländes gesteckt. Im Herbst desselben Jahres wurde erstmals das Findorffer Winterdorf aufgebaut.

Im siebenköpfigen Vereinsvorstand des Kulturzentrums sah man diese Aktivitäten mit Wohlwollen: „Als wir vor sieben Jahren einen neuen Pächter suchten, war es Teil des Anforderungsprofils, dass dieser neue Impulse setzen will und kann“, heißt es nun in einer Stellungnahme. Das Findorffer Winterdorf sei dafür ein gutes Beispiel, „denn es erfreut sich großer Beliebtheit.“ Man wehre sich daher gegen den Eindruck, man wolle das Winterdorf „blockieren“, erklärt Vorstandsmitglied David Zurborg.

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Der Verein stelle sich vielmehr vor, dass auch ein neuer Betreiber eine solche Veranstaltung durchführen könne. Der Betrieb von Veranstaltungen im Außengelände des Schlachthofs sei allerdings an Auflagen geknüpft, die vom derzeitigen Pächter „häufig nicht wie vereinbart eingehalten“ worden seien. „Neben vielen anderen Problemen“ habe dies zur Entscheidung geführt, den Pachtvertrag nicht zu verlängern. Mehr wolle man dazu nicht sagen, sagt Zurborg.

In den ersten Jahren habe man aus mangelnder Erfahrung manche Vorgaben nicht erfüllt, gibt Pächter Trey zu, „aber wir haben daran gearbeitet“. Für ihn klinge die Begründung „ein wenig vorgeschoben“. Als Ursache für die „große Verstimmung“ vermutet er eher, dass sein Team darauf beharrt hatte, dass „gravierende bauliche Mängel“ behoben werden müssen. Danach ist die Situation seinen Angaben zufolge „eskaliert“. Laut Trey redet man seit Monaten nicht mehr miteinander.

In der Kulturbehörde, die das Schlachthof-Kulturprogramm fördert, sind die Probleme bekannt: „Klare Ansage: In solche internen Dinge mischen wir uns nicht ein“, sagt Sprecherin Alexandra Albrecht. Und auch die Findorffer Ortspolitik will keine Stellung beziehen. Den Schlachthof als kulturelle Einrichtung und die dazugehörende Kneipe schätze man zwar sehr, und auch das Winterdorf sei natürlich „eine echte Bereicherung“ für den Stadtteil, sagt Beiratssprecherin Anja Wohlers (Grüne).

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„Wenn aber der Schlachthofverein den laufenden Vertrag mit dem Betreiber der Kneipe nicht verlängert, ist das eine Entscheidung, die vom Beirat nur zur Kenntnis zu nehmen ist.“ Deutlicher wird FDP-Vertreter Janos Sallai: „Der Verlust dieser Attraktion wäre für unseren Stadtteil nachteilig.“ Zwar seien Zuständigkeit und Möglichkeiten des Beirats in privaten und wirtschaftlichen Angelegenheiten sehr begrenzt. Er hoffe jedoch auf einen „einvernehmlichen Weg, um Findorff weiter mit diesem tollen Konzept zu versorgen“.

„Wir hätten uns mehr Unterstützung gewünscht“, sagt Trey. Zugesichert habe man ihm diese mittlerweile von offizieller Seite aus drei Bremer Stadtteilen, „die das Dorf gerne bei sich hätten“. Doch am liebsten wäre es ihm, wenn das Findorffer Winterdorf in seinem Heimatstadtteil bleiben könnte. Die Solidarität der Gäste ist ihm dabei gewiss: Die Reaktionen speziell der Findorffer Besucher in den wenigen Tagen seit der Bekanntgabe der Neuigkeit seien „bombastisch“, so Trey. „Ich weiß nicht, wie viele Leute sich bei uns bedankt und uns gut zugeredet haben. Das gibt unglaublich Kraft und motiviert uns natürlich umso mehr, eine Lösung für die Zukunft des Dorfes zu finden.“

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