Engagement Findorffs Marathon-Mann

40 Jahre ohne Pause. Der Findorffer August Kötter ist Bremens ausdauerndster Beiratspolitiker.
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Von Anke Velten

Marathonläufer brauchen Kondition und Durchhaltevermögen. Dreißig Marathons hat August Kötter in seiner aktiven Zeit geschafft. Und er hat gerade einen Langstreckenrekord aufgestellt, der bestimmt nicht so schnell übertroffen wird: Seit 40 Jahren engagiert sich der Findorffer ohne Unterbrechung in seinem Stadtteilbeirat. Die Senatskanzlei hat nachgeschaut: In ganz Bremen gibt es keinen Ortspolitiker mit einer derartigen Ausdauer. Nimmt man die Quote der Personenstimmen bei den Kommunalwahlen als Maßstab, dann wird der CDU-Mann auch immer wieder zum populärsten Beiratskandidaten in seinem Stadtteil gewählt.

Weil man in Findorff sehr wohl weiß: Kötter kümmert sich. Gründlich, ernsthaft und fleißig macht er sich jedes Anliegen zueigen, das ihm anvertraut wird. Jüngst war es der Findorffer Weihnachtsbaum, den eine Gruppe engagierter Bürger auf eigene Faust besorgt hatte. Im Hintergrund hatte Kötter den Boden bereitet. Er holte die nötigen Genehmigungen ein, machte die Stromversorgung klar, vermaß den Standort, besorgte im Baumarkt die passenden Befestigungsbohlen und eine wasserdichte Steckdose. Dann zuzusehen, wie viel Freude die Aktion auslöste: „So etwas“, sagt der drahtige 77-Jährige, „macht mir eben einfach Spaß“.

Praktiker ist der Mann von Haus aus, gelernter Elektriker, aber auch sonst für alle möglichen handwerklichen Arbeiten zu gebrauchen. „Ich repariere im Haus fast alles selbst“, erzählt er. August Kötter wuchs mit fünf Geschwistern in Sendenhorst auf, einer katholisch geprägten 6000-Seelen-Gemeinde im Münsterland. Die Eltern stammten aus Bauernfamilien, der Vater hatte sich als Geflügelexperte einen guten Ruf erarbeitet. Auf acht Jahre Volksschule folgte die Lehre, denn an die höhere Schule war in der Nachkriegszeit nicht zu denken, so Kötter. Das Abitur holte er 1966 auf dem Abendgymnasium nach, begann anschließend sein Studium zum Berufsschullehrer an der Universität Hamburg. 1972 erhielt er eine Referendariatsstelle an der Bremer Berufsschule für Elektrotechnik und blieb dort bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2005. 1972 hatte er auch seine Jugendliebe Margret geheiratet, zwei Söhne und eine Tochter kamen auf die Welt.

Findorff, erinnert er sich, war in den 1970er-Jahren noch eine graue Maus unter den Stadtteilen. Die Kötters fühlten sich dennoch sofort wohl, denn die Lage wkar gut, die Nachbarschaft bodenständig und das Wohnen bezahlbar. Dass der aktive Katholik und Christdemokrat am 17. Dezember 1979 seinen Beiratssitz antrat, kam, weil zu seinem Bekanntenkreis Hans-Joachim Schacht gehörte, damals Sprecher der CDU-Fraktion im Findorffer Beirat. „Ich dachte, da könnte ich auch mal mitmachen.“

Im damaligen Zwei-Parteien-Beirat spielte die SPD ihre Zwei-Drittel-Dominanz aus. „Anfangs durften die gar nicht mit uns reden“, erinnert er sich. Das änderte sich Jahre später, als eine dritte Partei einzog und ein Coup gelang, über den man stadtweit sprach: CDU und Grüne taten sich zusammen und wählten 1991 August Kötter zum Beiratssprecher. „Die SPD war anfangs verschnupft. Aber später lief es sehr gut. Ich habe immer darauf geachtet, dass alle zu Wort kommen.“ Er selbst wird allenfalls laut, wenn Herzensanliegen wie das Jugendzentrum und das Polizeirevier politisch auf dem Spiel stehen. „Ausflippen ist nicht meine Art“, sagt er. In Findorff standen in den 90ern aufregende Jahre bevor. Der Beirat hatte sich für die Bebauung eines großen Parzellengebiets ausgesprochen, um die Wohnungsnot im Stadtteil zu lindern. Zunächst hatte eine Truppe von Umweltaktivisten das Projekt „Weidedamm III“ verhindern wollen. Problematisch wurde es, als eine wachsende Szene von Unruhestiftern aus dem ganzen Land die aufgegebenen Parzellenhäuschen besetzte. Sachbeschädigungen, Brände, Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung. „Man traute sich dort gar nicht mehr hin. Im Stadtteil roch es ständig nach Rauch.“ Es gab diese legendäre Beiratssitzung, bei der Aktivisten eine Schubkarre mit Dreck über dem Podium ausschütteten. Vor allem durch das deeskalierende Engagement des damaligen Revierleiters Bertram Kittel konnten Gespräche aufgenommen werden. Den Besetzern wurde eine Alternativfläche angeboten, das Areal wurde bebaut, „und viele, die damals protestierten, wohnen heute dort“.

Das Durchhalten und Dabeibleiben lohnte sich. Denn in den vergangenen vier Jahrzehnten habe sich vieles zum Positiven im Stadtteil verändert, sagt Kötter. Auf dem Gelände der historischen Missler-Gebäude an der Hemmstraße, die 1986 abgerissen wurden („So etwas wäre heute gar nicht mehr vorstellbar“), entstand das erste Seniorenzentrum des Stadtteils und ein zentraler Ort für Findorff. Der Torfhafen, der vor 15 Jahren mit Hilfe von EU-Mitteln saniert wurde, habe sich von einer vernachlässigten Grünanlage zu einer beliebten Attraktion gemausert. Die Qualität der Schulen mit ihren engagierten Kollegien trage maßgeblich dazu bei, dass Findorff bei jungen Familien so begehrt ist. Sehr stolz sei Kötter auch auf das große Engagement der Bürger für die Flüchtlinge im Stadtteil. All diese Themen wurden und werden immer aktiv von ihm begleitet. „Viele Leute erkennen das an“, sagt er. „Aber man muss auch mit unbegründeter Kritik umgehen können“: Sie komme meist von Seiten derjenigen, die die begrenzten Möglichkeiten der rein ehrenamtlichen Ortspolitiker überschätzen.

Zum Positiven geändert habe sich auch längst der Umgangston im Beirat. „Einander zuhören und miteinander reden ist wichtiger als Parteilinien“, sagt Kötter. „Denn nur, wenn wir gut zusammenzuarbeiten, holen wir das Beste für Findorff heraus.“

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