Gastronomiebetriebe am Limit

Hoffen, dass die Angst schwindet

Mit Ausnahme von Clubs und Veranstaltungshallen ist der Großteil der gastronomischen Betriebe mittlerweile wieder geöffnet. Vom Normalbetrieb ist man jedoch noch weit entfernt – die Gäste bleiben zögerlich.
13.07.2020, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Anke Velten
Hoffen, dass die Angst schwindet

Hilferuf an der Tür eines Findorffer Lokals. Vor allem die Gastronomie leidet stark unter den Auswirkungen der Pandemie.

Roland Scheitz

Seit den Wochen des kompletten Lockdowns ist inzwischen einige Zeit vergangen. Der Wirtschaftsausschuss des Findorffer Stadtteilbeirats nahm seine erste öffentliche Sitzung danach zum Anlass, sich bei Findorffer Geschäftsleuten nach ihren Erfahrungen und dem aktuellen Stand der Dinge zu erkundigen. Das Fazit fällt durchwachsen aus: Die Einzelhändler lavierten mehr oder weniger gut durch die Krisenzeit. Große Sorgen muss man sich indes um die Kneipen, Cafés und Restaurants machen. Die gastronomischen Betriebe sind am Limit und teils auch darüber hinaus.

„Alle sind gebeutelt”, berichtete Gabriele Greger-Gleitze, die der Ausschuss als eine Vertreterin des Findorffer Einzelhandels zur Sitzung geladen hatte, „aber die Findorffer sind treue Kunden”. Die Weinhändlerin, die mit ihrem Geschäft an der Hemmstraße nicht von der Schließung betroffen war, berichtete den Ausschussmitgliedern von viel Solidarität der Kundschaft und der Geschäftsleute untereinander. „Findorff zeigt, dass man sich hier um seine Nachbarn kümmert”, sagte Greger-Gleitze. Bemerkbar mache sich zudem, dass die Kunden lieber in den kleinen Läden einkauften, „weil ihnen die großen Geschäfte Angst machen“.

Aufgrund der durchweg guten Erfahrungen mit Lieferdiensten, die eine ganze Reihe an Geschäften ihren Kunden während der Schließungszeit angeboten hatte, bewarb sich der Verein für das Förderprogramm der Bremer Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa, die den lokalen Einzelhandel durch den Aufbau gemeinschaftlicher Lieferservices stärken will. Die Findorffer Liefergemeinschaft, an der sich alle Geschäfte im Stadtteil beteiligen können, startete im Mai und ist vorerst befristet bis Oktober. Bei der Kundschaft müsse sich das kostenlose Angebot allerdings erst noch herumsprechen, weiß die Weinhändlerin.

Die Situation sei „nicht unbedingt rosig”, untertrieb Gastronom Oliver Trey, der mit seinem Team die Schlachthofkneipe, das Lokal „Little Butcher” sowie das Café Ihretwegen am Findorffmarkt betreibt. „Man merkt deutlich, dass die Leute noch sehr verunsichert sind, und dass viele Menschen zurzeit viel weniger Geld verdienen.” Mit Ausnahme von Clubs und Veranstaltungshallen sei der Großteil der gastronomischen Betriebe zwar mittlerweile wieder geöffnet. Vom Normalbetrieb sei man derzeit jedoch noch weit entfernt. „Kein Laden fährt zurzeit Gewinne ein. Viele krebsen bei einem Bruchteil des gewohnten Umsatzes herum. Weil jetzt viele Nachzahlungen fällig werden, die bislang gestundet worden waren, müssen oft die letzten Reserven an privaten und geschäftlichen Rücklagen verbrannt werden”, wusste Trey.

Die Genehmigung zusätzlicher Außenplätze sei eine wichtige Maßnahme, und werde auch in den meisten Fällen schnell erteilt. „Es klingt nach einem Tropfen auf den heißen Stein. Aber manchmal entscheidet der eine zusätzliche Tisch, ob ein Tag kostendeckend ist oder nicht.” Auffällig sei, dass viele Gäste offenbar bewusst die Innenräume mieden. Daher werde vor allem für kleine Lokale, die überhaupt keine Möglichkeit hätten, Außenplätze einzurichten, „die Schlinge immer enger.“ Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung, das unter anderem eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes und Überbrückungshilfen umfasst, sei sicherlich hilfreich. „Vor allem hoffen wir aber, dass die Angst der Leute weniger wird, damit sich die Restaurants selbst retten können”, so Trey. Kurz gesagt: „Wir brauchen ein Gegenmittel.”

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