Gesichter des Freimarkts

Joachim Steinbrück: „Manchmal weiß ich nicht, wo oben und wo unten ist“

Joachim Steinbrück nimmt den Freimarkt hauptsächlich durch Gerüche und Geräusche wahr, weil er blind ist. Welche Karussels für ihn ein Muss sind, erzählt der Landesbehindertenbeauftragte im Interview.
24.10.2018, 21:11
Lesedauer: 2 Min
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Joachim Steinbrück: „Manchmal weiß ich nicht, wo oben und wo unten ist“
Von Nina Willborn
Joachim Steinbrück: „Manchmal weiß ich nicht, wo oben und wo unten ist“

Joachim Steinbrück ist beim Land Bremen Vertreter der Menschen mit Einschränkungen.

Karsten Klama
Was ist Ihre erste Erinnerung an den Freimarkt?

Joachim Steinbrück: Gerade in Bremen angekommen, wohnte ich als Student in dem Wohnheim direkt über der Mensa der Universität und die Geräusche des Freimarktes wehten bis zur Uni herüber. Ohne damals zu wissen, dass es sich um den Freimarkt handelte, erfüllte mich der Wunsch, irgendwie dorthin zu kommen und einige Tage später besuchte ich ihn dann zum ersten Mal.

Mit welchem Karussell fahren Sie auf jedem Freimarkt?

Nessy und Commander. Irgendwann hat eine Freundin zu mir gesagt: ,Du gehst in die Dinger ja nur rein, weil du nichts sehen kannst.' Ich weiß in den Karussells manchmal wirklich nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Aber das macht es ja gerade spannend.

Welches Geräusch oder welchen Geruch verbinden Sie mit dem Freimarkt?

Offen gesagt, ist mir der Freimarkt an manchen Stellen zu laut. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich nicht mehr der Jüngste bin, der Geräuschebrei mir die Orientierung erschwert und man sehr laut reden muss, um sich zu verständigen. Manche Gerüche des Freimarktes gefallen mir richtig gut, zum Beispiel gebrannte Mandeln oder der Grillgeruch.

Was ist Ihre Lieblingssünde auf dem Freimarkt?

Leckere Sachen zu futtern.

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Was darf für Sie nie auf dem Freimarkt fehlen?

Ein buntes Angebot, das für alle Menschen etwas bietet.

Was muss ein Freimarkt-Neuling unbedingt machen?

Er sollte erst einmal eine Runde drehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Und dann entscheiden, was wirklich für einen interessant ist.

Was war Ihr größter Fehler?

Mein größter Fehler war, zu viel herzhaftes und süße Dinge durcheinandergegessen zu haben, weil mir davon schlecht geworden ist. Das ist aber schon lange her.

Warum wird es den Freimarkt auch noch in 100 Jahren geben?

Weil der Freimarkt so zu Bremen gehört wie die Weser und die Bremerinnen und Bremer ihre fünfte Jahreszeit gern gemeinsam feiern.

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Beschreiben Sie doch bitte mal Ihr typisches Freimarkt-Gefühl.

Jedes Jahr, wenn die Gerüche vom kleinen Freimarkt in mein Büro in der Nähe des Marktplatzes hineingeweht werden, zieht es mich nach draußen, um dabei zu sein. Ein besonderes Ereignis war in den letzten Jahren für mich auch immer der Freimarktsumzug, den ich mit meinen Geschwistern und meinem Vater besucht habe. Ich hatte dann immer das Gefühl, dass eine freudige Aufregung durch die Stadt wogte.

Freimarkt ist für mich …

… ein freudiges Ereignis, aber gleichzeitig auch der Beginn der dunklen Jahreszeit.

Die Fragen stellte Nina Willborn.

Info

Zur Person

Joachim Steinbrück (62) nimmt den Freimarkt durch Gerüche und Geräusche wahr. Als Blinder kann er die Lichter nicht sehen. Seit 2005 ist Steinbrück der Bremer Landesbehindertenbeauftragte.

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