Findorffer Bildungsausschuss

Kindertagesstätten am Limit

In Findorff fehlen in den Kitas mehr als 70 Betreuungsplätze.Mitarbeiterinnen der Kita St. Bonifatius fühlen sich der Infektionsgefahr gerade in den Kleinkindgruppen schutzlos ausgeliefert.
06.05.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten
Kindertagesstätten am Limit

Irmgard Jacobs hat die Kita St. Bonifatius im Ortsteil Weidedamm übernommen. Sie stellte sich und ihre Einrichtung jetzt dem Findorffer Bildungsausschuss vor.

Roland Scheitz

Weidedamm. Findorff hat eine neue Kita, und sie wird dringend gebraucht. Im September vorigen Jahres nahm die Kindertagesstätte St. Bonifatius an der Leipziger Straße im Ortsteil Weidedamm ihren Betrieb mit den ersten 40 Mädchen und Jungen auf. Zum neuen Kindergartenjahr 2021/2022 soll die Kita auf die Zielzahl von insgesamt 80 Mädchen und Jungen wachsen.

Den Bedarf wird das voraussichtlich jedoch nicht decken. Gemäß aktueller Daten der senatorischen Behörde für Kinder und Bildung fehlen im Stadtteil Findorff insgesamt 72 Betreuungsplätze für die Jüngsten. „Dramatisch“ fand man das im Findorffer Bildungsausschuss. Zum nächstmöglichen Termin will man von den zuständigen Stellen erfahren, wie dieser Mangel gedeckt werden soll. Kita-Beschäftigte wünschen sich aber auch, dass auch an ihre Situation gedacht wird.

Im Rahmen der aktuellen öffentlichen Sitzung war nicht mehr zu erfahren als die nackten harten Zahlen – der zuständige Referent der Behörde hatte sich aus terminlichen Gründen entschuldigen müssen und übermittelte den Stand der Dinge: Demnach fehlen in Findorff 20 Kita-Plätze für Mädchen und Jungen im Alter ab drei Jahren. Deutlich größer ist die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage für die Jüngsten: Für 52 Kinder unter drei Jahren werden Krippenplätze gesucht. Die Behörde verweise darauf, dass sich die Situation durch Angebote in benachbarten Stadtteilen entspannen werde, und sich in den verbleibenden Monaten noch einiges „zurecht ruckeln“ werde, hieß es. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, lautete die Einschätzung von Ausschusssprecherin Helga Eule.

Fachkräfte dringend gesucht

Zuvor hatte Irmgard Jakobs sich und ihre neue Kita vorgestellt: Nach 22 Jahren als Leiterin der katholischen Kita St. Hedwig in der Vahr hat sie die Leitung der neu gegründeten Kita St. Bonifatius und eines 14-köpfigen Teams übernommen. Aktuell werden dort 60 Kinder in den Zeiten von 8 bis 16 Uhr betreut, denen „viel Platz, großzügige Räume und zwei tolle Spielplätze“ eingerichtet worden seien, so die Leiterin. Die Kita in Trägerschaft des katholischen Gemeindeverbands (KGV) arbeitet nach religionspädagogischem Konzept. Für die Aufnahme sei die katholische Konfession aber keine Voraussetzung, erklärte Jakobs auf Nachfrage. Das Angebot sei von Anfang an auch von Eltern jeglicher Glaubensrichtung im Stadtteil sehr gut angenommen worden. Ein Problem sei es, Fachkräfte zu finden, so Jakobs. Sie sei aber zuversichtlich, dass das Team zum kommenden Kindergartenjahr komplettiert werden könne.

Hilfreich wäre in diesem Zusammenhang eine kostenfreie Ausbildung, merkte Susanne Ohlrogge-Hauser aus der Geschäftsführung des Trägervereins Familien in Findorff (Fif) an. Bislang müssten sich angehende Erzieherinnen und Erzieher im fünfstelligen Bereich verschulden. In einem offenen Brief, der vor allem an die Adressen von Bürgermeister Andreas Bovenschulte und Bildungssenatorin Claudia Bogedan gerichtet war (der WESER-KURIER berichtete) hatten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor allem ihren Wunsch nach mehr Wertschätzung ausgedrückt. „Wir können nicht mehr”, schilderte Fif-Erzieherin Miriam Meier stellvertretend die Situation in den Kitas.

Besonders hohe Belastung

Besonders hoch sei die Belastung vor allem in den Kleinkindgruppen. Mit Gruppengrößen zwischen acht und zehn sehr kleinen Kindern fühle man sich der Infektionsgefahr „schutzlos ausgeliefert”, so Meier. Enttäuscht sei man von den Verantwortlichen, die im Rahmen einer Telefonkonferenz im Februar dieses Jahres versprochen hatten, die Gruppen zu halbieren und auf den offenen Brief vom Ende April nie reagiert hatten. „An uns wird nicht gedacht”, so die Erzieherin.

Dass die Kitas von sich aus die Eltern bitten sollen, ihre Kinder möglichst zu Hause zu behalten, werde als „Abschiebung der Verantwortung” verstanden, ergänzte Ohlrogge-Hauser. „Wir verstehen sehr gut, unter welchem Stress die Eltern stehen”, betonte die Geschäftsführerin der Einrichtung, die in Findorff rund 150 Kinderbetreuungsplätze geschaffen hat. „Aber unsere Mitarbeiterinnen sind am Limit. Wir spüren, wie sich die Fronten verhärten.”

Info

Zur Sache

Kita mit Kirchturm

Im Mai 2019 wurde die Findorffer St.-Bonifatius-Kirche „profaniert“: Nach 60 Jahren als Gotteshaus sollte sie zur Kita mit Kirchturm umgebaut werden. Es war eine Vernunftentscheidung, denn die Kirche war im Laufe der Zeit viel zu groß für ihre im Laufe der Jahrzehnte immer kleiner gewordene katholische Gemeinde geworden. Seit 2007 war St. Bonifatius keine eigenständige Gemeinde mehr, sondern zusammen mit den ebenfalls aufgehobenen Gemeinden St. Josef, St. Marien und St. Nikolaus in der Kirchengemeinde St. Marien aufgegangen. Für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen wurde in der dritten Etage der „Bonifatiussaal“ eingerichtet.

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