Bremen-Findorff

„Laisser faire“ für die Stadt der Zukunft

Landschaftsarchitektin Verone Stillger erklärt den Findorffern, wie die grünen Dächer von Paris zum Klimaschutz inspirieren.
23.08.2018, 06:06
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Regensburger Straße. Wenn es darum geht, eine Großstadt umwelt- und klimafreundlicher zu gestalten, blickt alle Welt staunend auf die französische Hauptstadt. Paris hat sich auf den Weg gemacht, im Sinne von Klimaschutz, Gesundheit und Lebensqualität den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren, die Stadt viel grüner und ihre Bewohner zu Gärtnern zu machen. Die Bremer Landschaftsarchitektin Verone Stillger ist vor wenigen Tagen von einem Parisbesuch zurückgekehrt und erklärte, was die Stadtverwaltung selbst für den Klimaschutz tut, und wie erfolgreich sie ihre Bürgerinnen und Bürgerinnen mit dem Engagement ansteckt. Mitgebracht hatte sie Ideen und Inspirationen, an denen sich auch Bremen ein Beispiel nehmen könnte. Nicht zuletzt gehörte dazu auch ein wenig mehr französisches „Laissez faire“.

Im Rahmen des sehr gut besuchten Vortragsabends im Klimacafé an der Münchener Straße erinnerte sich die Referentin und langjährige Professorin der Hochschule Osnabrück an ihre eigenen Studienzeiten Anfang der 1980-er Jahre. Damals, erzählte sie, war sie mit ihrem Fahrrad in Paris angekommen und dafür von den Kommilitonen für verrückt erklärt worden: Unmöglich, viel zu gefährlich, war es seinerzeit, sich auf zwei Rädern im chaotischen Stadtverkehr zu bewegen. Der Leidensdruck wurde in der Metropole groß: Mit 20 000 Einwohnern pro Quadratkilometer herrsche eine „drangvolle Enge", erklärte Stillger. Pro Kopf stehen gerade einmal zweieinhalb Quadratmeter Grün zur Verfügung, das Leben in der Stadt werde von vielen Menschen als „unheimlich anstrengend" empfunden. Wer könne, verlasse Paris in den glutheißen Sommermonaten Richtung Land oder Meer.

Mittlerweile besitzt Paris das weltweit größte Leihfahrrad-System. Bis zum Jahr 2020 will die Stadt hundert Prozent fahrradtauglich sein. Zwischen 1990 und 2015 ist der Anteil der Autos am Stadtverkehr um fast die Hälfte gesunken, der Anteil der Radfahrer um das Zehnfache gestiegen. Vor allem seit „Madame le Maire“ das Zepter ergriffen hat, ist Paris jedoch im Wandel. Anne Hidalgo, seit vier Jahren sozialdemokratische Bürgermeisterin von Paris, verordnete der Stadt eine Klimaschutz-Therapie, deren Wirkung sich bereits bemerkbar mache. „Ich war skeptisch. Aber es hat sich tatsächlich viel verändert", berichtete Stillger. Fahrradstraßen wurden eingerichtet und Straßen, auf denen nur Busse und Taxis fahren dürfen. Geplant ist außerdem ein elektrischer Tram-Bus. In den kommenden drei Jahren sollen außerdem 30 Hektar mehr Grünflächen – darunter 300 städtische „Frischluftinseln" – geschaffen, 20 000 neue Bäume gepflanzt, ein Drittel aller Dächer und Fassaden begrünt sein. „Bei Neubauten und Aufstockungen mit mehr als 200 Quadratmetern Dachfläche ist die Begrünung verpflichtend", erklärte Stillger. Ein Drittel der Dachfläche müsse dabei durch urbane Agrikultur genutzt werden. Ehrgeizige Ziele, doch laut Stillgers Informationen nicht unrealistisch: „Bereits Ende 2018 soll ein Drittel aller Maßnahmen erfüllt sein. Damit ist man bereits viel weiter als erwartet." Zum Pariser „Plan Climat" gehören außerdem 40 Wasserzapfstellen in der Stadt, die viel Plastik sparen sollen: Dort können die Pariser ihre Wasserflaschen auffüllen. In den Gemeinschaftsküchen der Stadt – etwa den Schulkantinen – soll bis zum Jahr 2050 der Fleischverbrauch halbiert werden.

Die Landschaftsarchitektin zeigte Fotos von Hallenbädern, Parkhäusern, Sporthallen, Bürokomplexen, Hotels, Einkaufszentren und Edelkaufhäusern, die ihre einst öden Flachdächer in Anbau- und Erholungsflächen verwandelt haben, und auf denen nun Obst, Gemüse, Kräuter und essbare Blumen wachsen. Die Stadt selbst will bis 2020 300 eigene Gebäude begrünt haben – darunter Schulen, Krippen und Bibliotheken. Verlassene Bahngelände wurden zu Gemeinschaftsgärten, in denen sich die Nachbarschaft trifft. Fast 75 französische Unternehmen – darunter viele Vertreter der Immobilienwirtschaft, Transportunternehmen, aber auch Hochschulen, Hotels und Kaufhäuser – unterstützen das Programm „Parisculteurs“der Pariser Stadtverwaltung finanziell oder durch eigene Grün-Projekte, so Stillger.

Aktiv gefördert wird aber auch das Engagement der Bürgerinnen und Bürgerinnen vor Ort. „Végétalisons la ville!" lautet das Motto, das Grünprojekte in Nachbarschaften fördern soll. Mit Genehmigung der Stadt können Dachgärten angelegt, Kübel auf Trottoirs, Grünstreifen oder Baumscheiben bepflanzt werden. Innerhalb der vergangenen drei Jahre hat die Stadt bereits mehr als 1200 kleiner und größerer Einzel- und Gemeinschaftsprojekte genehmigt, fördert sie durch ein Einsteiger-Set aus Erde und Samen, Informationen, Fortbildungen – und großzügiges „Laissez Faire“ bei der Umsetzung. „Bedingung ist, dass nektarspendende Pflanzen angebaut werden. Ansonsten herrscht eine große gestalterische Toleranz", urteilte die Landschaftsarchitektin diplomatisch. „Die Leute sind total begeistert". Zumindest subjektiv sei der Effekt bereits spürbar, berichtete sie: So wie bei dem Cafébesitzer, der bereits von der schattenspendenden Begrünung des gegenüberliegenden Straßenstreifens profitiert hat, wie er ihr erklärte: Vorher waren seine Außenplätze an heißen Tagen nicht nutzbar.

Klare Ziele mit einem präzisen Zeithorizont, verpflichtende Regelungen, weniger Dogmatismus, sowie die Förderung der Motivation der Stadtbewohnerinnen und -bewohner durch Informationen, Inspirationen und wertschätzende Belohnungen: Dieses Vorbild empfahl Verone Stillger zur Nachahmung. „Überall in Paris sieht man Schilder: Gärtnern erlaubt!“ Für eine Stadt, in der man leicht anecken kann, wenn man nur unautorisiert einen Blumenkübel auf den Gehsteig pflanzt, fügte Moderator Ulf Jacob abschließend an: „Nur was von oben unterstützt wird, kann von unten befördert werden.“

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