Omas gegen rechts

Mit dem Rollator zur Demo

Gerda Smorra hat die Omas gegen rechts vergangenes Jahr in Deutschland mitgegründet. Jetzt gibt sie die Leitung der Bremer Gruppe an eine jüngere Oma ab, wie sie sagt. „Ich bleibe aber aktiv.“
05.09.2019, 06:01
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Mit dem Rollator zur Demo
Von Justus Randt
Mit dem Rollator zur Demo

Gerda Smorra aus Findorff ist Mitbegründerin der deutschen Omas gegen rechts.

Frank Thomas Koch

Gegen rechts war Gerda Smorra immer schon, Oma wurde sie erst später. Seit Ende 2017 ist die Findorfferin Mitglied der in Österreich ins Leben gerufenen Gruppe Omas gegen rechts. Kurz darauf, am 27. Januar 2018, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, gründete Gerda Smorra dann den deutschen Ableger. Dachte sie zumindest. „Dann stieß ich im Internet zufällig darauf: Anna Ohnweiler hatte eine Stunde vorher dieselbe Idee gehabt.“ Die Schwarzwälderin gehörte ebenfalls der Wiener Gruppe an. „Wir haben uns kurzgeschlossen und waren uns gleich einig. Ich war ein wenig versierter am Computer, sie hatte viel Mut.“

Gerade ist ein Buch über die österreichischen Vorbilder herausgekommen: „Omas gegen rechts. Warum wir für unsere Kinder und Enkel kämpfen.“ Gerda Smorra wollte es eigentlich mitbringen zum Interviewtermin im Café am Emmasee. Aber sie hat den Band noch nicht ausgelesen. Stattdessen hat sie postkartengroße, hauchdünne Flyer dabei – Standardgepäck. „Omas gegen rechts wollen Missstände mit geeigneten Methoden öffentlich machen und politischen Widerstand gegen jede Form von Ausgrenzung und Rassismus organisieren“, steht da. „Eine Generation und eine Haltung. Wir reden mit!“

Unterwegs mit Equipment

Die Strickmütze, die bei den Vorbildern im Alpenland obligatorisch ist, gehört nicht zum Dresscode. „Pussy-Hats sind freiwillig, die trägt bei uns nur, wer will.“ Doch sonst setzen die Omas auf Corporate Design: Ihre Transparente, Plakate, die Buttons sind einheitlich gestaltet, in klarem Schwarz-Weiß. Eben erst sind die Omas und ihr Equipment in Dresden zum Einsatz gekommen, bei der „Unteilbar-Demo“. Unter den Zehntausenden, die dort gegen den politischen Rechtsruck zu Felde zogen, waren Frauen aus der ganzen Republik, auch aus Bremen.

Lesen Sie auch

„Wie viele wir waren, weiß kein Mensch, aber mehr als je zuvor“, sagt Gerda Smorra. Die 75-Jährige hat das Spektakel im Fernsehen verfolgt. „Das ist ja eine anstrengende Sache. Morgens um fünf geht es los, dann fünf Kilometer zu Fuß mit großen Schildern durch die Stadt, das kann nicht mehr jede. Ich auch nicht.“ Lange Demos seien schwierig geworden für sie, oft nehme sie den Rollator, um dabei zu sein. Zum Beispiel beim Sternmarsch gegen Rassismus Ende Mai in Bremen.

Inzwischen gebe es mehr als 100 Regionalgruppen, sagt die Mitbegründerin der Omas gegen rechts. „Hamburg und Berlin haben jeweils 400 bis 500 Leute, die sind so groß, dass sie inzwischen Stadtteilgruppen aufgemacht haben. In Bremen waren wir 2018 zuerst vier, jetzt sind wir 130 Leute. Inklusive zweier Opas – damit haben wir kein Problem.“ Anna Ohnweiler und sie hätten die ersten 40 Gruppen ins Leben gerufen, „dann hat sich das verselbstständigt.“

Den Vater nie kennengelernt

Ausschlaggebend sei der „Auschwitztag“ gewesen, der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers 1945. „Ich bin 1944 geboren, zwei Monate nachdem mein Vater an der Eismeerfront, in Murmansk, gefallen ist“, sagt Gerda Smorra, die die Kriegstraumata ihrer Mutter und der Nachbarn mitbekommen hat. „Jugendliche wollen oft wissen: Wenn ihr schon so alt seid, warum geht ihr dann noch auf die Straße? Ich war immer schon politisch aktiv, ich habe was gegen die, die nichts aus dem Faschismus gelernt haben.“ Anfang der 60er-Jahre wurde über die Auschwitzprozesse berichtet. „Ich habe meine Mutter gelöchert, aber nie eine Antwort bekommen. In unserem Wohnzimmer hing ein Bild von meinem Vater als Soldat“, sagt Gerda Smorra. „Ich fand heraus, dass er in den 30er-Jahren in die NSDAP eingetreten war und dachte: Er ist ein Nazi gewesen. Ich habe mein ganzes Leben mit Groll auf ihn verbracht.“

Erst 2010 habe ihre inzwischen 90-jährige Mutter ihr Zugang zum Nachlass des Vaters gewährt: „Eine Kiste mit 1000 Briefen, Orden, seine Uniform und sogar Waffen“, erzählt Gerda Smorra. „Ich habe ein Jahr gebraucht, alles zu sichten, mich reinzuarbeiten in die Naziliteratur, die Tagebücher mit detaillierten Schilderungen, die Briefe an meine Mutter.“ Ein Jahr später fuhr sie an den Ort, an dem ihr Vater gestorben war. Auf einem Soldatenfriedhof fand sie eine Stele mit seinem Namen: Gerhard Klöver. Als sie zurückkehrte, verarbeitete sie alles zu einem Buch, das schließlich der britischen BBC als Grundlage für Filmszenen diente. „Es war komisch, meinen Vater und meine Mutter durch Schauspieler dargestellt zu sehen“, sagt Gerda Smorra.

Lesen Sie auch

Was rechts sei, wird sie oft gefragt. „Die Rechten kommen aus allen Ecken. Das lässt sich nicht mit einer Partei definieren. Die heutigen Rechtspopulisten machen dasselbe wie die Nazis, sie schüren Hass gegen Flüchtlinge. Europa verharrt. Das Mittelmeer – wir schauen zu, finden keine Lösung“, sagt Gerda Smorra. „Das ist meine Antriebskraft: Wir sind die Generation, die erlebt hat, wie ihren Eltern Sündenböcke gesucht haben. Ich will mich nicht von meiner Enkelin fragen lassen: Oma, was hast du gemacht damals?“

Fortbildungen, Demonstrationen, die Jugendarbeit, Organisation: Es gibt viel zu tun für die Omas. „Ich hätte nie gedacht, dass das zehn bis 16 Stunden am Tag fordert“, sagt die ehemalige Lehrerin und hat deshalb die Leitung des „Orga-Teams“ der Bremer Gruppe an eine jüngere Oma abgegeben: Ulrike Wübbena wird schon das nächste offene Monatstreffen leiten – am Sonnabend, 7. September, um 15 Uhr im Bürgerhaus Weserterrassen am Osterdeich. „Omas gegen rechts, der Name wird von vielen Omas kritisiert“, sagt Gerda Smorra. Sie findet, dass er gut passt: „Wir leben nicht mehr lange. Mit Omas verbindet man Fürsorge, am Ofen sitzen und stricken und für die Enkel sorgen. Letzteres machen wir eben auf andere Art.“

Info

Zur Sache

Neue Serie zu rechter Gewalt

Rechte Straftaten richten sich gegen Migranten, Flüchtlinge, Juden, Homosexuelle und überzeugte Demokraten. Rechtsextremisten schmieren Hakenkreuze an Synagogen und Moscheen, verprügeln dunkelhäutige Menschen und terrorisieren Andersdenkende – auch in Bremen. In einer mehrteiligen Serie dokumentiert der WESER-KURIER rechte Vorfälle im kleinsten Bundesland und lässt zudem die Betroffenen zu Wort kommen. Los geht es an diesem Donnerstag, 5. September, zunächst auf der Webseite www.weser-kurier.de: Auf einer interaktiven Bremen-Karte wird dort gezeigt, wo Neonazis, rechte Hooligans und Identitäre seit der Wiedervereinigung Straftaten verübt haben.

Dabei wird unter anderem in die Kategorien Brandanschläge, Gewalttaten, Sachbeschädigung und Propaganda unterschieden. Allerdings: Nicht immer ist es ganz eindeutig, eine Straftat auch als rechte Straftat einzuordnen. Warum, wird dort ebenfalls erklärt. Hinzu kommt, dass die Dunkelziffer noch sehr viel höher sein dürfte. Ab Montag, 9. September, erscheinen die fünf Teile der Serie immer montags und donnerstags auch in gedruckter Form. Darin geht es um Islamophobie, Rechtsextremismus in Bremerhaven, Fußballszene, Antisemitismus und Beratung von Betroffenen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+