Bremen-Weidedamm Mit der "Orange" schließt Findorffs älteste Gaststätte

Ein Stadtteil verliert nicht nur eines seiner Wahrzeichen, auch eine mehr als 130 Jahre alte Tradition geht in Findorff zu Ende.
11.07.2018, 17:17
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten

Es stimmt also, was man sich seit einigen Wochen ungläubig im Stadtteil erzählte. Zum Ende dieses Monats schließt das Lokal „Orange“ am Findorffmarkt. Das ­immense Bedauern unter den Gästen beweist: Die „Orange“ war keine Kneipe wie alle anderen. Etwas Vergleichbares muss man erst ­einmal finden. Mit der Schließung könnte die mehr als 130 Jahre währende Gaststätten-Tradition an diesem Standort zu Ende sein.

Könnte: Denn niemand weiß, was in Zukunft mit dem Haus an der Neukirchstraße 42 geplant ist. Fest steht, dass der Pachtvertrag von Wirt Sven Steyer zum September dieses Jahres ausläuft. Trotz monatelanger Bemühungen und unzähliger Versuche sei es ihm nicht gelungen, mit dem Eigentümer zwecks Vertragsverlängerung Kontakt aufzunehmen, erzählt Steyer. Der Bauunternehmer aus Bremerhaven, dem er in den vergangenen 24 Jahren nur ein einziges Mal persönlich begegnet sei, war für seinen Pächter weder telefonisch, noch schriftlich, noch vor Ort an seiner postalischen Adresse erreichbar. Am vergangenen Donnerstagabend teilte der Gastwirt offiziell mit, dass ihm nun nichts anderes übrig bleibe, als die Konsequenzen zu ziehen.

Alle, die bei der Verkündung der Nachricht nicht anwesend waren, wurden am Tag ­danach über Facebook informiert. Fast 80 Freundinnen und Freunde des Hauses drückten daraufhin ihr Bedauern aus. Eine „Katastrophenmeldung!“, kommentierte zum ­Beispiel Leser Bernhard Grötschel die Neuigkeit. „Findorff verliert ein Wahrzeichen!“, findet Pit Clausen. Die Schließung sei „ein schwerer Verlust“ für die Bremer Musikszene, schrieb Gastmusiker Andreas Pohl und erklärte: „Da verschwindet eine Institution im Stadtteil“. Ungezählten Musikerinnen und Musikern hatte das kleine Findorffer Lokal nämlich in den vergangenen Jahrzehnten eine Bühne geboten. Ungewiss ist, ob und wo es nach der Schließung mit der „Acoustic Session“ weitergehen könnte, die seit zehn Jahren einmal im Monat Solisten und Bands aus ganz Deutschland in Findorff versammelte, oder mit der ebenfalls monatlichen „Irish Folk Session“.

Ein Blick in die historischen Bremer Adressbücher erweist, dass seit 132 Jahren im Haus an der Neukirchstraße 42 Gäste bewirtet wurden. Um 1885/86 eröffnete der vormalige Waller Milchhändler Diedrich Schnakenberg seine Schankwirtschaft. Erst einige Jahre später siedelte sich im Eckhaus an der Neukirchstraße/Weidedamm die Gaststätte von Johann Julius Benecke an, die bis heute als Restaurant geführt wird. Sven Steyer übernahm 1994 die ehemalige Marktschänke, die der Waller Gastronom Alex Becker eineinhalb Jahre zuvor unter dem neuen Namen „Orange“ wiederbelebt hatte. In den Anfangsjahren habe das Lokal vor allem von den Händlern und der Kundschaft an den Markttagen gelebt, erzählt Steyer. Doch im Laufe der Zeit änderte sich das Publikum. In der „Orange“ trafen sich Gäste zwischen Anfang Zwanzig und mindestens Mitte Achtzig. Bewohner aus den umliegenden Wohnstraßen versammelten sich zum gepflegten Feierabendgetränk und erzählten sich, was es alles so Neues gibt. Freundeskreise und Stammtische kamen zu Spieleabenden, zum Fußballschauen, nach dem Konzert- oder Kinobesuch. Mit vielen seiner Stammkunden ist der Wirt längst auf Du und Du. Auch Bremer Bürgermeister und Senatoren wurden hier bedient – aber nicht besser als alle anderen: „Namen interessieren mich gar nicht“, sagt Sven Steyer. „Gäste sind Gäste.“ In besonderer Erinnerung geblieben ist ihm allerdings der spontane Besuch der legendären „Dubliners“ im Anschluss an ein Bremer Konzert. Die trinkfesten Iren fühlten sich in Findorff derart wohl, dass der Wirt sein Lokal erst frühmorgens um halb neun schließen konnte.

Stolz ist Sven Steyer, dass es ihm vor fast zwei Jahrzehnten mit viel Hartnäckigkeit gelang, erstmals für die Neukirchstraße die behördliche Genehmigung für eine Außenbestuhlung zu erhalten. Es half, dass auch mit den Nachbarn der umliegenden Wohnhäuser immer ein gutes Verhältnis gepflegt wurde. „In all den Jahren gab es so gut wie keine Beschwerden“, erzählt Steyer. Zu den beliebtesten Kunden gehörte jahrelang Nachbarshündin Lucy, die dem Lokal regelmäßig solo einen Besuch abstattete. Das Messingschild an ihrem Lieblingsplatz erinnert bis heute an den lang verstorbenen Vierbeiner.

Am Sonnabend, 28. Juli, wird die „Orange“ zum letzten Mal ihre Türen öffnen. Danach wird ausgeräumt, abgebaut, abgewickelt. Eigentlich hatte Sven Steyer geplant, das Lokal demnächst zu renovieren und „noch ein paar Jährchen“ weiterzuführen. „Schade“, sagt er mit hanseatischem Pragmatismus. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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