Sarah Connor in der ÖVB-Arena

Power-Frau mit Wahnsinnsstimme

Eine zweieinhalbstündige Show lieferte Sarah Connor am Sonntag bei ihrem Auftritt in der ÖVB-Arena ab, und dabei flossen sogar einige Tränen. Warum, lesen Sie in unserer Konzertkritik.
28.10.2019, 15:17
Lesedauer: 4 Min
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Power-Frau mit Wahnsinnsstimme
Von Alexandra Knief
Power-Frau mit Wahnsinnsstimme

Hallo, Heimat: Im Rahmen ihrer "Herz Kraft Werke"-Tour machte Sarah Connor am Sonntag in der ÖVB-Arena Halt.

nordbuzz/Peter Porikis

Eins macht Sarah Connor am Sonntagabend gleich zu Beginn ihres Konzertes in der ÖVB-Arena klar: „Das wird eine lange Show!“ Zum einen habe sie sich bei all den Songs, die in den 18 Jahren ihrer musikalischen Karriere entstanden sind, nicht richtig entscheiden können, zum anderen „verschwatz' ich mich auch gern mal, wenn ich zuhause bin“, so die gebürtige Delmenhorsterin. Und Bremen sei immerhin ein bisschen Heimat.

Connor hält ihr Versprechen, spielt satte zweieinhalb Stunden lang, gibt rund 30 Songs zum Besten und hat dazwischen auch noch genug Zeit für den einen oder anderen Plausch mit dem Publikum. So fragt sie zum Beispiel, ob sie jemand gesehen hat, als sie im Alter von 16 Jahren bei Karstadt gesungen hat oder ob noch jemand 1997 beim Michael Jackson-Konzert im Weser-Stadion war. Sie selbst habe damals sogar vorm Stadion übernachtet. Es wird viel gelacht und in Erinnerungen geschwelgt. Connor gibt sich dabei stets nahbar und nimmt auch kein Blatt vor den Mund. Als jemand im Publikum (eine Frau wohlgemerkt) „Sarah, wir wollen ein Kind von dir“ brüllt, erwidert diese nur trocken: „Das könnt ihr vergessen! Mein Beckenboden hat sich gerade erst vom letzten erholt.“

Rotzig, romantisch und politisch

Doch trotz zahlreicher Anekdoten und Plaudereien ist es natürlich die Musik, die an diesem Abend im Vordergrund steht. „Herz Kraft Werke“ heißt Connors neuestes und nach dem Riesenerfolg „Muttersprache“ zweites deutschsprachiges Album. Den gleichen Titel trägt auch die dazugehörige Tour, die erst am Freitag in Erfurt startete. Im Mittelpunkt der Show stehen Songs beider Alben. Mit „Keiner pisst in mein Revier“, einer Nummer, in der es um Eifersucht geht, startet Connor mit feinster Frei-Schnauze-Manier in den Abend: Connors Wortschatz reicht von pissen bis beschissen – das mögen die Fans. Genauso aber, dass dieses Rotzige, leicht Rebellische, mit dem Connor gerne spielt, nur eine kleine Facette der Wahl-Berlinerin ist. Die 39-Jährige kann auch romantisch, meist sogar ohne dabei zu kitschig zu werden – was bei deutschsprachiger Musik gar nicht mal so leicht ist. Genauso kann sie auch tiefgründig. Ja, sie kann sogar politisch! In „Ruiniert“ pöbelt sie gegen „AfD-Idioten“, in „Unendlich“ gegen Donald Trump („Wenn Männer mit orangen Haaren die Welt regieren / das Wetter leugnen und nur mit der Wahrheit spielen“).

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Noch vor ein paar Jahren zählte Sarah Connor eher zu den Trash-Königinnen der deutschen Fernsehlandschaft. Der Durchbruch gelang ihr 2001 mit thematisch einseitigen Popsongs wie „Let's Get Back To Bed – Boy“, oder „French Kissing“. Aus ihrer Hochzeit mit Sänger Marc Terenzi wurde 2005 eine Fernseh-Doku, und auch sonst interessierte Connors Privatleben die Leute lange Zeit fast mehr als ihr musikalisches Talent. Das wiederum stand im Mittelpunkt, als sie 2005 beim Eröffnungsspiel in der Münchner Allianz-Arena die Nationalhymne falsch sang.

Und obwohl auch heute noch öffentlich darüber diskutiert wird, ob Connors neuer Badeanzug zu freizügig ist oder nicht, sind es mittlerweile andere Dinge, mit denen die Sängerin auf sich aufmerksam macht. Damit zum Beispiel, dass sie vor einigen Jahren eine Flüchtlingsfamilie bei sich aufnahm. Oder zuletzt mit ihrem Song „Vincent“, in den Connor von den Wirrungen der Liebe singt. Das Lied wurde aufgrund seiner erste Zeile „Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt“ von zahlreichen Radiosendern boykottiert und trat eine Debatte darüber los, wie verklemmt und schwulenfeindlich Deutschland auch heute noch ist.

Musikalischer Rückblick

Die Themen der 39-Jährigen haben sich verändert, sind mit der Sängerin und den Fans reifer und erwachsener geworden. Vier Kinder hat Connor mittlerweile, einige Songs sind ihnen gewidmet, andere ihrem Ehemann. Die Themen Liebe, Familie und Geborgenheit ziehen sich wie ein roter Faden durch den Abend. Eine kleine Reise in die Vergangenheit gibt es trotzdem noch. Etwa zur Mitte des Abends singt Connor ein Non-Stop-Medley mit Coverversionen von Songs, die sie, wie sie selbst sagt, immer schon mal auf der Bühne präsentieren wollte ("What a Man", The Impossible Dream"). Diesem Block folgt mit "Music Is The Key", "Bounce" oder "From Zero To Hero" ein Blick in ihre eigene musikalische Vergangenheit. Begleitet wird die Musikerin den Abend über von drei Backgroundsängerinnen, einer Band, sechs Streichern und noch einmal genauso vielen Gospel-Sängern – ein musikalisch erstklassiges Aufgebot.

„Jetzt tanzen wir ein bisschen, danach wird es wieder ernst“, kündigt Connor vor dem Cover-Party-Block noch an und bereitet ihre Fans damit erneut auf das vor, was noch kommt. In „Das Leben ist schön“ widmet sie sich einem „Thema, über das man zu wenig redet“, nämlich dem eigenen Tod. Sie besingt darin, wie sie es sich vorstellt, wenn sie einmal gehen muss. Das darauf folgende Lied „Flugzeug aus Papier (Für Emmy)“ ist eigentlich inspiriert durch den Tod der kleinen Emeline, die 2018 im Pool der Nachbarn ertrank – ein Fall, der durch die Medien ging. In Bremen allerdings widmet Connor das Lied ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter. „Deine Sachen überall / Es riecht nach dir und für den Fall / Dass du doch zurückkommst, leg' mich in dein Bett /Und kann dir nah sein“, singt Connor, muss beim Singen stoppen, kurz schlucken und noch einmal von vorne beginnen. Und auch im Publikum ist es auf einmal totenstill, wer sich umsieht, sieht viele Tränen fließen. Ein emotionaler Moment.

Sarah Connor weiß, wie man die richtigen Knöpfe drückt und nimmt ihre Fans mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt der Gefühle. Sie liefert einen Auftritt ab, der durch eine beeindruckend abwechslungsreiche Bühnenshow, eine einwandfreie Hallen-Akustik und eine Sängerin überzeugt, die nicht nur Persönlichkeit hat, sondern vor allem eines: eine Wahnsinnsstimme.

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