Bremen-Findorff

Schauplatz der Weltgeschichte

Das Logierhaus 5 der Missler-Auswandererhallen bewahrt die Erinnerung an seine wechselvolle Vergangenheit.
13.07.2018, 19:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Anke Velten
Schauplatz der Weltgeschichte

Von der Walsroder Straße aus können Passanten nur einen Seitenblick auf das versteckte Denkmal erhaschen. Das Gestra-Betriebsgelände ist nicht öffentlich zugänglich.

fotos: Roland Scheitz

Regensburger Straße. Das unscheinbare eingeschossige Gebäude könnte Zehntausende Geschichten von Abschied, Aufbruch und Hoffnung erzählen. Es steht aber auch für hundertfachen Schmerz, für Angst und Unterdrückung. Die 800-Quadratmeter-Halle an der Walsroder Straße hat in den vergangenen 111 Jahren besonders viel erlebt: Sie war ursprünglich Unterkunft für Auswanderer vor der Schiffspassage nach Übersee, diente später als Lazarett und Kaserne. Zu ihrer Geschichte gehört auch, dass vor 85 Jahren, mitten in Findorff, vor aller Augen, die Nationalsozialisten eines ihrer ersten Konzentrationslager errichteten. Als Schauplatz bedeutender geschichtlicher und politischer Ereignisse wurde das „Logierhaus 5“ der einstigen Missler-Auswandererhallen vor acht Jahren unter Denkmalschutz gestellt.

Hinter der denkmalgeschützten Fassade ist es ruhig. Hier tut unter anderem die Entwicklungsabteilung des Unternehmens Gestra ihre konzentrierte Arbeit. Auf dem Betriebsgelände, das nicht öffentlich zugänglich ist, sind knapp 400 Mitarbeiter in zwei Schichten beschäftigt. Vor hundert Jahren verbrachten hier täglich mehr als dreitausend fremde Menschen aus fernen Ländern die letzten Nächte vor ihrer Einschiffung in Bremerhaven. Es war der Höhepunkt von Jahrzehnten der Massenauswanderung von Europa nach Übersee. Millionen wollten der Armut und der Perspektivlosigkeit entkommen und versprachen sich ein besseres Leben in der Neuen Welt. „Vor allem unsere amerikanischen Besucher finden diese Geschichte immer klasse", erzählt Gestra-Chef Lutz Oelsner. Unter den Emigranten aus Polen, Russland, Ungarn und aus den Balkanländern könnten sich schließlich auch deren eigene Ahnen befunden haben.

Das „Logierhaus 5“ ist nicht das einzige Gebäude aus dieser Zeit, das sich erhalten hat. In der Halle gegenüber findet zwischen den originalen Pfeilern der Eisenbetonkonstruktion die Produktion international gefragter High-Tech-Geräte für die Dampf- und Kondensatwirtschaft statt. „So würde man heute eine Werkhalle natürlich nicht mehr bauen“, erklärt Oelsner. Doch vor hundert Jahren diente sie als Speisesaal. Ein historisches Foto zeigt Frauen in Kopftüchern, Männer mit Filzhüten und Schnurrbärten, die ernst und angespannt in die Kamera schauen: Sie blickten in eine ungewisse Zukunft.

In den Jahrzehnten zwischen 1820 und 1914 war Bremerhaven der größte deutsche Auswandererhafen, erzählt Denkmalpfleger Uwe Schwartz in seinem Gutachten zur Unterschutzstellung. Die Durchreisenden verbrachten meist mehrere Tage in Bremen, bevor sie mit dem Zug in die Seestadt weiterreisten. Alleine im Jahr 1906 trafen 8000 Auswanderer pro Tag in Bremen ein. Die vielen Menschen in der Stadt unterzubringen, in der ohnehin Wohnraumknappheit herrschte, war allerdings ein Problem – geschweige denn, sie unter zumutbaren Bedingungen zu beherbergen. Der Norddeutsche Lloyd, damals zweitgrößte Reederei der Welt, wurde von der staatlichen Auswanderungsbehörde aufgefordert, Abhilfe zu schaffen. 1906 wurde die „Auswandererhallen-Gesellschaft“ gegründet, an der auch der erfolgreiche Bremer Auswanderer-Agent Friedrich Missler beteiligt war. Auf dem unbebauten Gelände zwischen Hemmstraße und Münchener Straße entstand ein regelrechtes Auswandererdorf. Dort, wo die Admiralstraße auf die Hemmstraße trifft, stand ein repräsentatives Verwaltungshaus, dahinter gab es ein mehrstöckiges Gebäude mit Hotelcharakter und insgesamt acht einstöckige und voll unterkellerte einfachere Baracken mit raumhohen Fenstern – die sogenannten Logierhäuser. Die für ihre Zeit moderne und komfortable Herberge war mit elektrischem Licht und einer Zentralheizung ausgestattet, bot saubere und luftige Wasch- und Sanitärräume, großzügige Schlafsäle und eine Großküche, in der gleichzeitig 1500 Mahlzeiten zubereitet werden konnten. Im „Logierhaus 5“ gab es vier Schlafsäle mit Betten für je fünfzig bis sechzig Menschen.

Die Massenauswanderung über Bremerhaven ebbte mit dem Ersten Weltkrieg ab und fand mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre ein Ende. Für die Gebäude wurden neue Nutzungsmöglichkeiten gefunden. Während des Krieges dienten die Baracken als Lazarett für verwundete Soldaten. Mitte der 1920er-Jahre wurden sie zeitweise zu Kasernen für die Bremer Schutzpolizei. 1932 zog der „Freiwillige Arbeitsdienst“ ein: Eine Einrichtung für arbeitslose männliche Jugendliche, die durch harte Arbeit und militärische Strenge disziplinert werden sollten. Wie es danach weiterging, erklärt eine kleine Bronzetafel am Rand der Walsroder Straße: „Hinter diesen Mauern wurde in den ehemaligen Auswandererhallen Missler am 1. April 1933 das erste Bremer KZ errichtet. Hier begann in dieser Stadt die das Menschenrecht verletzende und die Menschen vernichtende Verfolgung politisch Andersdenkender durch die Nationalsozialisten." Inhaftiert wurden Kommunisten und Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, Journalisten, darunter prominente Bremer Bürger, deren Namen auch heute noch in der Stadt präsent sind: Zum Beispiel der Dirigent und Musiklehrer Hermann Böse, der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete Alfred Faust oder der KPD-Abgeordnete Hermann Prüser, der im März 1933 vor der Bürgerschaft eine Rede gegen den „faschistischen Staatsstreich“ gehalten hatte. Friedrich Missler konnte sich nicht mehr dagegen wehren, dass sein Name mit dem Nazi-Regime verknüpft wurde: Er war bereits 1922 gestorben.

In einem Bericht der Bremer Staatsanwaltschaft vom 31. Januar 1949 ist Folgendes zu lesen: Bei den zumeist nächtlichen Transporten seien die Häftlinge „unter Fußtritten, Gewehrkolben- und Gummiknüppelhieben“ vom Wagen heruntergestoßen worden. Bei Vernehmungen im dunklen Keller schlug man die Gefangenen „grün und blau.“ Die Findorffer Nachbarschaft hatte von ihren Fenstern und Balkonen direkten Einblick in das Geschehen. Im September 1933 wurden die letzten Häftlinge aus Findorff darum an andere, weniger offensichtliche Orte verlagert. Die eingeschossigen Hallen wurden an Gewerbetreibende vermietet.

Bereits Mitte der 1920er-Jahre war der Unternehmer Gustav Friedrich Gerdts mit seiner Fabrik für „Gas-, Dampf- und wärmetechnische Apparate“ in eine der freigewordenen Hallen auf dem Gelände gezogen. Nach und nach breitete sich das Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte aus. Im Frühjahr 2010 war die Aufregung im Stadtteil groß. Es hieß, dass die Gestra Findorff verlassen und in einen Neubau im Technologiepark umsiedeln wolle. Im Geiste wurde das Areal im Herzen des Stadtteils zwischen Münchener und Hemmstraße schon völlig umsortiert, im Oktober desselben Jahres wurde ein Architektenentwurf für ein ganz neues Wohnquartier prämiert, in dem auch die Erinnerung an die Historie des Areals bewahrt werden sollte. In diesem Zusammenhang beschäftigte sich auch das Bremer Landesamt für Denkmalpflege mit dem Areal und fand, dass die Erhaltung der Halle in öffentlichem Interesse sei.

Im vergangenen Jahr wurde die Gestra von ihrem US-amerikanischen Mutterkonzern an ein britisches Unternehmen verkauft. Die Briten kümmern sich, sie investieren in die Gebäude und in das Personal, berichtet der Vorstandsvorsitzende, die Stimmung sei gut, es werde auch wieder neu eingestellt. Mit Umzug und Aufbruch fing die Geschichte an. Doch zurzeit, sagt Oelsner, „geht es erst einmal darum, das Schiff wieder in ruhiges Fahrwasser zu lenken.“

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Zur Sache

Worüber wir in der Serie schreiben.

Es muss nicht immer gleich eine prunkvolle Kirche sein, die als Kulturdenkmal erhaltenswert erscheint. In den Bremer Stadtteilen gibt es auch unscheinbare Zeugen von Militär-, Industrie-, Schul- und Automobilgeschichte, Gartenkultur, Handwerkskunst und vielem mehr. Wir haben uns auf die Suche begeben und unerwartete Denkmäler entdeckt, die uns einen genaueren Blick Wert waren.

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