Essensausgabe auf der Bürgerweide

Schausteller helfen Bremer Suppenengeln

In Folge der Coronakrise gelten auch für die Suppenengel in Bremen schärfere Regeln. Ab Freitag gibt es nur noch abgepackte Lunchpakete auf der Bürgerweide. Dafür wurden sie von den Schaustellern unterstützt.
27.03.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Schausteller helfen Bremer Suppenengeln
Von Björn Struß
Schausteller helfen Bremer Suppenengeln

Der Schaustellerverband rückte mit neun Kollegen an. Sie errichteten ein Zelt für die Bremer Obdachlosenhilfe Suppenengel.

Frank Thomas Koch

Zelte, Stromanschlüsse, Wasserversorgung – aus diesen und weiteren Elementen würden die Bremer Schausteller in normalen Jahren um diese Zeit eigentlich Stück für Stück die Osterwiese aufbauen. Doch in diesem Jahr ist kaum etwas normal, und das Volksfest ist wegen der Coronakrise abgesagt worden. Dennoch tut sich etwas auf der Bürgerweide. Am Donnerstag haben Schausteller eine Essensausgabe für die Suppenengel errichtet. In dem eigentlich für die Osterwiese gedachten Zelt soll nun die Versorgung von bedürftigen Menschen gesichert werden: Am Freitagmittag beginnt hier die Ausgabe von abgepackten Lunchpaketen.

Vor zwei Wochen hatten die Suppenengel strikte Regeln für die Ausgabe der warmen Mahlzeiten eingeführt. So durften nur noch 20 Personen zurzeit die Kantine am Gleis eins des Hauptbahnhofs betreten. Ordner sorgten dafür, dass vor dem Eingang keine Menschentraube entsteht. Weil in ganz Bremen inzwischen aber nur noch Essen zum Mitnehmen verkauft werden darf, müssen auch diese Regeln nun verschärft werden.

Essensausgaben sind nur noch Lagerplätze

„Das Ordnungsamt hat uns mitgeteilt, dass wir den Kantinenbetrieb einstellen müssen“, sagte Suppenengel-Geschäftsführer Peter Valtink. Die beiden Essensausgaben in der Neustadt und im Hauptbahnhof dienen nur noch als Lagerplatz und für die Portionierung. Aus dem Mitarbeiterstab von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) erhielt Valtink Unterstützung. Er solle sich doch einmal bei den Schaustellern melden, die könnten helfen.

So entstand der Kontakt zu Rüdiger Robrahn, Vorsitzender des Schaustellerverbands. Wegen der abgesagten Osterwiese hatte dieser zuletzt die Unterstützung der Schausteller bei der Bewältigung der Krise angeboten. „Wir haben einen Fuhrpark, Zelte, Kräne, Werkzeuge. Damit können wir helfen“, sagte Robrahn. Er hatte einen Tag Vorlauf benötigt, um den Aufbau zu organisieren. Am Donnerstag rückte er dann mit acht Schaustellerkollegen an. Sie errichteten ein Zelt mit Wasser- und Stromanschluss, Müllentsorgung und Beheizung. Mit Gewichten ist das Zelt auch bei stürmischem Wetter sicher. Auch um einen Sicherheitsdienst hat sich Robrahn gekümmert. „Der ist insbesondere für die Nacht, um Vandalismus zu verhindern“, erklärte er.

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Für diese Infrastruktur verlangen die Schausteller kein Geld. Sie leisten die Hilfe nach eigenen Angaben ehrenamtlich. Kosten, die etwa durch das Sicherheitspersonal entstehen, begleicht laut Valtink das Land Bremen. „Das lief alles sehr schnell und unbürokratisch. So würde ich mir das immer wünschen“, sagte Robrahn. Er geht davon aus, dass der Sicherheitsdienst in der aktuellen Situation keine hohe Rechnung schreiben wird.

Für die Schausteller bedeutet Corona einen Totalausfall ihrer Einnahmen. Die Absage der Osterwiese stieß beim Verband dennoch auf viel Verständnis, das hatten die Schausteller bereits vergangene Woche deutlich gemacht. Am Donnerstag sagte Robrahn noch einmal: „Wir Schausteller waren schon immer eine Gemeinschaft, die über das Gewerbe hinaus geht. Deshalb wollen wir jetzt etwas für unsere Heimatstadt tun.“

Eintrittskarte gegen Armband

Das Zelt erinnert mit seinen weißen Wänden an die Infrastruktur auf Musikfestivals wie dem Hurricane. Dort tauschen die Besucher ihre Eintrittskarte gegen ein Armband und gehen dann möglichst schnell in Richtung Zeltplatz oder Festivalgelände. Robrahn bezeichnete auch die Konstruktion auf der Bürgerweide als eine Art „Durchlaufstation“: Wer Hunger hat, soll sich hier ein Essenspaket abholen, dieses aber nicht im Zelt auspacken und verspeisen.

Valtink hat mit seinen Helfern einen Plan gemacht, wie die Ausgabe der Essenspakete am Freitagmittag ablaufen soll: Die Wartenden sollen sich neben rot-weißen Hütchen aufstellen, sodass in der Schlange der Abstand von zwei Metern gewahrt bleibt. „Es wird zunehmend komplizierter. Bislang lief das aber immer recht diszipliniert ab“, so Valtink.

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Auch wenn die Suppenengel ihre Arbeit gerade im Wochentakt komplett verändern müssen, bleibt der Geschäftsführer gelassen. „Es haben sich bereits sehr viele Restaurants gemeldet, die nun geschlossen sind. Die wollen alle für uns kochen“, sagte er. Die Helfer der Suppenengel müssten das Essen dann nur noch portionieren, verpacken und an die Menschen verteilen.

Bedürftige sollen in Zukunft aber nicht mehr gezwungen sein, zu der Essensausgabe gehen zu müssen und sich so einem Infektionsrisiko auszusetzten. Die Suppenengel sind auch mit zwei Fahrrädern unterwegs und bringen auf diesem Weg 40 Mahlzeiten direkt zu den Menschen. Insbesondere Obdachlose sollen davon profitieren. „Wir wollen unser Angebot zunehmend dezentral organisieren“, sagte Valtink.

Anzahl der Hilfsangebote verringert

Der Geschäftsführer spürt mit seinem Team, dass auch die bedürftigen Menschen vorsichtiger geworden sind. Vor der Coronakrise verteilten die Suppenengel jeden Tag bis zu 200 Mahlzeiten. Inzwischen sind es laut Valtink nur noch gut 100. Auf das Hilfsangebot sind viele Menschen aber dringend angewiesen. Die Caritas hatte etwa die „Wärme auf Rädern“, eine Suppe und ein Kaffee, zwei Wochen früher eingestellt als eigentlich geplant. Auch die Bahnhofsmission, eine etablierte Anlaufstelle für Menschen in Not, ist aus Vorsicht geschlossen. Seitdem das öffentliche Leben in der Stadt weitestgehend eingestellt wurde, hat sich auch die Zahl der Hilfsangebote für Bedürftige verringert.

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