Nicht sturmfest

Problemfall in Wartestellung

Seit vergangenen Herbst steht ein Bauzaun vor dem Schuldgebäude an der Gothaer Straße. Warum die Dachsanierung der Schule an der Gothaer Straße seit Jahren nicht vorankommt.
03.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Die Hagedorns lassen ihre Tage gerne mit Spaziergängen durch den Stadtteil ausklingen. An einem Herbstabend des vergangenen Jahres registrierten sie den Bauzaun vor dem Schulgebäude an der Gothaer Straße. Der Winter kam, Frühjahr und Sommer vergingen, der zweite Herbst steht nun vor der Tür, und sie wunderten sich immer mehr: Hier passierte rein gar nichts. „Das ist doch kein Zustand!“, sagte sich Günther Hagedorn, und beschloss, der Sache nachzugehen. Die Auskunft der zuständigen Stellen: Seit Oktober 2019 steht der Zaun da, um das Gelände abzusichern. Das Dach des mehr als hundert Jahre alten Gebäudes muss dringend saniert werden. Es haben sich in den vergangenen Jahren bereits Dachpfannen gelöst. Der Denkmalschutz ist involviert. Es wird teuer. Geld ist keines da.

„Das ist doch der Hammer!“, kommentiert ein Anwohner, der das Gesprächsthema im Vorbeigehen mitbekommt. Was von der Straßenseite nicht zu sehen ist: Auch der Schulhof ist über die entsprechende Länge und Breite eingezäunt. In der Schule verkneift man sich diplomatisch einen Kommentar. Aus der Schulleitung nur so viel: Dass das Dach marode ist, sei schon seit Jahren ein Thema. „Wir warten auch“, heißt es aus der Bildungsbehörde. Bislang sei die Abteilung für Liegenschaften nicht in die Planung eingebunden, erklärt Annette Kemp, Sprecherin von Bildungssenatorin Claudia Bogedan SPD). Weder zu den erwarteten Kosten, noch zum Zeitplan lägen bislang Informationen vor. Die Sanierung sei „eine ureigene Aufgabe des Immobilien-Eigentümers, also Immobilien Bremen“, so Kemp. Auch dort spricht man von einer „unerfreulichen Angelegenheit“. Bevor man in die Planung gehen und Ausschreibungen starten könne, müssten zunächst Mittel bereit stehen. Solange dies nicht der Fall sei, bleibe nichts anderes übrig, als das Umfeld zu sichern. Gespräche mit den Bremer Denkmalpflegern hat es immerhin schon gegeben, bestätigt Landeskonservator Georg Skalecki.

Immerhin sei der „scheußliche Zaun“ ein Anlass, sich die wunderschöne Fassade des denkmalgeschützten Bauwerks einmal genauer anzusehen, sagt Günther Hagedorn. Geplant und in den Jahren 1913/14 gebaut wurde die Schule an der Gothaer Straße von Wilhelm Knop und seinem Mitarbeiter Karl August Oehring, die sich mit ihren Arbeiten vielerorts in der städtischen Schullandschaft, und oft im Bremer Westen, verewigt haben. Gemeinsam zeichneten sie unter anderem verantwortlich für die Schulbauten an der Helgolander Straße und am Pulverberg. Knop, der von 1922 bis 1934 das Bremer Hochbauamt leitete, war außerdem leitender Architekt der Schulen an der Nürnberger Straße, an der Vegesacker Straße und der Nordstraße. Das Schulgebäude an der Gothaer Straße wurde 1984 unter Schutz gestellt. Die Landesdenkmalpfleger honorierten damit den „soliden backsteinsichtigen, von einem Walmdach abgeschlossenen Bau“, der „Formen eines einfachen, auf die Zeit des Biedermeier um 1800 zurückblickenden Neoklassizismus“ zeige. Als gestalterisch besonders gelungen sei dabei der Eingangsbereich mit seinen Treppenaufgängen und Arkaden hervorzuheben, erklärt Denkmalpfleger Uwe Schwartz. In Rekordgeschwindigkeit waren in den Jahren 1912 bis 1914 die drei Schulgebäude an der Nürnberger, Regensburger und Gothaer Straße fertiggestellt, die heute die Standorte der Oberschule Findorff bilden. Die so genannte Hilfsschule an der Gothaer Straße war dabei speziell für diejenigen Kinder gedacht, die als „lernschwach“ kategorisiert wurden. In Zeiten, als die Bevölkerungszahl im Stadtteil explodierte und Klassen mit bis zu 50 Kindern unterrichtet wurden, diente sie aber rasch auch als Raumreserve für die benachbarte Schule Regensburger Straße.

Das besagte Walmdach ist nun in die Jahre gekommen und weise „mögliche Schwächen bei Sturm“ auf, erklärt Simon Hammann, persönlicher Referent von Finanzsenator Dietmar Strehl (Grüne), dessen Haus auch Immobilien Bremen zugeordnet ist. Wegen der zu erwartenden Dimension des Projekts müssen zunächst die Ergebnisse einer Bedarfsplanung abgewartet werden. Sie solle „die Prioritäten der planbaren Bauaktivitäten am Standort“ festlegen und „die Meilensteine einer Projektumsetzung“ aufzeigen. Doch soweit ist man noch lange nicht. „Das vorhandene Budget für die Bauunterhaltung ist für 2020 bereits erschöpft und mit Projekten hinterlegt“, so Hammann. Bislang befinde sich die Liegenschaft daher „weder im Planungsprozess, noch steht eine kurzfristige Umsetzung einer Dachsanierung an“. Im Finanzressort geht man davon aus, dass Anfang des kommenden Jahres zumindest die Planung beginnen kann. Solange diene der Bauzaun dazu, Schaden von Dritten abzuwenden.

Dass sich künftig herunterfallende Dachpfannen an die Einzäunung halten – da wäre sich Günther Hagedorn nicht so sicher. „Der Zustand ist für die Allgemeinheit nicht akzeptabel“, sagt der 74-jährige, der als Schiffsingenieur viel auf den Weltmeeren herumgekommen ist. „Für die Kosten, die die punktuellen Reparaturen und die Monatsmiete für den Zaun verursachen, hätte man schon viele neue Ziegel kaufen können“. Mit seinem Engagement hatte er schon einmal Erfolg: Im vergangenen Jahr habe er sich nicht von den Behörden abwimmeln lassen, und erreicht, dass ein maroder Steg am Unisee erneuert wurde. Auf seine Initiative hin wird der Findorffer Stadtteilbeirat das Thema auf seine Tagesordnung nehmen. Helga Eule, Sprecherin des Findorffer Bildungsausschusses, kündigt an: Bei der nächsten Sitzung, die für den 6. Oktober geplant ist, werde man sich konkret mit dem Problemdach befassen. „Hier muss ganz schnell etwas getan werden, denn es geht um die Sicherheit“, betont Hagedorn. „Wenn wir auf See einen Schaden feststellen, wird sofort gehandelt. Aber an Land läuft wohl einiges anders“.

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