Aufbau des "Happy Family"

Schwitzen fürs Vergnügen auf dem Bremer Freimarkt

Wie ist es eigentlich, wenn auf dem Bremer Freimarkt die großen Fahrgeschäfte aufgebaut werden? Unser Volontär Simon hat einen Selbstversuch unternommen.
16.10.2019, 22:52
Lesedauer: 5 Min
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Von Simon Wilke
Schwitzen fürs Vergnügen auf dem Bremer Freimarkt

Die schweren Treppenelemente können nur per Kran gehoben werden.

Frank Thomas Koch

Es ist noch dunkel, als Karlheinz Heine, genannt Kalle, mir ein paar Arbeitshandschuhe gibt. Es sind seine alten. Wo früher der rechte Mittelfinger war, ist nur noch ein Loch, aber damit muss ich heute leben. Es ist Dienstag, 7.30 Uhr, als mich Kalle meinen neuen Kollegen vorstellt. „Jungs!“, ruft er, „Das ist Simon, der will hier heute mithelfen. Der ist sportlich und hat viel Power!“ Er erntet einige kritische Blicke, und ich anschließend Gelächter. Die „Jungs“, das sind Angelo, sein Sohn Vasi, Angelos Bruder Alex und Cobra. „Mit 'C'“, wie Kalle betont. „Er hat 'ne Kobra auf dem Rücken tätowiert.“ Die vier kommen aus Rumänien und sind ein eingespieltes Team. Angelo ist seit elf Jahren mit Kalle unterwegs, vom Gallimarkt in Leer bis zum Cannstatter Wasen in Stuttgart. Auf dem Freimarkt helfe ich ihnen heute beim Aufbau vom „Happy Family“.

21 Fahrgeschäfte in diesem Jahr

Das „Happy Family“ ist ein sogenanntes Funhouse und eines der 21 Fahr- und Laufgeschäfte auf dem Bremer Freimarkt. Elf Meter hoch, 24 Meter breit, insgesamt fünf Ebenen, auf denen Kinder und Eltern Spaß haben sollen. „Es ist wie ein großer Spielplatz, und von oben kann man über den Freimarkt schauen“, sagt Kalle, „und runter geht's durch eine Tunnelrutsche.“ Innen sorgen 35 Motoren für bewegliche Spielelemente. Auf der blauen Außenfront springt links Super Mario ins Blickfeld, Homer Simpson guckt am anderen Ende durch rollende Tonnen.

Serie - Simon schuftet - Freimarkt Happy Family

Simon schuftet als Aufbauhilfe beim Freimarkt.

Foto: Frank Thomas Koch

„Learning by doing“

Doch davon ist an diesem kalten Morgen noch nicht viel zu sehen. Als ich auf den Platz komme, liegt die Tunnelrutsche im Dunkeln vor dem, was am Freitag das "Happy Family" sein soll. Heute sollen sämtliche Kranarbeiten erledigt werden. Das heißt für mich, dass ich beim Aufbau des Gerüsts helfen muss, auf das die riesigen Treppenabschnitte gehoben werden, die gerade noch auf der Ladefläche eines Transporters liegen. Ich habe keine Ahnung, wie das geht. Und da Kalle den Kran steuert und der Rest keine Lust auf Erklärungen hat, gilt das Motto: „Learning by doing“, also: Lernen beim Machen. Ich schweige und trage. Meine Kollegen sprechen Rumänisch, tragen viel mehr und sind auch noch schneller.

Zunächst werden die Gerüstträger an den Rumpf des „Happy Family“ montiert. Schwere Metallstangen, die nach einem Stecksystem funktionieren. Damit am Ende alles einrastet wie vorgesehen, muss die Wasserwaage helfen. Bei kleinsten Abweichungen passt das nächste Teil nicht in den vorgesehenen Spalt. Während Angelo kontrolliert, ob die Luftblase der Waage an der richtigen Stelle zur Ruhe kommt, schiebe ich Holzscheite unter die übrigen Träger. Sie stützen die Pfeiler auf dem unebenen Kopfsteinpflaster der Bürgerweide. Als wir fertig sind, sieht „Happy Family“ aus wie eine Spinne mit Metallbeinen.

In der kommenden Woche wird Karlheinz Heine 45 Jahre alt. Davon hat er 27 Jahre als Schausteller verbracht. Sein Sohn Tom und seine Frau Tanja begleiten ihn. Sie betreut den Crêpestand der Familie, Tom das zweite Fahrgeschäft, den „Hurricane“. Im März hat ihre Saison in Hamburg begonnen, am 30. Dezember wird sie dort wieder enden. „Urlaub machen wir dann im Januar“, sagt Heine. Und weil sie in der Winterzeit trotzdem ins Warme wollen, heißen die Urlaubsziele Kuba oder Dominikanische Republik.

„Aufpassen, Simon!“, schreit Kalle. In seiner Hand hält er die Fernbedienung für den Kran, über mir baumelt eine Palette mit Metallgeländern am Haken. „Du darfst nie unter der schwebenden Last durchlaufen“, sagt er. „Ergibt Sinn“, denke ich und achte nun darauf, möglichst weit weg vom Kranhaken zu arbeiten.

Angelos Stimmung ist gut. Er pfeift Melodien – oder etwas, das eine Melodie sein soll – während er auf den Metallbeinen herumtänzelt. Die anderen drei sind deutlich verhaltener, zumindest mir gegenüber. Sie haben gemerkt, dass ich ihnen die Arbeit nicht erleichtere, sondern bloß den Feierabend hinauszögere. Ich fühle mich fehl am Platz, und Kalle steuert weiter seinen Kran.

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Jetzt werden die Treppenelemente eingesetzt. Der Kran hebt sie über das Gerüst aus Trägern, Angelo und Cobra setzen sie an die passende Stelle. Dann mache ich den nächsten Fehler. Eine der Treppen muss gedreht werden. „Simon! Treppe umdrehen!“, ruft Kalle, und dann: „Zu spät!“ Alex war schneller, natürlich, und wirft mir einen strengen Blick zu. „Simon, noch so ein Fehler und du fliegst!“, raunzt mich plötzlich der Standnachbar an. Robert Kirchhecker – aus Hamburg, wie er betont. Dann bringt er mich aber doch zum Lachen: „Und du bist auch HSV-Fan?“, fragt er mich.

Generalüberholung nach der Saison

Es ist hell geworden auf dem Freimarktgelände. Getränkestände werden eingerichtet, Karussells aufgebaut. Ich versuche zu helfen, und bin beeindruckt, wie meine vier Kollegen funktionieren. Jeder Handgriff sitzt, das „Happy Family“ nimmt Gestalt an. Gutes Personal zu finden sei schwer, hat Kalle mir erzählt. Er hat offenbar welches gefunden. Und damit es auch bleibt, gibt er sich Mühe. „Man muss gucken, dass man ein gutes Betriebsklima schafft“, sagt er. „Wenn man in jedem Jahr das Personal tauschen muss, macht das keinen Spaß.“ Deshalb achtet er darauf, seinen Angestellten auch mal ein paar freie Stunden zu geben.

15 Mal im Jahr baut die Crew das „Happy Family“ auf und wieder ab. Dazwischen reisen sie quer durch Deutschland. „Ich gucke, dass ich die Jahrmärkte möglichst auf einer Route habe“, erzählt Heine. „100 Kilometer auf der Autobahn kosten 400 Euro.“ Nach der Saison kommt das Geld für die Wartung seiner Geschäfte noch dazu. „Dieses Jahr machen wir eine Generalüberholung, die kostet 100 000 Euro.“ Deshalb macht die Schaustellerfamilie möglichst viel selber. Gut, dass Sohn Tom schweißen kann.

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Die Treppe steht, die Böden sind mittlerweile auch fest auf den Trägern installiert. Der erste Teil meines Arbeitstages neigt sich dem Ende zu. Aber vorher müssen wir noch die Vorderseite vollständig ausklappen. Ich halte die Elemente fest, während Alex und Cobra große Metallstreben mit Bolzen dahinter arretieren, damit der Wind nicht alles wieder wegpustet.

Von den Anweisungen meiner Kollegen habe ich heute nur wenig verstanden. Vor allem: „Weiter!“, „Hoch!“ und „Finger weg!“ Trotzdem bin ich etwas stolz. Wenn der Freimarkt am Freitag eröffnet, kann ich sagen, dass ich zumindest ein wenig helfen konnte, beim Aufbau von „Happy Family“. Auch, wenn es ohne mich sicher etwas früher gestanden hätte.

Weitere Informationen

„Simon schuftet“... heißt die Serie, in der WESER-KURIER-Volontär Simon Wilke verschiedene Arbeiten verrichtet, die rund um den Betrieb des Bremer Freimarkts anfallen. Beim Aufbau des „Happy Family“ begann sein Tag schon in den frühen Morgenstunden. Eine große Hilfe war er aber wohl nicht.

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