Porträt über Freimarkt-Schausteller

Theo Rosenzweig verkauft sein Riesenrad

Seit 25 Jahren fährt Theo Rosenzweig mit seinem Riesenrad durch Deutschland. Jetzt hat er sein Rad verkauft, und so mit einer alten Tradition gebrochen.
27.10.2019, 05:48
Lesedauer: 2 Min
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Von Simon Wilke
Theo Rosenzweig verkauft sein Riesenrad

Seit 25 Jahren fährt Theo Rosenzweig mit seinem Riesenrad durch Deutschland. Er hatte das Rad von seinem Onkel übernommen. Nun hat er es verkauft. Der Bremer Freimarkt ist seine letzte Station als Schausteller.

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Theo Rosenzweig sitzt in einem Ledersesseln des VIP-Bereichs seines Fahrgeschäfts und erzählt, wie er sich dazu entschieden hat, mit einer Familientradition zu brechen. Seit einem Vierteljahrhundert tourt der 48-Jährige mit seinem Riesenrad durch Deutschland. Jetzt hat er es verkauft und möchte etwas Neues anfangen. „Der Bremer Freimarkt ist für mich die letzte Station“, sagt er. Traurig ist er deshalb nicht.

Der Name Rosenzweig ist eine Institution im Riesenradgewerbe – schon Theo Rosenzweigs Großeltern hatten ein kleines. Das Rad, mit dem er heute unterwegs ist, wurde in Bremen gebaut. Es war lange Zeit das größte, transportable Riesenrad der Welt. Knapp 60 Meter ist es hoch. Heute sei es ein Wahrzeichen des Freimarkts, sagt er. Aus diesem Grund habe er bewusst darauf verzichtet, es auch zur Osterwiese aufzubauen. „Die Leute sollten wissen: Wenn sie uns sehen, dann ist Freimarkt. Und da steht genau dieses Rad und kein anderes.“

Theo Rosenzweig war 16 Jahre alt, als er seine Internatsschule verließ, um im elterlichen Karussellbetrieb mitzuarbeiten. „Meine Eltern wussten schon: ,Den brauchen wir nicht zu überreden, weiter zur Schule zu gehen'“, erzählt er. Seine Großeltern betrieben ein Fahrgeschäft, seine Eltern auch, genauso, wie sein Onkel. Und als der an Krebs verstarb kam nur einer in Betracht, um den Riesenradbetrieb aufrecht zu erhalten: Theo. Er war damals 24.

Während viele junge Männer seines Alters Partys feierten, fuhr Rosenzweig von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. „Wenn man als Schausteller geboren wird, ist das genau das, was man will“, sagt er. „Wenn man in der Hauptsaison auf Topveranstaltungen sein darf, ist das für einen Schausteller so, wie für andere Menschen eine Woche auf Mallorca zu sein.“ So lebte Rosenzweig in den vergangenen Jahrzehnten – unterwegs von Ostern bis Weihnachten. Mal eine Auszeit nehmen oder die Veranstaltungen von zu Hause organisieren, das funktioniere nicht. Er habe es versucht, um mehr Zeit mit seiner Tochter und seiner Partnerin in der Wahlheimat Hamburg zu verbringen. Doch: „Ich habe gemerkt, ich lebe auf einmal in zwei Welten, aber in keiner mehr richtig. Und da ich mich nicht trennen wollte, gab es nur eine Lösung.“ Rosenzweig entschied sich gegen das Riesenrad und für Hamburg.

Was er künftig machen wird, weiß er noch nicht. Die Zeit, sich intensiv um etwas Neues zu kümmern, war bis jetzt nicht da. „Ich möchte es dieses Jahr ganz vernünftig zu Ende bringen und bei Problemen immer zur Verfügung stehen“, sagt er. Jetzt pendelt er ein letztes Mal zwischen Hamburg und Bremen, um Familie Greier, den neuen Riesenradbetreibern, beim Freimarkt unter die Arme zu greifen. Deren Tochter nennt ihn mittlerweile Onkel Theo.

Rosenzweigs Eltern haben sich mit dem Verkauf des Riesenrads mittlerweile abgefunden. „Sie konnten es erst glauben, als es soweit war“, sagt er. Jahrmärkte will Rosenzweig auch zukünftig besuchen, nur eben ohne Fahrgeschäft. „Ich freue mich schon, dann die alten Kollegen zu treffen“, sagt er. Und irgendwie bleibt er der Branche auch treu: „Neulich sagte eine Kollegin zu mir: ,Mensch, dann bist du jetzt gar kein Schausteller mehr.' Da habe ich geantwortet: ,Ich glaube, Schausteller ist man von Geburt an, und das bleibt man auch.'“

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