Boots Night

Underground-Musik für gestiefelte Hörer

Unbekannte Bands nach Bremen holen, die dort ansonsten eher nicht zu hören sind: Das war die Idee hinter der Konzertreihe „Boots Night“, die eine Gruppe Musikbegeisterter 1997 ins Leben rief.
05.02.2019, 19:47
Lesedauer: 3 Min
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Underground-Musik für gestiefelte Hörer
Von Anne Gerling
Underground-Musik für gestiefelte Hörer

Doreen Shaffer und die Moon Invaders lockten im November 2011 rund 130 Gäste zur Boots Night in den Magazinkeller.

Boots Nights

„Seit ein paar Monaten gibt es im Schlachthof eine Art rauhbeiniges Gegenstück zur folkloristischen Reihe ‚Roots Nights‘, das sich in komisch-frecher Anlehnung ‚Boots Night‘ nennt und musikalisch das bietet, was gestiefelte Hörer haben wollen“, hieß es am 12. Mai 1997 in einem Konzertbericht des WESER-KURIER. Damals hatte eine kleine Gruppe engagierter Musikfans, die aus der Punk-, Punkrock- und Skinhead-Szene kamen, angefangen, Konzerte mit Bands zu organisieren, die ansonsten in Bremen eher nicht live zu hören waren.

Das Konzept: Underground-Musik, die möglichst ordentlich rumpelt – und das für kleines Geld. Der Name der neuen Reihe – der in der Tat augenzwinkernd auf die Weltmusik-Konzertreihe im Schlachthof anspielte, die natürlich ein komplett anderes Publikum anzog – sei durchaus umstritten gewesen, erinnert sich Mit-Initiatorin Angela Piplak: „Es gab da schon Diskussionen. Der Schlachthof hat den Namen erst nicht akzeptiert und fürchtete Verwechslungen.“ Zu Recht, wie Veranstaltungstechniker Martin Kliemisch schmunzelnd bestätigt: „Es kamen tatsächlich auch Gäste, die Sekt und Rotwein wollten und fragten, wo man sich denn hinsetzen könne.“ Dabei ist mit einem Blick auf die Boots-Night-Flyer die Sache eigentlich klar: Passend zur Haupt-Zielgruppe sind darauf bis heute zwei Springerstiefel zu sehen.

Alles ehrenamtlich organisiert

Denn es gibt die Konzertreihe noch immer – auch wenn die Protagonisten zum Teil gewechselt haben. Einer der Initiatoren zum Beispiel, den Bremer Nachtschwärmer nur unter dem Namen Lemmy und überwiegend in Verbindung mit seiner im Jahr 2000 eröffneten Kneipe Rum Bumper’s an der Humboldtstraße kennen, macht nicht mehr mit. Die Zeit reichte irgendwann einfach nicht mehr, schließlich wird vom Booking über Werbung und Catering bis zur Tontechnik alles in Eigenregie gemacht – und zwar ehrenamtlich, denn alles in allem gesehen decken die Einnahmen in etwa die Kosten.

Als sie die Boots Night „erfanden“, organisierte Angela Piplak bei Change Music Konzerte und Lemmy im Wehrschloss. Dort wurde aber jeweils per Konsensentscheid entschieden, weshalb manche Bands abgelehnt wurden. Bei ihrem neuen Projekt war das anders, erzählen die beiden: „Bei der Boots Night konnte jeder mal mit einer Band kommen, die er veranstalten wollte.“

Der passende Ort war schnell gefunden. Schließlich gab es seit vielen Jahren einen engen Draht zum Schlachthof, wie Lemmy erzählt: „Der Magazinkeller war auch eine Räumlichkeit mit der entsprechenden Größe.“ Tatsächlich fand die Boots Night später gelegentlich auch in der Kesselhalle statt.

Laurel Aitken als erster Höhepunkt der Konzertreihe

Das erste Highlight ließ nicht lange auf sich warten: Nach gerade einmal vier Konzerten fragte überraschend eine befreundete Agentur an, ob Laurel Aitken bei der Boots Night auftreten könne. Eine kleine Sensation, schließlich galt der damals 70-jährige Musiker zu diesem Zeitpunkt bereits als lebende Legende der Ska-Musik. Bis heute erinnert sich Lemmy gern an Aitkens denkwürdigen Auftritt: „Er steuerte beim Aufbau zielstrebig auf Angie als einzige Frau in der Halle zu und sagte: Hi! I am Laurel, the godfather of Ska.“

Eine der schönen Anekdoten rund um die Boots Night. Auch der Besuch der Bad Manners aus London zählt dazu, die im Januar 1998 auf den allerletzten Drücker eintrafen. „Es war tiefster Winter und schon später Nachmittag. Sie riefen an und sagten, sie seien kurz hinter Frankfurt und müssten Landstraße fahren, weil jemand ihre Frontscheibe eingeschmissen hat“, erinnert sich Lemmy. Als die Band um halb elf vorfuhr, spielte sie sich direkt auf der Bühne wieder warm. „Danach bin ich mit ihnen zum Hotel gefahren. Es waren gerade Sixdays und hinter dem Findorfftunnel kamen wir in eine Verkehrskontrolle“, erzählt Lemmy. Das Verblüffende: Dass beim Tourbus die Frontscheibe fehlte, ist dem Polizisten damals nicht aufgefallen.

Auch Ehen wurden gestiftet

Neben vielen unbekannteren Bands standen auch Top-Acts wie Doreen Shaffer, die Skatalites, die Slackers, TV Smith oder die Hardcore-Punk-Band Agnostic Front bei der Boots Night auf der Bühne. Sie habe viele tolle Konzerte erlebt und so manche Freundschaft fürs Leben geschlossen, erzählt Kulturwissenschaftlerin Piplak. Sogar eine Ehe sei gestiftet worden, als die britische Band Red London nach dem Konzert in ihrer Wohngemeinschaft übernachtete: „Irgendwann trudelte dann ein Brief bei uns ein. Und heute lebt unsere Freundin Debbie in England.“

Mit den Konzerten sei auch politische Arbeit geleistet worden, findet Martin Kliemisch: „Ich glaube, dass unsere Veranstaltungen die Leute auch wieder offener für diese Szene gemacht haben. Sie haben gemerkt: nicht alle Skinheads sind Nazis.“ Denn Mitglieder der rechten Szene wurden konsequent abgewiesen. Mittlerweile ist das Publikum völlig gemischt – mit einem gemeinsamen Nenner, der seit Langem die Flyer der Boots Night ziert: „Love music – hate racism“.

Weitere Informationen

Bei der nächsten Boots Night am Freitag, 15. Februar, im Schlachthof-Magazinkeller, Findorffstraße 51, stehen die Kölner Reggae- und Rocksteady-Band Masons Arms und die Ska-Band Los Placebos aus dem Ruhrgebiet auf der Bühne. Einlass ist um 19.30 Uhr. Weitere Informationen unter https://www.facebook.com/BootsNight.

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