Nutria-Sichtung am Weidedamm-Fleet

Noch ist kein Schuss gefallen

Am Weidedamm-Fleet wurden Nutrias gesichtet, und der Umweltbetrieb Bremen hat die Bremer Stadtjäger beauftragt. Die haben den Weidedamm jetzt im Visier. Ein Jagdgebiet mitten in der Stadt ist auch für sie neu.
04.06.2020, 05:34
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten
Noch ist kein Schuss gefallen

Nutrias, auch Wasserratte oder Biberratte genannt, unterhöhlen Deiche und Ufer – und sie vermehren sich sehr schnell.

Silas Stein/dpa

„Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass in dieser Grünanlage die Jagd ausgeübt werden muss”, stand auf dem grasgrünen Schild. Am Weidedamm-Fleet wurden Nutrias gesichtet, und der Umweltbetrieb Bremen hat die Bremer Stadtjäger beauftragt, dort nach dem Rechten zu sehen. Auch ohne den Warnhinweis hatten die beiden Männer, die in der Dämmerung bewaffnet das Gewässer umstreiften, bislang bei Spaziergängern keinen Schrecken verursacht. „Wir wurden oft angesprochen, aber wenn wir uns vorstellten, haben die Leute bis jetzt immer mit Verständnis reagiert”, erklärt Hinrich Geerken.

Der Landwirt aus dem Blockland ist einer von zwei Bremer Stadtjägermeistern, die ehrenamtlich, aber im öffentlichen Auftrag, in Fällen wie diesem zum Einsatz kommen. Tatsächlich hatten Anwohner bereits im Herbst des vergangenen Jahres die Sichtungen gemeldet, und mit Fotos und Videoaufnahmen belegt, berichtet Stadtjägermeister Harro Tempelmann. Ein halbes Jahr habe es dann gedauert, bis die Formalitäten geklärt, die nötigen Genehmigungen eingeholt und die Polizei informiert war. Denn ein Jagdgebiet mitten in der Stadt, direkt umschlossen von einem Wohngebiet, ist auch für die Stadtjäger keine Routine. Aus dem Blockland kenne er das Problem bereits: „Wir haben vor drei Jahren die ersten Nutrias bemerkt. Mittlerweile sind sie überall.”

Nutrias – wissenschaftlicher Name Myocastor coypus – sind zoologisch verwandt mit den Meerschweinchen, aber deutlich größere Familienangehörige: Ausgewachsene Exemplare werden bis zu 65 Zentimeter groß und oft mehr als zehn Kilo schwer. Ihre Heimat ist Südamerika, doch vor mehr als hundert Jahren gelangten auch nach Europa, wo ihr Pelz sehr begehrt war. In den 1920er-Jahren entstanden die ersten Nutriafarmen auf deutschem Gebiet. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Nachfrage an Nutria-Pelzen in Deutschland enorm. Seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts versiegten Interesse und gesellschaftliche Akzeptanz für Pelzkleidung. Die Farmen schlossen, Tiere entkamen oder wurden bewusst freigelassen, und sie ließen sich nieder, wo immer es ihnen gefiel. „Damit begann der Siegeszug der Nutrias”, erklärt Wilfried Döscher, Geschäftsführer des Bremischen Deichverbands am Rechten Weserufer.

Die durchaus possierlichen Tierchen, die sich fast ausschließlich vegetarisch ernähren, machen den Deichschützern mittlerweile große Probleme. „Seit einigen Jahren beobachten wir eine exzessive Zuwanderung aus Westen und Osten”, sagt Döscher. In Bremen seien die Tiere nachweislich seit fünf bis sechs Jahren etabliert. Sie zeichneten sich durch eine “gigantische Vermehrungsrate” aus. Die polyöstrischen Säugetiere können sich in jeder Jahreszeit fortpflanzen und drei bis viermal pro Jahr bis zu acht Junge werfen, die wiederum nach fünf Monaten selbst geschlechtsreif sind. Offizielle Zahlen über die Zahl der Bremer Nutria gebe es nicht, aber die Beobachtung, dass es immer schneller immer mehr davon gibt. Dazu haben laut Döscher offensichtlich die vergangenen „schlappen Winter” beigetragen. In früheren Zeiten wurde die Zahl der kälteempfindlichen Nager auf natürliche Weise dezimiert.

Problematisch ist für die Deichschützer die Lebensweise der Tiere, deren Erdbauten dicht unter der Bodendecke die Deiche perforieren. „Das sind meterlange reelle Ofenrohre”, erklärt Döscher. Alleine im Blockland kenne er 15 Nutriabauten, die zur Deichsicherung aufwendig ausgebaggert, verstampft und neu verschlossen werden mussten. Die massive Unterhöhlung könne zudem die gesamte Ufervegetation in Mitleidenschaft ziehen. “Nutrias sind verantwortlich für erhebliche Schäden an Deichen und Gewässerufern”, konstatiert der Deichverbandschef. “Wir haben darum ein vitales Interesse an der Bejagung”.

Im vergangenen Jahr hatte Bremen das Jagdrecht dahingehend geändert, dass es für Nutrias keinerlei Schonzeiten mehr geben soll. Die Aufhebung des Elterntierschutzes gebe den Stadtjägern “ein wichtiges Stück Rechtssicherheit”, sagt Döscher. Ganz anders der Bremer Nabu, der sich dazu wiederholt kritisch geäußert hatte: Geschäftsführer Sönke Hofmann hält die Befürchtungen des Deichverbandes für „weit übertrieben“, und lehnt „den Tod von Muttertieren und das Verreckenlassen der Jungen im Bau strikt ab“. In einem Bundesland, dessen Fläche zu 90 Prozent überflutungsgefährdet sei, sei eine solche Aussage „Humbug“, kommentiert Döscher.

Der Umweltbetrieb hat vorerst die Schilder am Weidedamm-Fleet wieder abgebaut, doch das Gebiet bleibt im Visier. Bislang haben die Stadtjäger am Weidedamm kein Nutria zu Gesicht bekommen, kein Schuss ist gefallen. Traurig sind die Stadtjäger darüber nicht, sagt Tempelmann: „Es ist ja nicht so, dass es uns Spaß macht, Nutrias zu jagen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+