Weser-Strand Porträt

Mit Nadel und Timing

Clara Ahlers ist Tätowiererin im Studio Alunar Ink in Findorff. Angefangen hat sie damit kurz vor dem ersten Lockdown. Während der Schließung hat sie ihre Kreativität beim Zeichnen fließen lassen.
22.04.2021, 17:32
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Mit Nadel und Timing
Von Rebecca Sawicki
Mit Nadel und Timing

Ihr erstes Tattoo hat Clara Ahlers wenige Monate vor dem ersten Lockdown gestochen.

Frank Thomas Koch

Clara Ahlers hat sich nahezu den ungünstigsten Zeitpunkt herausgesucht, um in ihrer neuen Branche durchzustarten: „Ich habe vier Monate vor dem ersten Lockdown mein erstes Tattoo gestochen“, sagt sie. Ihr erster Kunde: ein Kumpel ihres Freundes. Vorher hat Ahlers an Bananen, Orangen und einer Honigmelone geübt. Von Tattoos sei sie schon immer fasziniert gewesen – trotzdem habe es gedauert, ehe sie den Weg einschlug. „Ich habe mich nie getraut.“

Die 30-Jährige hat integriertes Design an der Hochschule für Künste in Bremen studiert. Ihre Schwerpunkte lagen auf Fotografie und Illustration. Diese Ausbildung nutzt sie auch beim Tätowieren. „Ich hatte das Glück, von Anfang an viele Wannados stechen zu können“, sagt Ahlers. Wannados sind Entwürfe, die Tätowierer ohne Auftrag eines Kunden anfertigen und anbieten. Dass Ahlers glücklich darüber ist, so gut anzukommen, ist ihr anzusehen. Trotzdem hat sie nichts Überhebliches an sich, wirkt eher in sich gekehrt. Und das, obwohl sie schnell Fuß fassen konnte, seit sie den Entschluss gefasst hatte, mit dem Tätowieren anzufangen.

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Unsicherheit sei immer ein Thema in ihrem Leben gewesen, trotzdem hat sie es geschafft, die Zweifel herunterzuschlucken und sich zu bewerben. „Ich wollte es einfach probieren und habe ein Portfolio mit meinen Zeichnungen an das Studio Alunar Ink geschickt“, erzählt Ahlers. Große Chancen hat sie sich nicht ausgerechnet – letztlich wurde ihr nach dem Gespräch aber ein Praktikum angeboten. Als nach ein paar Wochen klar war, dass Clara Ahlers und ihre Kollegin gut zusammenpassen, blieb sie und lernte. Mittlerweile sticht sie nur noch Tattoos, auf die sie auch künstlerisch und gestalterisch Lust hat.

„Ich steche Motive, bei denen ich glaube, dass ich sie gut umsetzen kann“, sagt Ahlers. Es sei ein schönes Gefühl, schon nach so kurzer Zeit an einem Punkt anzukommen, an dem sie zufrieden sei. Ihre Tattoos sind filigran, detailreich und kleinteilig. „Ich würde sagen, ich zeichne und andere Tätowierer malen. Das sind unterschiedliche Stilrichtungen.“ Sie sucht in den Tattoos, die sie sticht, Herausforderungen. Sie will eine Geschichte erzählen, ein Gefühl rüberbringen.

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„Ich habe nicht angefangen, anders zu illustrieren, nur weil ich jetzt tätowiere“, sagt Ahlers. Natürlich hat sie sich weiterentwickelt, aber im Grunde bleibt sie ihrem Stil treu. „Im Endeffekt ist die Haut nur ein anderes Medium, mit dem man arbeitet.“ Tätowieren sei etwas schwieriger als zeichnen. Das Gefühl, als sie ihr erstes Tattoo gestochen hat: „Ganz ­komisch. Ich war so aufgeregt, als wär ich gar nicht richtig anwesend.“ Mittlerweile habe sich das aber alles normalisiert.

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Während des zweiten Lockdown hat Clara Ahlers angefangen, Zeichnungen auf Nachfrage anzufer­tigen. Die Motive: Menschen. Meistens umrandet von geome­trischen Formen, immer ohne Augen. „Ich finde, die braucht es nicht, um Personen zu erkennen“, sagt Ahlers. Die Zeichnungen entsprächen dem Stil ihrer Tattoos. Viele ihrer Wannados zeigen feingliedrige Landschaften, die in geometrische Formen eingepasst seien.

Doch Ahlers brennt nicht nur für die Kunst. Sie ist auch politisch. Nachdem sie ihr Abitur in der Wesermarsch gemacht hat, hat sie sich für ein freiwilliges ökologisches Jahr bei der Aktionsgemeinschaft Robin Wood entschieden. Ob sie, wenn sie später geboren worden wäre, heute Aktivistin bei Fridays for Future wäre? „Auf jeden Fall!“

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Für den Europawahlkampf hat sie das Wahlkampfmagazin der Linksjugend illustriert. Ein Bereich, den sie sich auch weiterhin hätte vorstellen können, hätte es mit dem Traum vom Tätowieren nicht geklappt. Ihr ist es wichtig, etwas Sinnvolles zu tun. Seien es politische Kampagnen, die grafisch komplettiert werden müssten. Oder Tattoos, mit denen Geschichten erzählt und Gefühle vermittelt werden können.

Traurig sei sie, wenn fülligere Frauen sie fragten, ob gewisse Tattoos auch bei ihnen schön aussehen werden. Ob die filigranen Kunstwerke auf dickere Oberschenkel passen würden. „Natürlich, meine Illustrationen passen zu jedem, dem sie gefallen“, erklärt Ahlers. Niemals würde sie selbst auf den Gedanken kommen, einer Kundin könne eines ihrer Tattoos aufgrund der Kleidergröße nicht stehen.

Allerdings kennt sie die Unsicherheit, die viele Frauen gegenüber ihrem Körper verspüren, von sich selbst. „Ich habe lange gebraucht, bis ich mir das erste Tattoo stechen ließ“, sagt sie. Sie hatte es immer wieder aufgeschoben. Auf einen Zeitpunkt, an dem sie noch dünner oder noch schöner sein würde. Das war zu einer Zeit, in der ihre Psyche und ihr Körper keinen Frieden finden wollten. Mittlerweile hat sie diesen Kampf hinter sich gelassen. Sie hat mit ihrem ersten Tattoo nicht mehr auf den Punkt der Perfektion gewartet. Und kurze Zeit später sogar selbst angefangen, andere Menschen zu stechen.

Als Tätowiererin kommt sie ihren Kunden nahe, berührt sie an Stellen, die Fremde normalerweise nicht einmal zu Gesicht bekommen. „Am Anfang war das seltsam, aber ich habe mich schnell gewöhnt“, sagt sie. Bewerten würde sie Körper niemals. Als sie sich für den Beruf entschieden habe, hätte sie nicht gedacht, dass neben dem künstlerischen Geschick auch viel Sozialkompetenz vonnöten sei. Denn beim Tätowieren seien viele gesprächig. „Ich finde es richtig schön, obwohl ich es nicht auf dem Schirm hatte“, sagt Ahlers.

Seit der zweiten Märzwoche darf das Studio, in dem Clara Ahlers arbeitet, wieder öffnen. „Es ist ein ganz schöner Aufwand, alle Termine der vergangenen Monate zu organisieren“, sagt sie. Am Tag der Öffnung ist sie morgens, bevor die erste Kundin kam, noch zum Testzentrum gelaufen, um einen Schnelltest zu machen. Ergebnis: negativ. „Ich wollte aber auf Nummer sicher gehen.“

Es könne noch eine Weile dauern, bis neue Termine bei Ahlers gebucht werden könnten. Zu groß ist die Angst, dass das Studio erneut schließen muss. Zu groß der Aufwand, mit dem aktuell sämtliche Termine neu organisiert werden müssen. „Ich kann nicht so weit planen.“

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