Gemeinschaftliches Wohnen Wie man im Alter leben will

Zum Seniorenheim gibt es eine Alternative: das gemeinschaftliche Wohnen über die Generationsgrenzen hinweg. Doch auf dem Weg dorthin muss allerhand beachtet werden.
07.09.2019, 05:59
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Zu der Frage „Wie will man im Alter leben?“ gehört auch, wie man im Alter wohnen will. „Viele wollen nicht allein sein, sie wollen gemeinsam etwas unternehmen, gute Nachbarn haben, mit denen sie sich austauschen können oder haben einfach Lust auf was Neues mit Menschen. Dahinter stecken die Ziele Lebensqualität, Zufriedenheit und Glück“, sagt Jürgen Schnier von der Klimazone Findorff, der gemeinsam mit Joachim Böhm, einem Experten für gemeinschaftliches Wohnen, auf einer Veranstaltung im Saal der Martin-Luther-Gemeinde referierte. Sie war der fünfte Termin in der Gesprächsreihe „Gut leben und wohnen im Alter“, zu der sich die Klimazone Findorff und die Martin-Luther-Gemeinde zusammengetan haben.

Dem Wunsch nach einer alternativen Wohnform stünden zunächst knapper Wohnraum und hohe Preise auf dem Wohnungsmarkt entgegen. Doch es müsse noch mehr hinzukommen: Der Wunsch nach gemeinsamem Wohnen ließe sich nur mit den entsprechenden „Zutaten“ verwirklichen, so Schnier. „Die Menschen müssen zueinander passen, Haus oder Grundstück müssen vorhanden sein, ebenso wie Geld für Miete oder Kauf“, sagt Schnier, man müsse aber auch ein Gemeinschaftskonzept entwickeln, das umreißt, was man zusammen machen will.

Schnier empfiehlt eine eventuelle professionelle Beratung, vor allem aber hält er bestimmte Einstellungen der Menschen für wesentlich, wenn sie in einer Gemeinschaft wohnen möchten: Offenheit, Respekt, Toleranz, Solidarität, vor allem aber Kompromissfähigkeit sollten unter den Beteiligten vorhanden sein, denn Menschen sind verschieden und haben besonders im Alter ausgeprägte individuelle Vor- und Abneigungen.

Alternatives Wohnen in einer Reihe von Projekten

Der zweite Referent des Abends, Joachim Böhm, ist als studierter Architekt seit 17 Jahren im Bereich gemeinschaftliches Wohnen tätig. In Bremen haben sich Formen alternativen Wohnens in einer Reihe von Projekten bereits realisiert. Derzeit sei zum Beispiel das Wohnprojekt „Fairmietergemeinschaft Ellener Hof“ in Osterholz mit 500 neuen Wohnungen in der Planung, in anderen wie „Theovida“ in Walle wurden die Wohnungen bereits im Jahre 2017 bezogen.

Nach den Erfahrungen von Joachim Böhm wollen Menschen, die an gemeinschaftlichem Wohnen interessiert sind, vor allem mit Gleichgesinnten zusammenkommen und in einem gewohnten Umfeld selbstbestimmt alt werden, viele möchten aber auch ihren Kindern ein entsprechendes Wohnen ermöglichen. „Oft finden Kinder beim gemeinschaftlichen Wohnen eine vielfältige Gemeinschaft vor, die ihren Bedürfnissen sehr entgegenkommt“, sagt Joachim Böhm. Er weist jedoch darauf hin, dass es heutzutage frustrierend sein kann, wenn bezahlbarer Wohnraum gesucht wird: „Wenn sich eine Gruppe bildet, die gemeinschaftlich wohnen möchte, aber nach drei Jahren immer noch kein Grundstück gefunden hat, geben viele ihre Suche auf.“

Mit seinem Unternehmen Plan A in Bremen berät Böhm seit 2013 Investorengemeinschaften, die auf neue Formen nachbarschaftlichen Wohnens setzen. „Aber man kann auch als Einzelperson zu uns kommen, wenn man Interesse an neuen Wohnformen hat,“ sagt Böhm.

Eine fachliche Beratung haben sich auch die Bewohner von „Theovida“ in Walle ins Boot geholt. Dort wohnt Margitta Wülpers-Klauck, die auf dem Infoabend in der Martin-Luther-Gemeinde über ihre Erfahrungen berichtet. „Vorher hatte ich eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung in Findorff, jetzt nur noch anderthalb Zimmer, doch das hat nicht wehgetan“, sagt sie. In ihrem Wohnprojekt leben 18 Personen in zehn Wohnungen, von Kindern über Singles, von gleich- und gemischtgeschlechtlichen Paaren bis zu einer Rentnerin. „Mindestens einmal in der Woche gibt es ein gemeinsames Treffen“, sagt sie, „allerdings stecken unsere gemeinsamen Aktivitäten noch in den Kinderschuhen.“

Ein gemeinsames Putzen einmal im Jahr

Aktionen wie gemeinschaftliches Kochen seien noch nicht möglich, da die Küche noch nicht fertig sei, aber man habe schon gemeinsame Ausflüge, zum Beispiel zum Waller Feldmarksee, unternommen. „Und einmal im Jahr gibt es ein gemeinsames Putzen, bei dem sich alle Bewohner zum Beispiel den Fahrradkeller oder die Eingangstür zum Saubermachen vornehmen.“

Das Wohnprojekt „Theovida“ fußt auf einem gemeinschaftlichen Finanzierungsmodell, bei dem die Anteilseigner zugleich auch die Mieter sind. Jeder der Mieter zahle eine Grundeinlage, und mit dem Mietpreis würden die Kredite der GmbH & Co. KG abgezahlt, erläutert Margitta Wülpers-Klauck.

Heutzutage haben sich die sozialen Bindungen zwischen den Generationen stark verändert, vereinfacht gesagt: Die Individualisierung nimmt zu, die Zuverlässigkeit familiärer Beziehungen nimmt ab – alternative Wohnformen, bei denen Jung und Alt in neuen Gemeinschaftsformen zusammenfinden, werden zunehmend attraktiv, führt Schnier aus. Dem steht allerdings in Großstädten wie Bremen ein angespannter Wohnungsmarkt gegenüber. Er betont, dass er bereits Wohnungsbaugenossenschaften wie die Gewoba gefragt habe, ob sie Formen gemeinschaftlichen Wohnens fördern würden. „Doch wie weit sie in Zukunft dazu bereit sein werden, steht derzeit noch in den Sternen.“

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