Gröpelinger Urgestein gestorben Das „Gedächtnis der AG Weser“ ist tot

Ihm zuzuhören, war immer ein Spaß und obendrein hochinteressant: 30 Jahre lang hat der Gröpelinger Heinz Rolappe bei der AG Weser gearbeitet und davon später viel erzählt. Nun ist er mit 89 Jahren gestorben.
19.06.2020, 18:52
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Das „Gedächtnis der AG Weser“ ist tot
Von Anne Gerling

Gröpelingen. Traurige Nachrichten aus dem Bremer Westen: Heinz Rolappe, weithin bekanntes Urgestein aus Gröpelingens Arbeiterschaft und personifiziertes Gedächtnis der AG Weser, ist am 10. Juni im 90. Lebensjahr gestorben.

Der gebürtige Gröpelinger hatte im Juni 1954 auf der AG Weser angefangen. Als genau 30 Jahre später sein Arbeitsvertrag endete, hatte er sich vom Rohrschlosser bis zum Werkmeister und Abteilungsleiter Außenbetrieb der Rohrschlosser hochgearbeitet. Sein exzellentes Fachwissen war bei Kollegen und Vorstand gleichermaßen anerkannt.

Nach der von Krupp und der Politik 1983 beschlossenen Schließung der – finanziell gesunden – Werft war auch Rolappe zunächst arbeitslos. Bis nach kurzer Zeit der damalige Arbeitssenator Claus Grobecker (SPD) und der spätere Bürgerschaftspräsident Christian Weber, damals Geschäftsführer des frisch gegründeten Vereins Jugendwerkstätten, an ihn herantraten: Ob er bereit wäre, eine neue Jugendwerkstatt an der Waterbergstraße zu leiten, die die Berufschancen sozial benachteiligter Jugendlicher verbessern sollte? Er sagte zu und nahm als Ausbilder ehemalige ältere Ingenieure, Meister, Kollegen und Bürokräfte von der Akschen mit.

Die Lehrlinge – durchweg mit schlechten Noten und teilweise ohne Schulabschluss – rüttelte er zuallererst in seiner deutlichen Art wach: „Um 7 Uhr müsst ihr hier sein. Dafür müsst ihr aber erstmal aufstehen, sonst geht es nicht!“ Am Ende bestanden die mehr als 300 jungen Leute allesamt ihre Prüfung, worauf Rolappe wirklich stolz war. Wenn er später durch Gröpelingen spazierte, dann grüßten ihn regelmäßig von allen Seiten ehemalige Schüler.

Die Werft und seine „Mackers“ – die Kollegen von damals – hat der zweifache Familienvater Rolappe daneben nie vergessen. 1983 war der Arbeiterverein Use Akschen gegründet worden, damit sich die Belegschaft nach der Schließung nicht in alle Winde zerstreuen würde. 34 Jahre lang war Rolappe hier zweiter Vorsitzender und hat gemeinsam mit Vereinspräsident Herbert Kienke die Erinnerung an die Gröpelinger Großwerft lebendig gehalten.

Regelmäßig nahmen Kienke und Rolappe – der sich auch in der Geschichtswerkstatt Gröpelingen engagierte – etwa an Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen teil. Vorigen Sommer waren sie noch in der Golden City-Lankenau-Show „AG Weser“ zu Gast. „Heinz war ein sehr guter Erzähler und mit seinem Wissen ein dankbarer Ratgeber“, so Kienke. Rolappe hatte so manche Geschichte von Zusammenhalt und Kameradschaft auf Lager. Wer ihm zuhörte, dem wurde aber auch schnell klar, wie schwer auf der Werft geschuftet wurde und dass es dort lange Zeit mit dem Arbeitsschutz nicht weit her war. Rolappes Vater war in den 1930-er Jahren bei einem Unfall auf der Akschen ums Leben gekommen. Immer wieder hatte Heinz Rolappe auch Schülern an der Gesamtschule West (GSW) aus seiner Kindheit und Jugend erzählt: Er gehörte viele Jahre lang zu einer Gruppe von Zeitzeugen, die die Schule auf Einladung von Raimund Gaebelein von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes besuchten.

Trockener Humor, geradeheraus und dabei stets korrekt: So kannten viele Gröpelinger Heinz Rolappe aus den Sitzungen des Stadtteilbeirats. Interessiert verfolgte er die Ortspolitik und erhob sich regelmäßig von seinem Platz in der ersten Reihe im Zuschauerraum, um sich wortgewaltig für seinen Stadtteil einzusetzen. Der eine oder andere Behördenvertreter dürfte innerlich die Hacken zusammengeschlagen haben, wenn Rolappe Politik und Verwaltung dann mal wieder die Leviten las. Beiratssprecherin Barbara Wulff (SPD) hatte mehrmals versucht, Rolappe für die Mitarbeit in ihrer Partei und im Beirat zu gewinnen, wie sie erzählt: „Er lehnte jedoch mit der Begründung ab, nach der Nazizeit und dem Zweiten Weltkrieg habe er sich geschworen, niemals einer Partei beizutreten.“

Seine Freunde vom Arbeiterverein müssen sich ab jetzt mittwochs ohne ihn treffen, und auch vielen anderen Gröpelingern wird diese starke Persönlichkeit in Zukunft wohl sehr fehlen. Zum Glück hat Rolappe den Machern des Digitalen Heimatmuseum so einige Storys aus seinem Leben erzählt, die man jederzeit im Internet nachhören kann.

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