Gedenkreise durch Norddeutschland

Auf den Spuren der Verschleppten

Als Vergeltungsaktion deportierten die deutschen Besatzer im August 1944 fast alle erwachsenen Männer eines Dorfs in Belgien. Die Nachfahren besuchten jetzt Gröpelingen, wo 15 von ihnen den Tod fanden.
27.08.2019, 18:46
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Von Magali Trautmann
Auf den Spuren der Verschleppten

Stilles Gedenken an die belgischen Opfer der NS-Gewaltherrschaft in Gröpelingen: Raimund Gaebelein (mit Baskenmütze) hat ihr Leid wieder in Erinnerung gebracht.

Roland Scheitz

Auf dem Gelände des Schützenhofs in Gröpelingen wurde buchstäblich gebuddelt, um die Lebensgeschichten von Menschen wieder ans Tageslicht zu fördern. Von den Ausgrabungen ist allerdings nichts mehr zu sehen. Von den Baracken eines KZ-Außenlagers erst recht nicht. Dort, wo sie einst standen, befindet sich nur noch ein Schotterplatz. Die auf dem Gelände noch erhaltenen Baracken werden von einer KFZ-Werkstatt und der Bremer Schützengilde genutzt. Eine rostige Gedenktafel an einer weißen Wand erinnert daran, was hier vor bald 80 Jahren geschah: „Von diesem Gelände wurden 1940/41 Sinti und Roma in den Tod geschickt. 1942/45 kamen 267 Häftlinge des Kommandos Schützenhof, Außenlager des KZ Neuengamme, beim Ubootbau für die Dschimag ums Leben. Weitere starben beim Todesmarsch zur Lübecker Bucht.“ Gleich daneben hängt eine kleinere Stahlplatte mit der Inschrift: „Diese Tafel erinnert an die unschuldigen Opfer der belgischen Gemeinde Meensel-Kiezegem. 61 der 900 Einwohner wurden nach 2 SS-Razzien am 1. und 11. August 1944 ins KZ Neuengamme deportiert. Auf der A.G. Weser starben 15 von ihnen als Opfer faschistischen Rüstungswahns.“ Die Inschrift ist in drei Sprachen gehalten: Deutsch, Französisch und Flämisch.

Initiiert hat die Anbringung der Platten in den Jahren 2002 und 2004 Raimund Gaebelein. Seit den 1970er-Jahren beschäftigt sich der gebürtige Marburger mit der Nazi-Vergangenheit, beginnend bei der eigenen Familiengeschichte. Später hat er Friedensfeste in Bremen mitorganisiert und „immer da, wo wir wussten, das Lager waren, Pappschilder aufgehängt“. Als Gaebelein Ende der 1990er-Jahre mit einer Recherche zu niederländischen Zwangsarbeiter bei der AG Weser begann, stieß er auf das Außenlager an der Bromberger Straße 117. Die Baracken dort waren bekannt, der Erinnerungsort als solcher nicht. Die Schützengilde, die nach dem Krieg wieder zur Besitzerin des Geländes wurde, zeigte sich bei der Aufarbeitung des geschichtsträchtigen Ortes sehr kooperativ, erinnert sich Gaebelein. Totenlisten führten den kleinen Mann mit der Baskenmütze, der mit einer Niederländerin verheiratet war, nach Meensel-Kiezegem in Flandern, 40 Kilometer östlich von Brüssel. Dort befinden sich auf einem „gut gepflegten Friedhof mit Fotos“ viele leere Gräber. Die Spurensuche brachte ihn mit der Gemeinde zusammen. „Die Frage, wo die Verwandten wirklich liegen“ beschäftige die Bewohner der zusammengelegten Dörfer Meensel und Kiezegem noch heute, so Gaebelein.

Am 11. August 1944 statuierten die Nazis ein Exempel an der kleinen Gemeinde. Sie nahmen die Ermordung des Kollaborateurs Gaston Merckx zum Anlass, 91 Dorfbewohner zu deportieren, fast alle erwachsenen Männer. Merckx‘ Mutter, die als Vergeltungsakt für ihren getöteten Sohn 100 Tote gefordert hatte, erfuhr Genugtuung, denn nur acht Männer kehrten zurück. Dafür wuchs eine ganze Generation ohne Väter auf.

Nach Jahrzehnten des Schweigens gründeten die Nachfahren der Deportierten die Stiftung „Meensel-Kiezegem ’44“. In diesem Jahr fuhren sie zum 22. Mal zu Konzentrationslagern und Gedenkstätten in Norddeutschland. Ein Halt auf ihrer viertägigen Gedenkreise ist der Schützenhof in Gröpelingen. 40 Angehörige, Freunde und Anwohner aus Meensel-Kiezegem drängen sich um die beiden Gedenktafeln, legen Kränze nieder, tragen auf flämisch Texte über „Die Nacht des Schweigens“ vor und hissen die belgische Flagge. Es ist ein kurzer, ergreifender Moment, den Gaebelein nutzt, um auf Niederländisch von der sogenannten „Befreiung“ von Bremen zu berichten und einen Ausblick auf die politische Entwicklung und den Einsatz der Verfolgten des Nationalsozialismus (VVN) zu geben, dessen Landesvorsitzender er ist.

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