Beirat Gröpelingen diskutiert

Bahn, Baumarkt und andere Pläne

Der Gröpelinger Beirat beschäftigte sich in seiner Sitzung vier Stunden lang mit Bauprojekten und einer unerwarteten Neuigkeit. Toom, Sander-Center und die Bahnwekstatt werden diskutiert.
21.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Zwischen vorsichtig abwartend und eindeutig ablehnend: So lässt sich die gemischte Stimmungslage des Gröpelinger Beirats beim Thema Bahnwerkstatt in Oslebshausen beschreiben. Einmütig war indes die Empörung darüber, dass die Stadtteilpolitik davon erst aus anonymen Quellen erfahren hatte. Inzwischen fand ein erstes Gespräch mit den beteiligten Ressorts statt. Der Beirat hat allerdings deutlich mehr Informationsbedarf. Zu klären ist dabei unter anderem die Frage, welche Einflussmöglichkeiten die Gröpelinger in diesem Falle überhaupt haben – oder ob für die Bahn möglicherweise andere Gesetze gelten.

Die Frage nach der Position des Beirats war von Dieter Winge auf den Tisch des Versammlungssaales in der Gesamtschule West gebracht worden, in dem man sich am Mittwoch zur Gröpelinger Beiratssitzung getroffen hatte. Vor wenigen Wochen hatte ein namentlich nicht gekennzeichnetes Schreiben das Ortsamt erreicht, und entsprechende Flugblätter die Oslebshauser Nachbarschaft in Unruhe versetzt (der WESER-KURIER berichtete). Demnach solle auf alten Gleisen der Hafeneisenbahn im Bereich der Straße Reitbrake eine neue Großwerkstatt gebaut werden. Für die angrenzenden Wohngebiete sei dies „inakzeptabel“, betonte Winge, und fragte: „Warum muss das alles immer bei uns passieren?“.

Der Beirat habe zwischenzeitlich versucht, herauszufinden, „ob an dem Gerücht etwas dran ist“, erklärte Sprecherin Barbara Wulff (SPD). Fest steht: Die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) ist auf der Suche nach einem Standort für die Wartung und Reinigung der neuen Züge, die ab 2024 auf der Spur sein sollen. Wenige Tage vor der Beiratssitzung war eine Videokonferenz einberufen worden, an der Beiratsmitglieder, Vertreter der LNVG sowie der Ressorts Bau, Wirtschaft und Häfen teilgenommen hatten, berichtete Wulff. Dabei sei betont worden, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch keine abschließende Entscheidung zum Standort gefallen sei – eine Auskunft, die nicht alle überzeugte. So hatte Grünen-Fraktionssprecher Dieter Steinfeld in den vergangenen Monaten bereits „erhebliche bauliche Aktivitäten“ auf dem Gelände registriert – etwa die Verlegung neuer Gleise sowie die Freilegung von Wegen. Auch Ortsamtsleiterin Ulrike Pala vermutet, „dass es sich auf diesen Standort konzentriert“. Indiz, so Pala: Dem Ortsamt seien kürzlich Baugrundbohrungen angekündigt worden.

Brache sollte als Puffer dienen

„Überhaupt nicht glücklich“ über die Standortwahl äußerte sich Rolf Vogelsang (SPD), der daran erinnerte, dass der Beirat sich gegen die geplante Umwidmung des Areals zum Industriegebiet ausgesprochen hatte. „Wir wollten die Brache Reitbrake als Puffer zwischen dem Hafen und der Wohnbebauung“. Scharf kritisierte er die beteiligten Ressorts, die die Beteiligungsrechte verletzt und den Beirat „hinterrücks ausgeschaltet“ hätten.

Seine Fraktion lehne das Vorhaben rundweg ab, erklärte Linken-Fraktionssprecher Bernd Brejla, und erinnerte die Verantwortlichen an den Koalitionsvertrag, der die Entlastung der Oslebshauser von Lärm, Gestank und Staub gelobe. „Wir wollen dieses Werk in Oslebshausen nicht“, so Brejla. Vorerst noch keine abschließende Meinung haben sich die Grünen und die Sozialdemokraten gebildet. Zuvor wolle man sich unter anderem ein Bild von der bestehenden Bahnwerkstatt machen, die die Deutsche Bahn an der Parkallee betreibt. „Man kann nicht ablehnen, bevor man gar nicht weiß, worum es geht“, erklärte Senihad Sator (SPD). „Aber am Ende des Tages steht die Bevölkerung an Stelle Eins“. Falls der Bau tatsächlich komme, müsse der Beirat Forderungen zum Schutz der Anwohner stellen, bestätigte auch Beiratssprecherin Wulff. Doch inwiefern der Beirat überhaupt ein Mitspracherecht bei einem Projekt habe, für das Eisenbahnrecht gilt: dazu wollen sich die Gröpelinger vom Justizressort beraten lassen.

Änderungen im Bebauungsplan

Das Bürgeranliegen hatte indes nur mitbekommen, wer zuvor fast drei Stunden lang ausgeharrt hatte. Der eigentlichen Beiratssitzung war eine fast zweistündige Anwohnerversammlung vorgeschaltet worden, bei der das komplizierte stadtplanerische Frühstadium für drei Vorhaben vor und hinter dem Oslebshauser Bahnhof erläutert wurde. Auf dem ehemaligen Schlachthof-Gelände an der Schragestraße soll ein Bau- und Gartenmarkt mit 8000 Quadratmetern Verkaufsfläche entstehen. Bauherr Toom hoffe, dass der Markt im Frühjahr 2022 eröffnet werden könne, so Uwe Kammholz von der Projektentwicklungsgesellschaft Ten Brinke. Mit einer Änderung des Planungsrechts wird zurzeit auch die Ansiedlung des neuen Lebensmittelvollsortimenters vorbereitet, für den das Areal um das ehemalige Buckmann-Verwaltungsgebäude an der Ritterhuder Straße von einer Gewerbe- zur Einzelhandelsfläche umgewidmet werden muss. Laut Edeka-Vertreter Lars Brennecke rechne das Unternehmen mit einer Eröffnung des knapp 2000 Quadratmeter großen Marktes inklusive Backshop und Gastronomie in spätestens zwei Jahren. Ein Zeitpunkt, dem Steven Neumann mit größten Bedenken entgegensieht. Der Leiter des Rewe-Markts am Kalmsweg fürchtet, dass die Konkurrenz in der Nachbarschaft sein Geschäft so stark schädigen werde, „dass es schwer wird“.

Nach den Zielen des Zentren- und Nahversorgungskonzeptes sollen Branchen wie diese in Zukunft im Sander-Center nicht mehr zulässig sein. Dies soll durch eine Änderung des Bebauungsplans erreicht werden, der dessen Status als „Sonderstandort mit Ergänzungsfunktion“ festlegt. Sortimente, die als zentren- oder nahversorgungsrelevant gelten, sollen dort in Zukunft nicht mehr gestattet sein – dazu zählen unter anderem Lebensmittel und Drogeriewaren, aber auch Textilien und Bücher. Nur die ansässigen Mieter genießen Bestandsschutz. Als „seit 1972 ansässig und unerwünscht“ fühlt sich seit langem Seniorchef Horst Sander. Versöhnlicher äußerte sich Sohn und Mitgeschäftsführer Henrik Sander: Vom Baumarkt als Frequenzbringer, der Entwicklung der benachbarten Gewerbefläche sowie der immerhin baulich vorbereiteten Erschließung durch den öffentlichen Nahverkehr könne auch das Einkaufszentrum profitieren.

Weitere Informationen

Die beiden Sitzungen des Abends wurden live von einem Kamerateam des Bürgerhauses Obervieland aufgenommen und können im Internet über die Facebookadresse Bürgerhaus Gemeinschaftszentrum Obervieland angeschaut werden.

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