„Bremen vierkant“

Stahlskulpturen in Gröpelingen: Massive Linien, die zum Denken anregen

Etwa 70 Neugierige und Kunst-Fans spazierten gemeinsam mit Bildhauer Robert Schad durch Gröpelingen. Sechs seiner Stahlskulpturen sind dort bis Oktober im Rahmen von „Bremen vierkant“ zu sehen.
03.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Stahlskulpturen in Gröpelingen: Massive Linien, die zum Denken anregen
Von Anne Gerling
Stahlskulpturen in Gröpelingen: Massive Linien, die zum Denken anregen

Robert Schad arbeitet mit massivem Vierkantstahl, mit dem er Figuren in die Landschaft zeichnet.

Roland Scheitz

Festes Schuhwerk, Zimmermannshose, Bart und Strohhut: Dem Gast, der jüngst spätnachmittags mit etwa 70 Interessierten durch das Lindenhof-Quartier spazierte, ist die kraftvolle Arbeit förmlich anzusehen, die er seit Jahren leistet: Robert Schad, 1953 in Ravensburg geboren, arbeitet mit tonnenschwerem massivem Vierkantstahl. Er zeichnet mit diesem Stahl sozusagen Figuren in die Landschaft. Stahl sei ja eigentlich das kalte Material der Waffen und Konstruktionen, sagt Schad, der als einer der wichtigsten Bildhauer seiner Generation gilt: „Ich versuche, den Stahl da herauszuholen und ihm Leben einzuhauchen.“ Was leicht aussehe, müsse dabei schwer sein: „Ich träume von der Leichtigkeit und vom Fliegen.“

Dank einer Kooperation des Vereins Kultur vor Ort mit dem Gerhard-Marcks-Haus sind im Rahmen der Ausstellung „Bremen vierkant“ sechs monumentale Robert-Schad-Skulpturen zweieinhalb Monate lang in Gröpelingen zu sehen. Zur feierlichen Eröffnung dieser Schau ging es nun also mit Schad auf „Stahltour“ durchs Quartier.

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Weshalb gerade Gröpelingen? „Hier leben viele Menschen, die eher selten ins Museum gehen. Wir möchten ihnen mit den Skulpturen ermöglichen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen und darüber ins Gespräch zu kommen“, sagt Kultur-vor-Ort-Geschäftsführerin Christiane Gartner. Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Haus, ergänzt: „Darüber, dass wir seine Werke hier zeigen, waren wir uns sofort einig. Robert hat ein großes Interesse am öffentlichen Raum, wo sich Menschen begegnen.“ So habe man die Möglichkeit, die Arbeiten aus wirklich großer Entfernung zu sehen und je nach Position ergäben sich andere und neue Perspektiven: „Man merkt, dass Sehen nicht gleich Sehen ist, sondern mindestens so viel mit dem Körper zu tun hat wie mit dem Hirn. Das Sehen passiert nicht – Sie tun es bewusst.“

Was er sagen möchte? Nichts!

Bevor die tonnenschweren Skulpturen nach Gröpelingen transportiert wurden, waren sie in Oberschwaben zu sehen. „Dort hat mich die Selbstverständlichkeit frappiert, mit der sie sich durchsetzen. Und es hat mich frappiert, wie schnell man mit fremden Menschen darüber ins Gespräch kommt“, berichtet Hartog. Das Thema sei dabei aber nie, was der Künstler uns wohl sagen wolle – sondern immer, was man selber sehe. Natürlich kommt es trotzdem immer mal vor, zum Beispiel während des Aufbaus einer Plastik, dass Passanten stehen bleiben und Schad fragen, was er damit sagen wolle. „Nichts“ antworte er solchen Fragenden – und er scheint an der damit gelegentlich ausgelösten Verwirrung durchaus Vergnügen zu haben. „Es sind Skulpturen, die zu nichts gut sind. Aber zum Denken anregen“, sagt der 67-Jährige.

Und natürlich denkt sich auch Schad etwas bei seinen Arbeiten. Das zeigt sich schon daran, dass er ihnen Namen gibt. „Monse“ an der Waltjenstraße etwa – eine Figur, die schon von der Fußgängerbrücke über die Stapelfeldtstraße aus ins Auge sticht und deren Plastizität sich beim Umkreisen sichtbar verändert – habe mit seiner Heimat zu tun, sagt er. Die Form nämlich erinnere im Groben an den Bodensee – „Mein See“ – an ein Schiff und auch an eine Möwe: Für Schad ist sie ein Konzentrat dieser drei Gefühle. Für andere Betrachter kann und soll Monse ausdrücklich das sein, was diese darin entdecken.

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Zu seiner auf dem Gröpelinger Bibliotheksplatz platzierten Arbeit „Cabbuke“ hätten ihn Ende der 1980er-Jahre beim Besuch einer Osterprozession in Sevilla die „Nazarener“ mit ihren spitzen Kapuzen inspiriert, sagt Schad. Den Anstoß für die Skulptur „Skritte“ beim Lichthaus wiederum – die an Gliedmaßen denken lässt, wie Schad mit tänzerischen Bewegungen veranschaulicht – habe er durch den 1992 verstorbenen Tänzer Gerhard Bohner bekommen: „Er war eigentlich mein wichtigster Professor.“

Skulpturaler Tourismus

Skritte hat unter anderem schon in Portugal gestanden. Direkt am Atlantik, das Salzwasser hat Spuren an der Figur hinterlassen. Schad spricht von „Skulpturalem Tourismus“: „Die Skulpturen steigen irgendwo aus, bleiben ein bisschen und dann geht es wieder weiter.“ Für die Plastiken sei dies nicht immer einfach. Die Skulptur „Han“ am Ohlenhofplatz etwa habe schon gesagt, dass ihr Standort mitten im Trubel ihr zu hektisch sei. Bis Oktober müsse sie dort aber noch ausharren – dann werde sie einen ruhigeren Standort in einer Ruine auf dem Bussen, einem der meistbesuchten Wallfahrtsorte Oberschwabens, beziehen.

Unter den Neugierigen, die Schad bei der „Stahltour“ begleiteten, waren auch Wolfgang und Gabi Stedter – „unerschrockene Leute, die sich gesagt haben: Wir wollen in unserem Garten so’n Ding haben“, wie Schad die beiden den anderen vorstellte. Die etwa 13 Meter hohe „Enfime“ nämlich – eine Skulptur, die für das gedachte Unendliche stehen könnte – ist auf dem Grundstück der Stedters an der Ecke Lindenhofstraße / Liegnitzstraße aufgestellt worden. Schon rein physikalisch wirft diese Arbeit Fragen auf: Gleich mehrfach wurde Schad darauf angesprochen, wie tief sie denn wohl im Boden verankert sei. „20 Zentimeter“, so die fast etwas beunruhigende Antwort. Es sei aber noch nie eine seiner Skulpturen umgekippt, versichert Schad.

Weitere Informationen

„Bremen vierkant“ ist noch bis 11. Oktober im Gerhard Marcks Haus und in der Galerie im Atelierhaus Roter Hahn zu sehen. Ebenfalls bis 11. Oktober bleiben die sechs Skulpturen von Robert Schad in Gröpelingen. Wer die erste „Stahltour“ verpasst oder dabei Lust auf mehr bekommen hat: Es gibt drei weitere „Stahltouren“ durch Gröpelingen, nämlich eine Radtour am Samstag, 8. August, ab 14 Uhr mit der Kuratorin von „Bremen vierkant“, Mirjam Verhey vom Gerhard-Marcks-Haus, und Andras Rust von Kultur vor Ort sowie einen Spaziergang am Sonntag, 6. September, 12 Uhr, mit Arie Hartog. Am Freitag, 9. Oktober, 18 Uhr lädt dann Andreas Rust zur Finissage-Radtour ein. Alle Veranstaltungen sind kostenlos, Treffpunkt ist jeweils der Gröpelinger Bibliotheksplatz.

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