Aus fünf Jahren wurden 32

Aus fünf Jahren wurden 32

32 Jahre lang hat Ralf Jonas das Bürgerhaus Oslebshausen geleitet und dabei viel erlebt. Jetzt geht er in Rente - und freut sich auf den Ruhestand.
30.07.2020, 10:35
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Aus fünf Jahren wurden 32

Er freut sich darauf, Gemüse, Obst und Blumen anzubauen, Pilze zu sammeln und mit der jungen Münsterländerin Tilda spazieren und auf die Jagd zu gehen: Ralf Jonas.

Roland Scheitz

Fünf Jahre wollte er aushalten und sich dann etwas Besseres suchen: Das war der Plan. Doch wie sich herausstellte, hätte es nirgendwo besser sein können. Insgesamt 32 Jahre lang blieb Ralf Jonas dem Bürgerhaus Oslebshausen und dem Stadtteil verbunden. Zum Ende dieses Monats räumt der langjährige Geschäftsführer sein Büro. Seine Nachfolge übernimmt seine Wunschkandidatin: Carina Claus. Der Übergang ist seit Monaten vorbereitet. „Ich übergebe ihr ein gut bestelltes Haus“, sagt ihr Vorgänger.

Die Geschichte beginnt im Juni 1988, als die internen Gremien Jonas die Leitung des Hauses am Nonnenberg anvertrauten. Den 32 Jahre jungen Bewerber hatte man bereits als Leiter eines Fotokurses persönlich kennengelernt. Für den anspruchsvollen Job hatte er viele Qualifikationen zu bieten: Eine kaufmännische Ausbildung in der Verwaltung, zwei Jahre Zivildienst als Sanitäter und Altenpfleger sowie ein abgeschlossenes Pädagogikstudium. Die Beratungstätigkeit bei der Aktionsgemeinschaft arbeitsloser Bürger in Bremen (agap) – deren Vorstand er bis heute angehört – habe ihn im Umgang mit ganz unterschiedlichen Menschen geschult, sagt Jonas.

Doch auf die Oslebshauser Jugend war der Beamtensohn, der im gediegenen Schwachhausen aufgewachsen ist, nicht wirklich vorbereitet. Unversehens fand sich der Neue als einziger Betreuer in einem Reisebus voller Jugendlicher im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Der Kollege, der die Ferienfahrt eigentlich leiten sollte, hatte ihn einfach sitzen lassen. „Ich hatte doch gar keine Erfahrungen in der Jugendarbeit!“, sagt er, und erinnert sich: „Das waren alles harte Kaliber. Die waren schon auf der Fahrt betrunken.“ Nachdem Bus und Passagiere sicher nach Holland und wieder zurück gebracht waren, konnte die eigentliche Beziehungsarbeit beginnen. „Zu vielen der Jugendlichen habe ich immer noch Kontakt“, erzählt Jonas. „Die haben ihren Weg gemacht: Haus, Beruf, Familie.“

Was seinerzeit durchaus noch nicht vorauszusehen war. „Zu uns kamen in den ersten Jahren viele Jugendliche aus sehr schwierigen Verhältnissen. Manche davon hätten auch in die Kriminalität abgleiten können“, sagt der Pädagoge. „Das Bürgerhaus wurde für sie ein zweites Zuhause, und ich der Papa.“ Ihren Respekt, ihre Zuneigung und Begeisterung gewann der durchtrainierte Zwei-Meter-Mann mit viel Zuwendung und mit Pädagogik, die Spaß machte. „Wir waren unglaublich viel unterwegs“, erzählt er. „Mir war es immer wichtig, dass die Jugendlichen auch mal aus dem Stadtteil herauskommen.“ Mit der Gründung der „Chaos-Kids“ im Jahr 1992 nahm die Zirkusarbeit ihren Anfang, die zu einem der Markenzeichen des Hauses wurde. Stadtweite Aufmerksamkeit erhielten die Oslebshauser auch für die anspruchsvollen Tanzproduktionen des Tänzers und Choreografen Arton Veliu. Der zweifache Breakdance-Weltmeister, der seine ersten tänzerischen Schritte im Bürgerhaus machte, hält mit seiner Truppe bis heute einen engen persönlichen und professionellen Kontakt zum Ort seiner Kindheit. Eng verzahnt hat sich das Bürgerhaus auch mit dem Team von Kultur vor Ort. „Was uns von anderen Einrichtungen dieser Art unterscheidet, ist unser künstlerischer Anspruch“, erklärt Jonas. Die erwachsenen Generationen des Stadtteils können hier regelmäßig tanzen, singen, den Umgang mit dem Computer
trainieren, töpfern, schneidern, Sport treiben oder sich einfach zum Schnacken treffen.
„Legendär“ seien auch die Feste, mit denen
in den Mai und in die neuen Jahre gefeiert wurde. Angeboten wird, was bei den Menschen ankommt. „Wir haben regelmäßig im Stadtteil gefragt: Was wünscht ihr euch, was können wir für euch tun?“ erinnert sich Ralf Jonas.

Vom Einrichtungsleiter zum Geschäftsführer wurde er im Jahr 1994, nachdem der Dachverband der Bremer Bürgerhäuser aufgelöst wurde und das Haus unter selbstverwalteten Beinen stand. Das hieß auf der einen Seite mehr inhaltliche Gestaltungsfreiheit, auf der anderen Seite auch neue Herausforderungen. „Das Haus musste stringent entwickelt werden“, erklärt Jonas. „Aber Verantwortung zu übernehmen, machte mir immer Spaß.“

In seine Fußstapfen wird am 1. August Carina Claus treten, die bereits seit Herbst des vergangenen Jahres für das Bürgerhaus arbeitet. Die 29-jährige absolvierte ein Studium der Theaterpädagogik an der renommierten Akademie Remscheid und bringt jahrelange Erfahrung in der künstlerischen Arbeit mit Jugendlichen mit. Doch was sie besonders für den Job qualifizierte: Sie ist selbst ein Kind des Stadtteils und des Bürgerhauses, erzählt Jonas. Die neue Geschäftsführerin wird eine Einrichtung mit sechs fest angestellten Mitarbeitern, zwischen 30 und 50 Honorarkräften sowie einem Pool von rund 50 Ehrenamtlichen leiten, die jährlich rund 70 000 Menschen anzieht und bestens im Stadtteil vernetzt ist. „Oslebshausen hat sich in den vergangenen Jahren wirklich sehr positiv entwickelt“, sagt Jonas. „Quartiere, die früher als soziale Brennpunkte galten, sind es nicht mehr.“ Dafür stünden der jungen Nachfolgerin andere „harte Kaliber“ bevor: „Die Digitalisierung hat auch die Jugendarbeit gravierend verändert“, erklärt der Pädagoge. „Früher kamen die Kinder und Jugendlichen direkt nach der Schule zu uns. Heute müssen wir anders versuchen, sie zu erreichen.“

Um den Ruheständler Jonas wird man sich keine Sorgen machen müssen. Vor einiger Zeit zog er mit seiner Frau von Gröpelingen aufs Land in ein Haus mit großem Garten und Waldblick, eine halbe Fahrstunde von Bremen entfernt. Er freue sich schon sehr darauf, Gemüse, Obst und Blumen anzubauen, Pilze zu sammeln, mit der jungen Münsterländerin Tilda spazieren und auf die Jagd zu gehen. „Das war schon lange unser kleiner Traum“, sagt Jonas. Dass er sich sang- und klanglos und ohne Tamtam verabschiedet, ist den aktuellen Umständen geschuldet. Doch er verspricht: „Sobald ich die Leute wieder in den Arm nehmen darf, wird gefeiert.“

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