Oslebshausen

Bürgerinitiative fordert Prüfung von neuem Verfahren zur Klärschlammbeseitigung

Die Bürgerinitiative Oslebshausen fordert den Bremer Senat auf, ein neues Verfahren zur Klärschlammbeseitigung zu prüfen. Bislang ist eine Klärschlammverbrennungsanlage geplant.
05.01.2020, 22:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald
Bürgerinitiative fordert Prüfung von neuem Verfahren zur Klärschlammbeseitigung

Getrockneter Klärschlamm wird von einem Bagger aufgeladen. Die Kenow möchte den Schlamm künftig verbrennen, die Bürgerinitiative Oslebshausen sucht alternative Wege.

Carmen Jaspersen

Die Kampfansage ist unmissverständlich: „Es gibt 23 Firmen im Industriehafen, die Müll entsorgen oder verarbeiten. Gegen die 24. werden wir mit allen rechtlichen und politischen Mitteln zu Felde ziehen“, sagt Rolf Vogelsang. Damit meint der Sprecher der Bürgerinitiative Oslebshausen die geplante Klärschlammverbrennungsanlage im Schatten des Kraftwerks Hafen. Um sie zu verhindern, hat die BI jetzt als Alternative das „ressourcen- und umweltschonende Verfahren“ Pyreg des gleichnamigen Anlagenbauers aus Rheinland-Pfalz ins Gespräch gebracht.

Die Überlegung, im Industriehafengebiet eine Anlage zur Monoverbrennung (Verbrennung eines Materials ohne Zusatz eines anderen Brennstoffes) von Klärschlamm zu errichten, basiert auf einer Grundsatzentscheidung der Bundesregierung. Danach soll die Verwendung von Klärschlamm als Dünger beendet und vor allem Phosphor aus dem Klärschlamm beziehungsweise den Klärschlammverbrennungsaschen zurück gewonnen werden. Grund: Phosphor ist für jegliches Leben auf der Erde ein essenzieller Nährstoff. Darüber hinaus hat der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) die geplante Klärschlammverbrennungsanlage am Standort Bremen als dringend erforderlich bezeichnet, weil die Kosten für die Klärschlammentsorgung dramatisch gestiegen seien. Sie hätten sich innerhalb weniger Jahre vervierfacht - von 34 auf 130 Euro pro Tonne.

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Der für Oldenburg und Ostfriesland zuständige Wasserverband hat zusammen mit der bremischen Hansewasser Ver- und Entsorgungs Gmbh, der swb (früher Stadtwerke Bremen) und dem Energieversorger EWE mit Sitz in Oldenburg das Gemeinschaftsunternehmen Klärschlammentsorgung Nordwestdeutschland (Kenow) gegründet und will so bald wie möglich jährlich rund 200.000 Tonnen Klärschlamm (entwässert 50.000 Tonnen) im Industriehafengebiet verbrennen. Neben der Rückgewinnung von Phosphor soll die Abwärme aus dem Verbrennungsprozess ins Fernwärmenetz eingespeist werden. Der Bauantrag ist eingereicht, das Genehmigungsverfahren läuft, der spezielle Hochofen könnte in gut zwei Jahren in Betrieb gehen. Hofft jedenfalls die Kenow.

Nicht allerdings die Bürgerinitiative Oslebshausen, die in ihrem Widerstand gegen
die Monoverbrennungsanlage auch Unterstützung aus der Einwohnerschaft in Grambke und Burg erfährt. Auf dem dort regelmäßig veranstalteten „Bürgerschnack“ hat das Thema im letzten Quartal des vergangenen Jahres wiederholt für heftige Diskussionen und Empörung gesorgt. Und schließlich
für eine Information, die hoffen ließ, die geplante Klärschlammverbrennung mit ihren Schadstoff- und Verkehrsbelastungen für die Wohnbevölkerung doch noch stoppen zu können.

Klärschlamm verkohlt bei 500 bis 700 Grad

Überbringer der eventuell frohen Botschaft war Rolf Vogelsang. Er berichtete über die Klärschlammbeseitigung nach der Methode des Unternehmens Pyreg in Rheinland-Pfalz, das ebenso wie die Monoverbrennung ein thermisches Verfahren ist. Mit dem Unterschied, dass der Klärschlamm nicht bei rund 1000 Grad verascht, sondern bei 500 bis 700 Grad verkohlt (karbonisiert) werde, wie die Pyreg-Presseabteilung unterstreicht. Für Arzneimittelrückstände, pathogene Erreger oder Schwermetalle wie Cadmium, Arsen und Quecksilber spiele das keine Rolle; sie würden eliminiert. Entscheidend sei zudem, dass der Phosphor im Pyreg-Verfahren pflanzenverfügbar bleibe, weil die gewonnene „Klärschlamm-Kohle“ direkt als Dünger weitervermarktet werden könne.

In einer Presseerklärung verweist Pyreg auf die Kläranlage Linz-Unkel bei Bonn und stuft das dort produzierte Klärschlamm-Karbonisat als Düngemittel ein, das europaweit verkehrsfähig sei und auch auf deutschen Äckern aufgebracht werden dürfe. Dem widersprechen allerdings Hansewasser-Pressesprecher Oliver Ladeur sowie dessen Kollege Rainer Könemann, der auch Vorsitzender des Hauptausschusses „Kreislaufwirtschaft, Energie und Klärschlamm“ der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. (DWA) ist.

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Für die Rückstände aus einer Pyreg-Anlage gibt es nach den Worten von Könemann in der Europäischen Union zurzeit keine düngerechtliche Zulassung. Und auch aus Sicht des Umweltministeriums im Bundesland Rheinland-Pfalz sei es aktuell nicht möglich, Rückstände aus einer Pyreg-Anlage als Düngemittel in den Verkehr zu bringen und auf deutschen Böden zu verteilen. Könemann und
Ladeur sehen denn auch die Entsorgungssicherheit, zu der man verpflichtet sei, im Pyreg-Verfahren als nicht gegeben an. Zumal Inhaltsstoffe wie Schwermetalle und Arzneimittelrückstände im Gegensatz zur Monoverbrennung eben nicht unschädlich gemacht würden.

Die Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu hat den Senat gleichwohl aufgefordert, sich intensiv mit dem sogenannten Pyreg-Verfahren als ökologische Alternative zu beschäftigen, bevor Fakten geschaffen würden, die mittelfristig nicht mehr rückgängig gemacht werden könnten. BI-Pressesprecher Dieter Winge: „Angesichts der aktuellen Klimadebatte ist jede Verbrennung, die zu einer weiteren CO2-Belastung führt, dringend zu vermeiden.“ Zudem habe eine Klärschlammverbrennungsanlage nach wie vor keinerlei Akzeptanz in der Bevölkerung im Stadtteil. Und überall dort, wo große Monoverbrennungsanlagen geplant werden (Hannover, Hildesheim, Straubing), formiere sich Widerstand, unterstreicht Winge.

Hochofen soll energieautark arbeiten

Der größte Teil des Klärschlamms, der in der im Industriehafen geplanten Anlage verbrannt werden soll, stammt im Übrigen aus Bremen. Der Hochofen soll energieautark arbeiten und nahezu klimaneutral Strom und Fernwärme liefern, weil Klärschlamm zu den erneuerbaren Energiequellen zähle, heißt es seitens der Kenow. Das millionenschwere Projekt ist denn auch für die swb Bestandtteil ihres Kohleausstiegskonzepts. Und Bremens Umweltstaatsrat Ronny Meyer konstatiert: „Die Klärschlammverbrennung ist politisch und ökologisch richtig.“ Der Industriehafen in Oslebshausen sei als Industriegebiet ausgewiesen, deshalb sei eine solche Anlage dort grundsätzlich zulässig. Allerdings, so Meyer, müsse man über die Verkehrsbelastung durch an- und abfahrende Lkw reden; Belastungen durch Geruch und Lärm seien indes nicht zu befürchten.

Nach Angaben von Oliver Ladeur sind pro Tag 25 bis 30 Lkw-Fahrten über die Hafenrandstraße erforderlich, um den Klärschlamm aus dem gesamten nordwestdeutschen Raum in der Monoverbrennungsanlage anzuliefern. Zurzeit rollen täglich etwa 27 000 Fahrzeuge über die Hafenrandstraße.

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