Illegale Abfallentsorgung in Bremen

Der Müll, die Stadt - und was nun?

Eine konzertierte Aktion gegen illegale Abfallentsorgung in Gröpelingen könnte ein Muster für ganz Bremen werden.
04.02.2019, 16:31
Lesedauer: 4 Min
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Der Müll, die Stadt - und was nun?
Von Jürgen Hinrichs

„Dat geiht to wied!“, rügt das Ordnungsamt auf Platt, wenn jemand seinen Müll wild entsorgt hat, die Zigarettenkippe achtlos aufs Pflaster wirft oder den halb aufgegessenen Döner auf dem Stromkasten entsorgt. „Letzte Chance!“, steht auf einem anderen der kleinen Handzettel, die vom Amt an diesem Tag in Gröpelingen verteilt werden.

Der Stadtteil ist für eine Schwerpunktaktion ausgeguckt worden. Vier Tage lang werden Stadtreinigung und Ordnungsdienst in gemischten Teams von jeweils vier Mitarbeitern durch die Straßen streifen und vor allem illegalen Müll in den Blick nehmen. Der Auftakt am Montag hat einen ganzen Tross nach Gröpelingen gebracht, angeführt von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Mäurer will aufräumen, so wie er es bereits am Hauptbahnhof vorführt. Das Modell soll Schule machen – zuerst am Bahnhof, jetzt in Gröpelingen und nach und nach überall in der Stadt, wo es diese Probleme gibt.

Ran an Ursachen und Verursacher

In welche Richtung? Wohin gehen, um die Chance zu bekommen, den exemplarischen Müllhaufen zu entdecken? Gar nicht so einfach, merken die Organisatoren des Termins. „Da ist nichts“, winkt ein Mann von der Bremer Stadtreinigung ab. Er empfiehlt einen anderen Weg, die Gröpelinger Heerstraße hinunter, und ja, dort ist dann so ein Haufen, blaue und graue Säcke voller Abfall. Die Leute vom Amt haben ein Flatterband drumherum gebunden: „Wir ermitteln“, steht drauf. „Es reicht nicht, den Müll immer wieder zu entfernen, wir müssen an die Ursachen und Verursacher ran“, spricht Mäurer in die Mikrofone der Reporter. Einer von ihnen ist jetzt heilfroh: „Irgendetwas muss da sein, was ich beschreiben kann“, bat er vor dem kurzen Rundgang um Anschauungsmaterial. Nun hat er es bekommen, Müll und Mäurer, sozusagen.

Der Senator wird auf dem Bürgersteig von einer Frau angesprochen. Sie ist aus dem Stadtteil, in Gröpelingen aufgewachsen, und hat was zu erzählen. „Gruselig“ sei es geworden, klagt die 71-Jährige, viel schlimmer als früher. „Manche entsorgen an der Straße ihren ganzen Hausstand“, beobachtet sie, „ich verstehe das nicht, man kann doch einmal im Jahr kostenlos die Sperrmüllabfuhr bestellen.“ Mäurer hört zu und wird von der Frau dann direkt gefragt: „Wie wollen Sie das in den Griff kriegen?“

Zunächst mal so, dass wie an diesem Tag die Öffentlichkeit aufgerüttelt wird. Und dabei klar werden soll, dass es sich mitnichten um eine einmalige und publicityträchtige Aktion handelt, die Mäurer und seiner Partei im Wahlkampf nützt. Der Ansatz zielt zum Beispiel auf Vermieter, die ihre Wohnungen stark überbelegen und nicht genügend große Tonnen für den Müll vorhalten. Achten wollen die Streifen in den kommenden Monaten auch auf eine Szene in Gröpelingen, die sich auf Spielplätzen aufhält, trinkt oder dort mit Drogen handelt. Nebenbei fällt auch dabei Müll an, der liegen bleibt.

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Aytekin Dönmez beobachtet das jeden Tag. Er ist in Gröpelingen geboren und lebt dort heute mit Frau und zwei Kindern. „Vielleicht bin ich zu spießig, ich hätte fast gesagt, zu deutsch, aber das geht doch nicht, dass Rechte und Pflichten dermaßen mit Füßen getreten werden“, empört sich der 46-Jährige. Er kenne Menschen in seiner Straße, die hätten Angst, zu bestimmten Zeiten bestimmte Orte aufzusuchen. „Meinen Kindern geht das auch so.“

Resignierte Nachbarschaft

Drogenhandel, halbstarkes Gebaren, der Müll, Falschparker, denen egal ist, ob noch jemand durchkommt – diese ganze Palette. Dönmez, ein Bär von Mann, drei Zentner schwer und Stahlarbeiter bei Arcelor-Mittal, ist keiner, der da einfach zuguckt. Er hatte wiederholt Kontakt mit den Behörden, zuletzt schrieb er dem Innensenator. Mäurer hat den Mann sofort eingeladen. „Ich war überrascht, dass die so überrascht waren“, erzählt Dönmez von dem Gespräch. Er hat von der Resignation berichtet, die sich in den vergangenen Jahren in seiner Nachbarschaft breitgemacht habe. Fast schon Kapitulation, denn was sei schon zu machen, wenn die Polizei so wenig Präsenz zeige.

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„Es war uns klar, so kann es nicht weitergehen“, sagt Mäurer, „wir müssen in Gröpelingen mehr als bisher machen und haben uns daher entschlossen, mit den Akteuren vor Ort ein gemeinsames Programm zu entwickeln.“ Eingeschlossen werden zum Beispiel die Mitarbeiter des Integrierten Entwicklungskonzeptes in Gröpelingen, der Präventionsrat West und Kultur vor Ort. „Das ist unser Drehbuch“, erklärt der Senator, „wenn es funktioniert, bringen wir das auf die Fläche, in andere Stadtteile.“

Fast 4000 illegale Müllhaufen jedes Jahr

Jedes Jahr werden von der Bremer Stadtreinigung nach eigenen Angaben fast 4000 illegale Müllhaufen abgeräumt. Dass es nicht immer nur ein paar Säcke sind, wie am Montag in Gröpelingen, verrät das Gewicht der Gesamtmenge. Es waren knapp mehr als 1000 Tonnen, die zur Deponie gekarrt werden mussten. Das Problem verteilt sich auf die ganze Stadt. Es gibt die einschlägigen Ecken überall. „Gröpelingen hat ganze Straßenzüge, in denen es mit der Abfuhr wunderbar klappt, da liegt nichts rum“, weiß Mäurer. Die Verhältnisse im Stadtteil dürfe man also nicht über einen Leisten schlagen.

Beim Rundgang dabei ist auch Ronny Meyer (Grüne), Staatsrat beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr. Der Mann für den Müll in Bremen, weil er die Abfallwirtschaft organisiert. „Manche Bürger denken, sie können ihren Müll einfach auf die Straße werfen. Das wollen wir nicht tolerieren“, betont Meyer. Die Zahl der illegalen Haufen mit allerlei Unrat habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen. „Sie sind ein Ärgernis, und zudem sind sie absolut überflüssig, da es in Bremen eine Abfallentsorgung gibt, die gut funktioniert“, erklärt der Staatsrat.

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