Bremer Handwerksbetrieb

Design-Klassiker in Handarbeit

Seit genau 100 Jahren werden in Gröpelingen Kelche, Schalen oder Besteck aus Silber gefertigt: In den Silberwerkstätten Richard Schulze, die 1920 gegründet wurden.
26.02.2020, 17:26
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Design-Klassiker in Handarbeit
Von Anne Gerling

Gröpelingen. Ein runder Geburtstag steht am Freitag, 28. Februar, an der Gröpelinger Heerstraße 15 an: Seit genau 100 Jahren werden dort in den Silberwerkstätten Richard Schulze aus flachen Scheiben in Handarbeit Vasen, Schalen oder Becher geformt, und es wird nach alter Handwerkskunst gewalzt, getrieben, gebogen, graviert, ziseliert, legiert und getempert.

Seit 1981 führt Inhaber Björn Schulze gemeinsam mit Ehefrau Ingrid das Familienunternehmen in der dritten Generation. Dass Schulzes Großvater, der 1873 in Bremen geborene Silberschmiedemeister und Ziseleur Wilhelm Schulze, im Jahr 1920 an der Gröpelinger Heerstraße die Bremer Werkstätten für kunstgewerbliche Silberarbeiten, kurz: BWKS, gründete, kam so: Nachdem er bei Koch & Bergfeld am Kirchweg in der Neustadt sein Handwerk gelernt hatte, war Schulze zunächst – wie damals üblich – auf Wanderschaft gegangen. Sein Weg führte ihn zunächst nach Wien und schließlich nach Oslo. Dort war er für den Gold- und Silberschmied David Andersen tätig, für den er während seiner Arbeitszeit auch Segeljachten entwarf, die Björn Schulze zufolge tatsächlich gebaut worden sind. Entsprechende Zeichnungen aus dem Nachlass seines Großvaters hat er dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven überlassen.

Andersen kam eines Tages auf die Idee, die Silberwarenproduktion in ein Billiglohnland zu verlagern – nach Deutschland. So gründete Wilhelm Schulze in Bremen ein Unternehmen, das er zunächst zusammen mit seinem norwegischen Arbeitgeber führte. Dieser musste sich allerdings bald zurückziehen, da die norwegischen Arbeiter gegen die Konkurrenz aus dem Ausland streikten. So machte Schulze mit rund 30 Beschäftigten auf eigene Faust weiter.

Wilhelm Schulzes Sohn, der die im Krieg zerbombten Wohn- und Betriebsgebäude „mit Chesterfield“ – also im Tausch gegen Zigaretten – 1947 wieder aufbaute, gab der Manufaktur einen neuen Namen: Bis heute firmiert das Gröpelinger Unternehmen als Silberwerkstätten Richard Schulze. Schon als Kind habe er gerne Treibarbeiten mit Messing gemacht, also Blech im kalten Zustand durch Schläge mit speziellen Werkzeugen plastisch verformt, erzählt Björn Schulze. Eine Lehrstelle zu finden, sei für ihn dann aber ausgesprochen schwierig gewesen. „Erst hieß es immer: Wir können gut jemanden gebrauchen. Drei Tage später kam dann jeweils die Absage“, erzählt er: Zu groß war in Bremens Silberwarenfabriken die Angst vor möglicher Werksspionage. So lernte der gebürtige Gröpelinger sein Handwerk schließlich von seinem Vater. Björn Schulzes Großvater hat verschiedene Entwürfe im Stil des Art Déco hinterlassen, zum Beispiel ein Teeservice mit bauchiger Kanne, der man den norwegischen Einfluss noch gut ansehen kann. Das Service war bei vielen Bremer Familien höchst beliebt. 1937 gewann der Firmengründer mit der von ihm entworfenen „Pariser Schale“ auf der Weltausstellung eine Goldmedaille. Diese Schale ziert heute noch das Firmenschild der Silberwerkstätten, in denen unter anderem für das Bremer Unternehmen Tecnolumen verschiedene Design-Klassiker hergestellt werden. Etwa die Tischleuchte „EB 27“, die sich der französische Ingenieur und Gestalter Édouard-Wilfrid Buquet im Jahr 1927 in Paris patentieren ließ. Oder die 1924 in der Metallwerkstatt am Bauhaus in Weimar von Marianne Brandt entworfene silberne Teekanne mit Ebenholz-Griff. Die „MBTK 24 SI“, die Silberschmied Kemal Budev gerade bearbeitet, sei „eine der schwierigsten Formen überhaupt“, sagt Schulze. Die technische Herausforderung: „Die Kanne muss rundherum gelötet werden und die Oberfläche dabei plan bleiben.“

Schmeckt in einer Silberkanne aufgebrühter Tee denn wohl anders als aus Porzellan? Bestimmt, meint Budev, der schon einmal Bier aus einem Silberbecher getestet hat: „Und das schmeckte eindeutig anders.“ Was schon lange bekannt ist: Silber wirkt antibakteriell, weshalb es bis heute für Kirchenzubehör und sakrales Gerät beliebt ist. Björn Schulze freut das naturgemäß – seine Firma repariert und restauriert die zum Teil hoch betagten Silberwaren im Auftrag der Kirche in mühevoller Feinarbeit.

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