Klärschlamm soll verbrannt werden

„Die Anlage ist eine Verbesserung“

Hansewasser-Geschäftsführer Jörg Broll-Bickhardt äußert sich im Interview zum Protest gegen Klärschlammverbrennung am Industriehafen.
31.08.2019, 18:59
Lesedauer: 4 Min
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„Die Anlage ist eine Verbesserung“
Von Anne Gerling
„Die Anlage ist eine Verbesserung“

Im SWB-Kraftwerk im Industriehafen soll eine Klärschlammverbrennungsanlage entstehen. Die Oslebshauser haben sich in einer Bürgerinitiative zusammenschlossen und protestieren gegen die Pläne.

Roland Scheitz

Die Bürgerinitiative hat sich ausdrücklich bei Hansewasser für die gute Kommunikation zu der geplanten Klärschlammverbrennungsanlage im Industriehafen bedankt. Sind Sie enttäuscht, dass Sie sie bislang nicht von dem Vorhaben überzeugen konnten?

Jörg Broll-Bickhardt: Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn es anders wäre. Aber enttäuscht bin ich nicht. Wir haben hier eine intensive Wahrnehmung von Bürgerbeteiligung: Wir nehmen die Argumente der Bürger mit, diskutieren darüber und bringen unsere Argumente, weshalb die Anlage verträglich ist. Das gehört letztendlich zu so einem Verfahren dazu. Wichtig ist, dass alle Fakten auf den Tisch kommen und man vernünftig darüber reden kann.

Ihr Pressesprecher Oliver Ladeur war am Donnerstagabend im Bürgerhaus, wo die Bürgerinitiative Zahlen und Fakten zur Anlage präsentiert hat. Hatte er inhaltlich etwas daran zu beanstanden?

Nicht deutlich wurde unserer Ansicht nach, dass die Reststoffe aus der Rauchgasreinigung in einem geschlossenen Silo gesammelt und dann gesondert entsorgt werden. Da kann nichts verwehen. Ebenso nicht bei der Asche, die auf die Blocklanddeponie gebracht wird. Auch beim Verkehr muss man berücksichtigen, dass sich mit Inbetriebnahme der Anlage das gesamte Verkehrsaufkommen lediglich um 0,3 Prozent erhöht.

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Für den Bau der Anlage waren ursprünglich zehn Standorte infrage gekommen. Welche anderen Standorte waren dies?

Wir haben in einer sehr frühen Phase des Projekts Standorte im ganzen nordwestlichen Raum geprüft. Mit Blick auf die Umweltverträglichkeit der Logistik sind dann drei Standorte benannt worden, die alle in Bremen liegen. Neben dem SWB-Gelände waren das ein Standort auf der Kläranlage Seehausen und ein dritter Standort ebenfalls am Industriehafen.

Weshalb hat sich Ihr Konsortium für Bremen und das SWB-Gelände entschieden?

Der größte Teil des Klärschlamms, der in der Anlage verbrannt werden soll, stammt aus Bremen. Der Standort liegt also gewissermaßen im Zentrum der Klärschlamm-Produktion. Damit ist die Umweltverträglichkeit der Logistik optimal. Es spielten auch Synergien eine Rolle. So ist auf dem SWB-Gelände bereits Infrastruktur vorhanden, zum Beispiel kann dort überschüssige Wärme ins Fernwärmenetz eingespeist werden. Übrigens: Seit den 1960er-Jahren betreiben wir hier in Bremen eine Kläranlage und man hat Klärschlamm produziert, der 40 Jahre lang auf die Felder in Niedersachsen gebracht wurde.

Jetzt ist der Punkt da, wo der Klärschlamm aus der Region in Bremen zusammengebracht wird. Die Verbrennung von Klärschlamm ist ja ein Fortschritt und eine Verbesserung: Wir wissen, dass in Klärschlamm alles Mögliche drin ist – nicht nur Nährstoffe. Aus Vorsorgegründen ist das nun kein Dünger mehr, sondern die Stoffe darin werden durch Verbrennung unschädlich gemacht. Das ist angewandter Boden- und Grundwasserschutz.

Was sagen Sie denjenigen Oslebshausern, die durch die Anlage gesundheitliche Beeinträchtigungen befürchten?

Das Umweltbundesamt empfiehlt einen sinnvollen Ausbau von Monoklärschlammverbrennungsanlagen. Solche Anlagen werden nach strengsten Standards und Anordnungen errichtet. Wir unterschreiten hier sogar die neuen – und härtesten – Standards. Darüber hinaus ist zukünftig davon auszugehen, dass Strom- oder auch Wasserstoff-Lkw zum Einsatz kommen.

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Die Bürgerinitiative hält das Argument, die Anlage sei CO2-neutral, für Augenwischerei. Wie sieht die CO2-Bilanz Ihrer Rechnung nach aus?

Momentan wird der in Bremen anfallende Klärschlamm per Lkw nicht nur nach Hamburg gebracht, sondern weit außerhalb der Region in Braunkohlekraftwerken mitverbrannt. Allein beim Lkw-Verkehr sind wir mit der neuen Anlage im Vergleich zu heute bei einer CO2-Reduktion von mehr als 80 Prozent. Beim Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) wird die CO2-Reduktion bei rund 70 Prozent liegen. Die Anlage läuft energieautark und produziert nahezu klima­neutral Strom und Fernwärme, weil Klärschlamm zu den erneuerbaren Energiequellen zählt. Das Projekt ist bei der SWB Teil ihres zum Kohleausstiegskonzepts. Am Standort wird die CO2-Bilanz damit in erheblichem Ausmaß besser. Wir reden hier von einer Millionen Tonnen CO2, die eingespart werden.

Kritiker bezweifeln, dass die sehr hohen Sicherheitsvorkehrungen bei der Klärschlamm­Anlieferung in der Realität tatsäch­lich eingehalten werden können. Was sagen Sie dazu?

Es kann ja kein Grund sein, etwas nicht zu tun, weil jemand glaubt, dass etwas nicht eingehalten wird. Wer sicher gehen will, der kann sich überzeugen. Wir können diejenigen einladen, sich die Anlage anzusehen. Außerdem werden alle Daten gesammelt. Und: Alles, was sich in den nächsten Jahren an Verbesserungsmöglichkeiten bietet, wird genutzt. Das ist unser Selbstverständnis.

Unterm Strich gilt der Widerstand offenbar weniger der Anlage selbst als der Gesamtsituation am Industriehafen, wo mittlerweile 23 Müll verarbeitende Betriebe ansässig sind, die für Lärm und Gestank sorgen. Können Sie diese Sichtweise nachvollziehen?

Emotional kann man das nachvollziehen. Als Unternehmen muss man aber bei solch einem Vorhaben Wirtschaftlichkeit und Umwelt­verträglichkeit prüfen. Lärm und Gestank wird es nicht geben – und mit allen Synergien ist das der perfekte Standort. Wir haben den Austausch mit der Bürgerinitiative weit vor dem Genehmigungsantrag gesucht und sind weiter offen für ihre Anregungen und Vorschläge. Der Standort an sich – mitten im Industriegebiet – ist nirgendwo anders besser. Die Bürgerinitiative sieht das anders. Aber so können wir bei der Entscheidung nicht vorgehen.

Die Bürgerinitiative hat Protest gegen die Anlage angekündigt. Wie werden Sie damit umgehen?

Wir werden unsere Strategie, offen und transparent zu sein, beibehalten. Am 11. September werden wir bei einer Beiratssitzung detailliert berichten und danach kommt mit dem Genehmigungsverfahren die Einbindung der Öffentlichkeit.

Die Fragen stellte Anne Gerling.

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Info

Zur Person

Jörg Broll-Bickhardt (61) ist Diplom-Ingenieur und seit fast 30 Jahren bei der Stadtentwässerung. Seit zehn Jahren ist er technischer Geschäftsführer von Hansewasser und hat das Konsortium Kenow mit auf den Weg gebracht, das eine Klärschlammverbrennungsanlage bauen will.

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