Lindenhof

Die Häuser mit den zwei Adressen

Was passieren kann, wenn im Kaufvertrag was anderes steht als in der Meldebescheinigung, wissen die Anwohner vom ehemaligen Pastorenweg, heute Martha-Heuer-Straße. Die Behörde räumt Fehler ein.
14.08.2019, 15:49
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Die Häuser mit den zwei Adressen

Alexandra Cipe und Marco Sveda im vormaligen Pastorenweg. Gleichzeitig zwei Adressen zu haben, bringt den Anwohnern handfeste Probleme im Alltag - dies reicht von Mehrkosten für doppelte Hausnummern bis hin zu Baukindergeldanträgen, die deshalb nicht bewilligt werden. Die Behörde hat Fehler eingestanden, das Ortsamt seine Hilfe angeboten.

Scheitz

In Gröpelingen gibt es ein Wohngebiet, in dem jedes einzelne Haus zwei völlig verschiedene Straßennamen und zwei unterschiedliche Hausnummern trägt. Klingt kurios – die Anwohner finden diesen Zustand aber schon lange nicht mehr lustig. Seit Monaten warten sie darauf, dass die zuständigen Behörden endlich Klarheit schaffen. Denn gleichzeitig unter zwei Adressen zu wohnen, bereitet den Nachbarn im Alltag echte Probleme.

Zum Hintergrund: Auf einem etwas mehr als 1000 Quadratmeter großen Grundstück zwischen dem Gröpelinger Pastorenweg und der Dockstraße ist in den vergangenen Jahren ein Neubaugebiet mit 23 Reihenhäusern entstanden, die zwischen Dezember 2018 und Juni dieses Jahres nach und nach bezogen wurden. Im März dieses Jahres wurde es zur Martha-Heuer-Straße, und erinnert seither an eine mutige Frau. Die gebürtige Warschauerin hatte gemeinsam mit ihrer Mutter während des Naziregimes monatelang sechs jüdischen Bekannten Unterschlupf gewährt, und ihnen so das Leben gerettet.

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Martha Heuer, geborene Palme, lebte nach dem Krieg in Gröpelingen als Ehefrau des SPD-Ortspolitikers und späteren Bürgerschaftsabgeordneten Heinz Heuer. Sie starb 2004 und wurde auf dem Friedhof in Osterholz bestattet. In Israel erinnerte man sich an den Akt der Menschlichkeit: Seit Mitte der 1970-er Jahre werden Mutter und Tochter in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. In Bremen war ihre Geschichte jahrzehntelang fast vergessen, bis der Journalist Kurt Nelhiebel davon erfuhr und sie im Jahr 2013 öffentlich machte. Der Gröpelinger Beirat beschloss, dass es höchste Zeit sei, Martha Heuer im Stadtteil ein Denkmal zu setzen, und setzte sich dafür ein, dass das Neubauquartier nach ihr benannt wurde. Im März dieses Jahres wurde die neue Straße im Beisein von Bürgermeister Carsten Sieling feierlich eingeweiht. Alles gut soweit – wenn nur jemand vorher den Bewohnern Bescheid gesagt hätte.

„Wir haben erst Tage davor erfahren“, berichtet Alexandra Cipe. „Während der Bauzeit hieß das Grundstück Pastorenweg 98. So steht es auch in unseren Kaufverträgen, also haben wir uns auch unter dieser Adresse angemeldet“, bestätigt ihr Nachbar Marco Sveda. Alle Nachbarn, die vor der Umbenennung eingezogen waren, mussten folglich nicht nur beim Bürgeramt, sondern auch überall dort, wo sie sich bereits umgemeldet hatten – etwa bei Versicherungen – die Anschriften korrigieren lassen. Viele der Hauseigentümer hatten sich außerdem bereits Haustüren und Briefkästen mit den alten Hausnummern anfertigen lassen, berichten die Nachbarn.

Ein kleiner Buchstabe als großes Hindernis

Und noch etwas: „Der Bauträger hatte für die einzelnen Häuser die Buchstaben a bis v vergeben“, erklärt Alexandra Cipe. „Im Grundbucheintrag wurde das vergessen und bis heute nicht korrigiert“. Der fehlende kleine Buchstabe wurde für eine ganze Reihe von Anwohnern zum großen Hindernis, so die Gröpelingerin: „Unser Antrag auf Baukindergeld wurde bereits einmal abgelehnt, weil der Grundbucheintrag nicht mit der Meldeadresse übereinstimmte. Ich kenne eine ganze Reihe junger Familien hier, denen es genau so ging“. Dabei seien bei der Beantragung Fristen einzuhalten, die die Familien bereits verlängern lassen mussten. „Die neue Frist endet nun im September. Uns läuft die Zeit davon.“ Im Rahmen der feierlichen Einweihung habe man das Gespräch mit Bürgermeister Sieling gesucht, berichtet Sveda. „Er versprach, dass er sich darum kümmern wolle. Doch wir haben das Gefühl, niemand schert sich darum. Wir finden keine direkten Ansprechpartner, werden von einer Stelle zur anderen verwiesen.“

Ulrike Pala ist über die Schilderungen überrascht. „Wir hatten das Thema längst abgehakt und zu den Akten gelegt“, gesteht die Leiterin des Ortsamts West. Kurz vor der Straßeneinweihung hatten sich die Nachbarn an den Gröpelinger Beirat gewandt. „Wir fielen damals aus allen Wolken“, erklärt Pala. Daraufhin habe man kurzfristig ein Treffen organisiert, an dem Vertreter des Beirats, des Amts für Straßen und Verkehr (ASV) sowie der persönliche Referent von Bausenator Joachim Lohse anwesend waren.

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Es sei dabei klar geworden, dass der ursächliche Fehler im ASV gelegen habe. „Wegen der Erkrankung des zuständigen Mitarbeiters war es versäumt worden, die Information rechtzeitig an den Bauträger und an das Grundbuchamt weiterzugeben“, so Pala. „Wir waren im Vorfeld in keiner Planung oder Diskussion involviert oder informiert“, betätigt Stefanie Wagner-Arndt, Sprecherin des Bauunternehmens Interhomes auf Nachfrage. „ Dass eine Umbenennung des Pastorenweges ansteht, haben wir durch Zufall von einem Käuferpaar erfahren. Das war Ende März 2019. Und da war alles bereits entschieden und in die Wege geleitet.“

Ein ärgerlicher Vorgang

Beim Treffen im Ortsamt hatten die Verantwortlichen gelobt, die Situation schnell zu regeln und Schadensersatz zu leisten, erinnert sich Pala. „Wir sind bislang davon ausgegangen, dass die Sache damit erledigt ist.“ Warum das bislang nicht geschehen ist, kann sich auch Bauressort-Sprecher Jens Tittmann nicht erklären. „In den Ämtern ist etwas gründlich quergelaufen, und wir können uns dafür nur entschuldigen“, so Tittmann. Der Vorgang sei „ärgerlich“, doch die Ressortleitung habe Schwarz auf Weiß angeordnet, dass sämtliche Kosten, die den Anwohnern dadurch entstanden seien, und für die sie ihre Belege bei der Behörde einreichten, zu übernehmen seien.

Für die Änderung der Grundbucheinträge, die Umarbeitung der Haustüren und Briefkästen habe man einen Betrag in dreistelliger Höhe veranschlagt. Auch was das Baukindergeld betreffe, können die betroffenen Familien mit Unterstützung auf höchster Ebene rechnen: „Sollte es in irgendeiner Form Probleme geben, wird das Senatsressort mit offiziellem Briefkopf und persönlicher Unterschrift Verantwortung übernehmen und sich für die Familien einsetzen.“ Ortsamtsleiterin Ulrike Pala hat sich bereit erklärt, als direkte Ansprechpartnerin bei Fragen und Problemen der Anwohner zu fungieren. Im Ortsamt West, Waller Heerstraße 99, werden auch die Kostenaufstellungen angenommen und an die zuständigen Stellen weitergeleitet.

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