Nähgruppe in Gröpelingen

Die Lust am Nähen

Kein Schnittmuster ist ihnen zu kompliziert: Die Frauen aus Heike Hlawatschs Nähgruppe nähen alles, und das seit 30 Jahren. Dabei hatte die gelernte Herrenschneiderin die Gruppe nur vorübergehend leiten wollen.
17.10.2019, 12:05
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Die Lust am Nähen
Von Anne Gerling
Die Lust am Nähen
Roland Scheitz

Immer montags am späten Nachmittag bietet sich im Nachbarschaftshaus Helene Kaisen, kurz Na’, das folgende Bild: In der Werkstatt im Keller surren Nähmaschinen und an einem großen Tisch hantieren zehn gut gelaunte Frauen mit Schnittmustern, Scheren und Stecknadeln. Die Stimmung ist locker und ein Blick auf die Kleidungsstücke, die ringsum die Wände dekorieren, macht sofort klar: Hier sind echte Profis am Werk.

Blusen, Kleider, Kostüme, Mäntel, Anzüge: Die Teilnehmerinnen der Nähkurse von Heike Hlawatsch schrecken tatsächlich vor keinem Schnittmuster und vor keiner Nähanleitung zurück. Wie schafft die gelernte Herrenschneiderin es, den Frauen so viel Können – und Selbstvertrauen – zu vermitteln? Das sei ganz einfach, meint Hlawatsch: „Das Beste ist vormachen.“ Und, ganz wichtig: „Niemand wird unter Druck gesetzt.“

Schon in den 1980er-Jahren gab es im Na’ Nähkurse – damals schleppten die Frauen sogar jede Woche ihre eigenen Nähmaschinen mit in Bremens ältestes Bürgerhaus, erinnert sich Heike Hlawatsch. „Eine junge Frau mit Kind, die damals dabei war, wollte eine neue Gruppe aufmachen.“ Lenchen Tetz von der Arbeiterwohlfahrt habe sie damals gefragt, ob sie das übernehmen könnte. Hlawatsch sagt zu: „Ich dachte, ich mache das mal vorübergehend. Aufhören kann ich ja immer. Und jetzt sind es schon 30 Jahre.“

Die Plätze in Heike Hlawatschs Nähkursen sind heiß begehrt. Innerhalb mancher Familien würden sie weitervererbt, scherzt sogar eine Teilnehmerin. Etwa im Fall von Monika Harries aus Burgdamm, die gerade ein T-Shirt absteckt. Vor Jahren bat sie ihre Mutter, für sie Kissenbezüge zu nähen. "Sie meinte daraufhin: Das kannst du selber machen. Da bin ich dann auch hierher gekommen und war anschließend viele Jahre zusammen mit meiner Mutter hier.“

Mäntel und Jacke für die Kinder und jedes Jahr zum Hochzeitstag für sich selbst habe sie genäht, erzählt Monika Harries: „Ich habe hier viel gelernt und das Kreative kommt, wenn man dabei ist und es flutscht. Dann kommt auch die Lust am Nähen.“ So habe sie am liebsten nach dem Prinzip „Aus alt mach neu“ gearbeitet und aus Stoffresten Neues kreiert. Mindestens einen großen Trend der aktuellen Nachhaltigkeits-Debatte hat Heike Hlawatschs Gruppe nämlich schon vor vielen Jahren aktiv praktiziert: Das Upcycling, bei dem Gebrauchtes wieder aufgearbeitet wird und sich somit weiter verwenden lässt, anstatt es einfach in den Müll zu werfen. „Wir haben hier schon immer nachhaltig gearbeitet“, unterstreicht auch Hlawatsch und präsentiert eine Jacke und eine Umhängetasche, die aus verschiedenen Teilen ausrangierter Jeans-Hosen neu zusammengesetzt worden sind.

Aktuell arbeite die Gruppe außerdem viel mit alten Krawatten – mal als Gurt und mal als quer auf ein Oberteil gesetzte Applikation, so Hlawatsch: „Jeder hier ist kreativ. Und alle haben ihr Spezialgebiet.“ Auf diese Weise würden immer wieder Ideen in die Gruppe getragen, die die Teilnehmerinnen jeweils auf ihre individuelle Weise weiter entwickelten.

Karina Grätsch aus Horn-Lehe ist gerade auf der Suche nach dem passenden Schnitt für eine Bluse, die sie Weihnachten tragen möchte. Den Rock dazu hat sie schon fertig. Seit zwei Jahren sei sie mit dabei, erzählt sie: „Eine Arbeitskollegin hatte mir von der Gruppe erzählt und gesagt: Ruf an und frag doch mal nach. Ich fand es sofort ganz toll. Nicht nur das Nähen, sondern auch die Frauen. Man kann sich hier über alles aussprechen und dann nachhause gehen und alles ist wieder gut.“ Toll sei auch das jährliche Weihnachtsbuffet, zu dem jede etwas beisteuert. Während Karina Grätsch erzählt, kommt ihr Mann zur Tür herein und mischt sich lächelnd ins Gespräch ein: „Früher hat sie es gehasst, zu nähen. Ich musste sogar Knöpfe selbst annähen. Jetzt bringe ich ihr meine Hosen zum Ändern.“

Neben Karina Grätsch hat Christa Albat ihr Arbeitsmaterial ausgebreitet. Die Oslebshauserin schneidet heute den Stoff für eine Bluse zu: buntes Blumenmuster, halblanger Arm mit gerüschtem Abschluss. „Wenn die Rüschen mal unmodern werden, kann man die auch wieder abmachen“, erklärt sie währenddessen.

Albat ist quasi das Urgestein hier. Im Oktober 1983 sei sie das erste Mal in der Nähgruppe im Na’ dabei gewesen, erzählt sie, während sie auf dem Smartphone Fotos zeigt. Selbst genähte Puppenkleider mit Biesen zum Beispiel. „Christa näht alles. Sie hat sich zur goldenen Hochzeit ein Kleid genäht – traumhaft!“ schwärmt Heike Hlawatsch. Nur eines könne sie beim Nähen aus der Ruhe bringen, sagt Christa Albat und zückt ihren goldenen Pfeiltrenner: „Wenn ich was auftrennen muss, das finde ich ganz schlimm.“ Auch das komme vor.

Manuela Jakob hat ihr Strickzeug mitgebracht. „Nach einem anstrengenden Tag entspanne ich mich hier. Ich habe versucht, hier mittwochs eine Strickgruppe anzubieten“, erzählt sie. Leider habe sie aber trotz Facebook-Aufruf nicht genügend Interessierte gefunden: „Aber vielleicht klappt es ja doch noch.“ Auch Anke Becher, ebenfalls seit 30 Jahren dabei, hat heute ausnahmsweise Stricknadeln und Wollknäuel dabei: „Meine Tochter wünscht sich jedes Jahr zu Weihnachten Filzschuhe. Um nicht in Stress zu kommen, fange ich jetzt schon damit an.“

Der letzte „Neuzugang“ war vor zwei Jahren Rita Jordemann, die gerade einen „Leseknochen“ – eine Nackenrolle in Knochenform – genäht hat. Eine Idee, die in der Gruppe gut ankommt. „Ich habe vorher hin und wieder genäht. Hier lerne ich es noch einmal systematisch von Grund auf – vom Schnitt über das Zuschneiden bis zum Nähen. Das ist toll“, sagt sie und ergänzt, sie habe sich sofort wohl gefühlt. Dies sei vor allem der tollen Gruppenleiterin zu verdanken, sind sich alle einig.

„Heike gibt Stabilität rein und kommt mit jedem klar – sogar mit Anke“, sagt lachend Dorothea Grefe aus Peterswerder. Anke Becher grinst: „Das stimmt. Wir sind nämlich total gegensätzlich: Heike ist ganz genau und ich nehme immer so Pi mal Daumen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+