Schützenhof-Gelände an Bromberger Straße Diskussion um Gedenkstätte in Gröpelingen entfacht

Nachdem auf dem Schützenhof-Gelände an der Bromberger Straße Garagen zwischengelagert worden sind, steht nun die Frage nach einer angemessenen Erinnerungskultur im Raum.
01.03.2020, 22:47
Lesedauer: 3 Min
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Diskussion um Gedenkstätte in Gröpelingen entfacht
Von Anne Gerling

Was hat es mit den Beton-Garagen auf sich, die seit einiger Zeit vorne auf dem Schützenhof-Gelände an der Bromberger Straße stehen? Mehrere verwunderte Anwohner fragten im Ortsamt nach, wo die Sache schließlich mit einer Anfrage in der Baubehörde aufgeklärt werden konnte: Die Garagen sind von der Waller Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft (Wabeq) zwischengelagert worden, sie stammen von einem Grundstück an der Seewenjestraße, auf dem die Wabeq 70 Wohnungen baut.

Fast genau zwei Jahre ist es her, dass Wabeq-Geschäftsführer Ernst Schütte dieses Vorhaben erstmals öffentlich vorgestellt hatte: günstiger Wohnraum für den Stadtteil nach neuesten Standards. Wie schon bei anderen Projekten ist die Wabeq dabei laut Schütte im Gespräch mit der Lebenshilfe über eine Zusammenarbeit im Interesse von Menschen mit Beeinträchtigungen. Im Erdgeschoss ist außerdem eine Kita geplant; zurzeit sucht Schütte nach einem Träger. „Die Baustelle ist eingerichtet“, konnte Schütte am Mittwochabend nun endlich im Bauausschuss des Gröpelinger Beirats mitteilen.

Denn der Weg zur Realisierung war offensichtlich mühsam und steinig, viele Probleme galt es dabei zu lösen. Dass das Grundstück an der Seewenjestraße nun bebaut werde, sei nicht selbstverständlich, betont der Wabeq-­Geschäftsführer: „Ich habe für die Vorbereitung vier Jahre gebraucht. Vorher hatten es große Wohnungsbaugesellschaften vergeblich versucht.“

18 Monate dauerte es, bis die Baugenehmigung vorlag. Die Sanierung des belasteten Erdreichs kostete am Ende 300.000 statt der ursprünglich veranschlagten 50.000 Euro. Schließlich mussten etwa 80 Garagen entfernt werden, von denen auch noch in einigen Asbest gefunden wurde – was eine teure Entsorgung notwendig machte. Zwei Fliegen wollte Schütte vor diesem Hintergrund mit einer Klappe schlagen: Einerseits im Stadtteil Ersatz für die Garagen schaffen und andererseits einen Teil der unerwartet gestiegenen Kosten wieder hereinholen, indem etwa 50 der Garagen andernorts aufgebaut und einige Jahre lang vermietet würden.

Neuer Standort für die Garagen

Sehr kurzfristig hatte er deshalb einen neuen Standort für die Garagen finden müssen und war überall im Stadtteil unterwegs. Die Schützengilde habe sich schließlich einverstanden erklärt, ihm einen Teil des sehr weitläufigen Schützenhof-Geländes zur Verfügung zu stellen. Damit war das Problem aber noch nicht gelöst, wie sich im Bauausschuss nun zeigte. Denn die Ortspolitiker lehnen Schüttes Bauantrag, der ihnen im Januar zur Stellungnahme vorgelegt wurde, ab.

Einerseits aus baurechtlichen Gründen. Andererseits, weil der Schützenhof eine besondere Geschichte hat: Von Ende 1944 bis April 1945 diente er als Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Etwa 700 Zwangsarbeiter wurden auf dem Hin- und Rückweg von dort zur Arbeit bei der AG Weser jeden Tag unter Bewachung quer durch Gröpelingen geführt. Bei Ausgrabungen mit Studierenden vor knapp zwei Jahren war Professorin Uta Halle, Leiterin der Landesarchäologie Bremen, auf Relikte und Fundamente des Zwangsarbeiterlagers gestoßen.

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„Ich finde es moralisch verwerflich, fast auf den Tag genau 75 Jahre nach der Befreiung dieser KZ-Außenstelle hier von einem Bauvorhaben zu sprechen“, sagt Halle, der zufolge der Schützenhof mit dem Außenlager München-­Neuaubing oder mit Bochum gleichzusetzen ist: „Ansonsten gibt es überhaupt keine Lager mehr.“ Von einer Bebauung würde sie aufgrund der Situation abraten, dass wenige Zentimeter unter der Erde Fundamente ehemaliger Baracken – und auch des früheren Schützenhofes – lägen.

Geschichte des Gröpelinger Lagers sichtbarer machen

„Ich würde nie etwas tun, was dem Gedenken an ermordete Häftlinge schadet“, versichert dazu Schütte, der sich schon in jungen Jahren gegen Faschismus engagiert hat und gerne helfen würde, die Geschichte des Gröpelinger Lagers sichtbarer zu machen.

„Ich finde das Gedenken beim Schützenhof – gerade in der aktuellen politischen Situation – nicht ausreichend“, sagt er. Deshalb habe er zwischenzeitlich verschiedene Gespräche geführt und Ideen dazu entwickelt, wie auf dem Gelände eine Gedenkstätte aufgebaut und finanziert werden könnte: „Da geht gerade eine Tür auf.“ Die Wabeq sei ein guter Kooperationspartner: „Bei uns gehen 300 bis 400 Jugendliche im Jahr durch Maßnahmen durch. Wir sind eine Bildungseinrichtung.“ Im Gegenzug würde er gerne gemeinsam mit allen Beteiligten nach einem Standort suchen, an dem die Garagen für höchstens zehn Jahre aufgebaut werden könnten. Das Schützenhof-Gelände sei groß und weiträumig genug, ist Schütte überzeugt, der hofft, dass doch noch ein Kompromiss gefunden werden könnte: „Das wäre ansonsten auch der Sache einer Gedenkstätte nicht zuträglich.“

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