Städtebauförderung in Gröpelingen

Ein Quartier mit großem Charme

Das Humann-Viertel war der größte zusammenhängende Siedlungsbau in Bremen in der Weimarer Republik. Die Stadt will das Quartier nun gemeinsam mit den Eigentümern neu aufpolieren.
24.10.2018, 18:44
Lesedauer: 5 Min
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Ein Quartier mit großem Charme
Von Anne Gerling
Ein Quartier mit großem Charme

Stadtteilspaziergang mit den Landschaftsarchitekten Stefan Villena-Kirschner mit Schlägermütze sowie dem Architekten Ulrich Ruwe.

Anne Gerling

Alle, die eine Immobilie in dem Gebiet zwischen Axstedter Straße, Humannstraße, Bonifaciusstraße und Adelstedter Straße besitzen, können sich freuen. Ihre kleinen Häuser sind nämlich aus städtebaulicher Sicht etwas ganz Besonderes: Sie gehören zu einem der größten zusammenhängenden Komplexe, die in der Weimarer Republik aus dem damaligen Notbauprogramm des Bremer Staates heraus entwickelt wurden. Mehr als 250 Reihenhäuser mit rund 730 Wohnungen sind dort zwischen 1926 und 1931 in drei Bauabschnitten errichtet worden, sagt die Hannoveraner Landschaftsarchitektin Petra Schoelkopf. Gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekten Stefan Villena-Kirschner und dem Architekten Ulrich Ruwe hat Schoelkopf sich das Humann-Viertel im Auftrag der Baubehörde ganz genau angesehen. Denn die Stadt hält das Gebiet für ein echtes Kleinod, das sie im Rahmen des Integrierten Entwicklungskonzepts (IEK) Gröpelingen gerne wieder zum Strahlen bringen würde.

Ein Vorhaben, für das Projektleiter Andreas Bodeit von der Baubecon nun gerne möglichst viele Eigentümer gewinnen möchte – sie nämlich sind es, die letztendlich darüber entscheiden, wie ihr Quartier in Zukunft aussehen wird. Wer sein Haus modernisiert beziehungsweise Instandsetzungsarbeiten an der Fassade plant oder den Vorgarten umgestaltet und dabei bestimmte Kriterien beachtet, der soll ab dem Frühjahr mit Mitteln aus einem Förderprogramm namens „Städtebaulicher Denkmalschutz“ finanziell unterstützt werden.

Worum es dabei genau geht, darüber konnten sich interessierte Eigentümer nun bei zwei Rundgängen durchs Quartier und einer Bürgerversammlung in der Neuen Oberschule Gröpelingen (NOG) von den Verantwortlichen informieren lassen.

Bauliche Zusammenhänge nur noch undeutlich

Der Einladung der IEK-Gebietsbeauftragten waren insgesamt bei allen Terminen rund 40 Eigentümer gefolgt. Vor allem trieb diese dabei zunächst die Frage um, ob sie nun womöglich „zwangsverpflichtet“ werden sollen, ihre Immobilien in einer ganz bestimmten Weise herzurichten. Dies sei keinesfalls geplant, versichert dazu Andreas Bodeit, der den Charme des Quartiers lobt: „Im Grunde geht es darum, sich zum Beispiel bei Fassadenanstrichen an ein bestimmtes Farbspektrum zu halten. Wer das nicht möchte, der wird dann eben nicht gefördert.“

Was es mit Fassadenfarben oder auch mit verschiedenen gestalterischen Details auf sich hat, das war bei den Stadtteilspaziergängen direkt vor Ort gut zu sehen. Dass es sich bei dem Quartier um ein zusammenhängendes bauliches Ensemble – und somit um ein städtebauliches Kleinod – handelt, ist heute nämlich erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Denn in der jüngeren Vergangenheit sind an einzelnen Häusern verschiedene Veränderungen vorgenommen worden. So zum Beispiel in der Humannstraße, wo die einst gleichfarbigen Fassaden individuelle Anstriche bekamen, Treppenaufgänge neu gebaut und Fenster erneuert wurden. „Ich hatte gedacht, ich würde hier etwas Einheitliches zu Gesicht bekommen“, erzählt Architekt Ruwe von seinem ersten Besuch in der Humannstraße: „Das sehr bunte Bild hier war nicht meine Erwartung.“

Schließlich war das Viertel ursprünglich komplett einheitlich gestaltet worden: Im ersten Bauabschnitt waren von 1927 bis 1928 Humannstraße, Bonifacius- und Wittekindstraße mit Reihenhäusern desselben Typs bebaut worden, wobei durch verschiedene Details für optische Abwechslung gesorgt wurde. Ab 1929 folgte als zweiter Bauabschnitt der Bereich zwischen Pestalozzistraße und Adlstedter Straße mit einem anderen Gebäudetyp. Ab 1930 schließlich wurde auch zwischen Wischhusenstraße und Axstedter Straße gebaut, hier konzentrierte sich das Bremische Wohnungsbauamt nun auf größere Mehrfamilienhäuser.

Nach dem Krieg übernahm zunächst die Bremische die Häuser; ab den 1980er-Jahren wurden dann einzelne Gebäude verkauft. Die Reihenhäuser seien damals für kleines Geld zu haben gewesen und wer sich das leisten konnte, der wollte seine Immobilie oft auch gerne nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten, erzählen Alteingesessene. Manche von ihnen können sich noch gut daran erinnern, wie die frühere Arbeitersiedlung zu ihren Kindheitstagen aussah: „Das war ein grauer Einheitsbrei mi tKasernenhofatmosphäre“

Genau das wollten sie nicht wieder haben, erklärten beim Stadtteilrundgang einige der Anwohner nun entschieden. Darum gehe es ihnen auch nicht, versicherten dazu die Architekten um Andreas Bodeit – etwas mehr Einheitlichkeit aber wäre durchaus schön. Wer heute offenen Auges durch das kleine Viertel spaziert, der kann noch immer erkennen, dass sämtliche Gebäude einer bestimmten Systematik folgen. Schoelkopf spricht von einer „Rhythmisierung“, etwa was die Anordnung von Dacherkern, Gauben, Gesimsen, Treppenaufgängen, Geländern oder Oberlichtern betrifft. „Wir haben alles erfasst und wissen, wie Handläufe aussehen oder wie die Gartenzäune beschaffen waren. Auf dieser Grundlage könnte man Renovierungen angehen und diese Elemente, auch mit modernen Mitteln, aufgreifen. Man kann das innerhalb des Rasters individuell gestalten. Entstanden ist alles aus einem Guss, und das wäre natürlich das Schönste“, sagt Petra Schoelkopf.

Bedürfnis nach Individualisierung

Gerne würden die Planer außerdem dabei helfen, dass wieder mehr Grün in den Vorgärten wächst. Auf diese Weise könnte Wasser bei Starkregen besser versickern, sagt Landschaftsarchitekt Stefan Villena-Kirschner und weist noch auf einen weiteren Vorteil hin: „Es gibt ein Bedürfnis nach Individualisierung, und das ist auch nachvollziehbar – und dies lässt sich auch mit Pflanzen schaffen.“ Baulich würde sich Architekt Ulrich Ruwe den Erhalt möglichst vieler Original-Elemente wünschen: „Denkmalpflege ist manchmal lästig, aber eigentlich schön.“ Die Bausubstanz im Viertel ist seiner Einschätzung nach insgesamt sehr gut und solide, nur vereinzelt hat er Risse in Fassaden entdeckt. Wer den ursprünglichen Charakter der Gebäude erhalten wolle, der sollte auf eine Dämmung der Fassade verzichten, unterstreicht er. Ohnehin seien aber entsprechende Maßnahmen am Dach oder im Keller im Vergleich deutlich effektiver.

Neben der geplanten sogenannten Erhaltungs- und Gestaltungssatzung mit verschiedenen Empfehlungen wollen die Planer im Humann-Viertel außerdem auch das Baurecht anfassen. Bisher gibt es laut Katharina Freimuth aus der Baubehörde nämlich keinen Bebauungsplan für das Gebiet, weshalb dort nicht an- beziehungsweise ausgebaut werden darf. Um denjenigen, die sich vielleicht erweitern möchten, dazu eine Möglichkeit anbieten zu können, soll ein Bebauungsplan aufgestellt und darin als Option ein rückwärtiger Ausbau erlaubt werden. In diesem Punkt waren die Eigentümer nun sehr geteilter Meinung; einige haben Sorge, von ihren Nachbarn womöglich „zugebaut“ zu werden. Hier gibt es also offenbar noch Redebedarf. Eine besonders große Herausforderung wird dabei für die Planer vermutlich sein, noch mehr Eigentümer zu erreichen. Viele der Häuser gehören nämlich offenbar Vermietern, die nicht vor Ort sind und sich auch nicht weiter um ihre Immobilien kümmern.

Weitere Informationen

Informationen zum Thema geben Elisabeth Grevenbrock (EGrevenbrock@baubeconstadtsanierung.de), Lars Nordhausen (lars.nordhausen@bau.bremen.de) oder auch Ingo Wilhelms, Stadtteilsachgebietsleiter für Gröpelingen im Ortsamt West, der unter Telefon 361-8 92 09 erreichbar ist.

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