Fehler im Genehmigungsverfahren?

Beirat fordert Stopp von Neubau in Gröpelingen

Bewohner der Bromberger Straße kritisieren, nicht in das Planungs- und Genehmigungsverfahren für den Neubau auf dem Nachbargrundstück einbezogen worden zu sein. Der Beirat fordert Aufklärung und einen Baustopp.
22.07.2020, 16:16
Lesedauer: 3 Min
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Beirat fordert Stopp von Neubau in Gröpelingen
Von Anne Gerling
Beirat fordert Stopp von Neubau in Gröpelingen

Der Gebäudekomplex soll Tiefgarage, 150 Wohnungen, Kita und eine Einrichtung für mehrfach beeinträchtige Menschen enthalten.

Roland Scheitz

Sind beim Planungs- und Genehmigungsverfahren für ein neues Wohngebäude an der Seewenjestraße 83 Fehler gemacht worden? Ja, meint der Gröpelinger Beirat, der nun im Bauressort einen Baustopp erwirken möchte, um zu verhindern, dass auf der Baustelle Fakten geschaffen werden, bevor die Angelegenheit geklärt ist.

Es geht um Bauabschnitt eins eines Gebäudekomplexes mit Tiefgarage, etwa 150 Wohnungen, Kita und einer Einrichtung für mehrfach beeinträchtigte Menschen, den die Waller Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft (Wabeq) seit März schräg gegenüber der Philippuskirche auf einem ehemaligen Garagenhof errichtet.

Die Pläne für das Grundstück Seewenjestraße 83 waren im Februar 2018 erstmals öffentlich im Bauausschuss des Gröpelinger Beirats präsentiert worden. Die städtebauliche Figur hatte Architekt Frank Sieber in enger Abstimmung mit der Stadt erarbeitet: ein Gebäudekomplex mit drei bis vier Etagen plus Staffelgeschoss, der nach vorne zur Seewenjestraße hin etwas höher und nach hinten zur Bromberger Straße hin etwas niedriger sein sollte. Das vorgeschriebene Bebauungsplanverfahren startete am 19. Juni 2018 mit einer Einwohnersammlung – zu der allerdings kein Nachbar erschien.

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Die Eigentümer der sieben Reihenhäuser an der Bromberger Straße 60 bis 72 – gleich hinter dem Baugrundstück – informierten sich Anwohner Heinrich Kehlenbeck zufolge am 27. Februar 2019 bei der Wabeq über das Bauvorhaben: „Da wurde uns gesagt, dass wir direkt bei uns am Zaun einen Anbau haben werden, der sechseinhalb Meter hoch werden soll und dann ansteigt auf neuneinhalb, zwölfeinhalb und an der Seewenjestraße auf 16 Meter. Bei uns drei, dann vier Geschosse – aber inklusive Dachgeschoss. Wir sind dann eigentlich ganz beruhigt nach Hause gegangen.“

Bis kurz vor Pfingsten das Baugerüst immer höher wurde. Die alarmierten Eigentümer wandten sich erneut an die Wabeq, so Kehlenbeck: „Und dann hieß es, wir kriegen noch ein Geschoss obendrauf.“ Zwischenzeitlich sei offenbar in der Deputationsvorlage für die Bebauungsplanänderung „irgendetwas verändert worden und wir haben da keine Informationen drüber gehabt“, schilderte er kürzlich dem Gröpelinger Beirat. „Ich fühle mich von den Vertretern der Stadt als Bürger schlicht und einfach nicht informiert“, sagt der Gröpelinger. Kein Nachbar habe von der Einwohnerversammlung gewusst oder Informationen zur Baugenehmigung oder dem Baubeginn gehabt – dementsprechend habe auch niemand dagegen Einspruch erheben können.

„Ich finde das Verfahren auch sehr bedauerlich. Es gab mehrere Fehler“, sagt auch Beiratssprecherin Barbara Wulff (SPD). In dem Antrag ihrer Fraktion, der vom Beirat einstimmig beschlossen wurde, heißt es: „Die Erhöhung der Geschossanzahl war dem Beirat und den Anwohnern gegenüber intransparent. Die gesamte Öffentlichkeitsbeteiligung ist zu monieren. Aus diesem Grund ist die zuständige Behörde dazu aufgerufen, die Vorkommnisse um das Bauvorhaben aufzuklären.“

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Für die Wabeq, die in das Gesamtbauvorhaben bis zu 23 Millionen Euro investieren will, wäre ein Baustopp fatal, sagt Geschäftsführer Ernst Schütte – Baustellenlogistik, Finanzierung und schlimmstenfalls 130 Arbeitsplätze würden damit gefährdet: „Ich wüsste aber auch nicht, auf welcher rechtlichen Grundlage ein Baustopp durchgesetzt werden sollte.“ Architekt Frank Sieber sieht es ebenso: „Es ist alles genehmigt und der Bebauungsplan von der Bürgerschaft beschlossen. In der Genehmigung stehen sogar 12,50 Meter, die gar nicht ausnutzt werden.“ Zur Bromberger Straße und den etwa elf Meter hohen Reihenhäusern hin werde nämlich nur 9,50 Meter hoch gebaut. Der Beirat selbst habe das Modell bei der Präsentation gelobt, erinnert sich Sieber. Die nun von dem Gremium angesprochene Verschattung sei unwesentlich. So hätten die Reihenhäuser laut Studie selbst am ungünstigsten Tag – dem 21. Dezember – immerhin bis 13 Uhr Sonne.

Den Unmut der Anwohner über den Ablauf des Verfahrens kann Schütte nachvollziehen. Er bedauert, dass niemand von der Bauverwaltung das Gespräch gesucht hat: „Vieles von der Aufregung hätte sich legen können, wenn jemand hier gewesen wäre.“ Er telefoniere fast täglich mit den Nachbarn: „Wir haben guten Kontakt, es ist eine sachliche Atmosphäre.“ Beide Seiten seien an einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis interessiert; vor einigen Tagen habe man sich deshalb auf zwölf Punkte geeinigt, mit denen die Wabeq auf die Nachbarn zugehen möchte.

So sollen die Dachkanten um 30 Zentimeter abgesenkt, die ursprünglich 1,50 Meter hoch geplanten Dachaufbauten auf weniger als einen halben Meter reduziert und auf der Gebäuderückseite nur im Erdgeschoss Fenster eingebaut werden, um den Sichtschutz zu gewährleisten. Außerdem werden drei fünf Meter hohe Apfelbäume angepflanzt.

In der Baubehörde löst die Forderung des Beirats nach einem Baustopp indes Unverständnis aus. „Das Bebauungsplanverfahren ist ordnungsgemäß erfolgt und die Baugenehmigung somit rechtskonform. Die Behörde hat sich an alle Richtlinien gehalten“, sagt Bauressort-Sprecher Jens Tittmann: „Ein Baustopp wäre aus unserer Sicht nicht zu rechtfertigen – und auch nicht gerichtsfest.“

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