Ehrung in Berlin

Gröpelinger Verein für interkulturelle Seniorenarbeit ausgezeichnet

Die Bundesfamilienministerin hat jetzt den Bremer Verein „Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien“ (ZIS) für seine interkulturelle Seniorenarbeit ausgezeichnet.
30.03.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Gröpelinger Verein für interkulturelle Seniorenarbeit ausgezeichnet

ZIS-Gründer Ali Eliş und seine Mitstreiterinnen freuen sich über die Ehrung, die in einer Urkunde dokumentiert wurde.

Roland Scheitz

Jeden Mittwochvormittag kann man eine Gruppe mit gut gelaunten Damen in fortgeschrittenem Alter sehen, die sich flott durch den Grünzug bewegen. Diese sportlichen Seniorinnen sind ein Grund dafür, dass das Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien (ZIS) kürzlich nach Berlin eingeladen wurde. Für sein Kultur- und Bildungsprojekt „Alt ist nicht gleich alt“ errang der Gröpelinger Verein unter 660 Bewerbungen aus ganz Deutschland den zweiten Platz beim Bundeswettbewerb „Einsam? Zweisam? Gemeinsam!“.

Dafür gab es eine Urkunde und ein Preisgeld in Höhe von 1500 Euro. Noch viel mehr wert war den Vereinsvertretern jedoch das persönliche Treffen mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Denn natürlich nutzten sie die Gelegenheit, der Ministerin die Belange der älteren Migrantinnen und Migranten ans Herz zu legen. „Auf diesen Teil der Gesellschaft müssen Politik und Wohlfahrtsverbände viel stärker achten“, sagt ZIS-Gründer und -Vorsitzender Ali Eliş. Sein Appell: „Sie brauchen jetzt Unterstützung. Wir haben keine Zeit!“

Seit 38 Jahren baut der gemeinnützige Verein Brücken für Menschen aus anderen Ländern, damit sie in Bremen Wurzeln schlagen und einheimisch werden können. In guten wie in schlechten Zeiten, von der Kindheit bis ins hohe Alter. Gegründet wurde das ZIS in Gröpelingen: Dort, wo die meisten Gastarbeiter zu Hause waren, wo die Werften und die Stahlwerke reichlich Arbeit boten, wurde ein Kulturladen eröffnet, es wurden Deutschkurse und Lehrerfortbildungen organisiert, Angebote für Jugendliche geschaffen und ein Netzwerk mit engagierten Menschen, Vereinen und Institutionen geknüpft.

Stolz auf die Auszeichnung

Später dann, als die Werften geschlossen und ihre Mitarbeiter entlassen hatten, vermittelte der Verein Ausbildungsmaßnahmen und Fortbildungen, half bei Bewerbungen und Jobsuche. Mit dem Verein sind nun auch die Klientinnen und Klienten der ersten Generation fast 40 Jahre älter geworden. Für sie initiierte das ZIS vor drei Jahren das interkulturelle Projekt „Alt ist nicht gleich alt“, das Seniorinnen und Senioren mit und ohne Migrationsgeschichte zu gemeinsamen Aktivitäten zusammenbringt, die allen Spaß machen. Neben dem Sport können das Angebote wie Töpfern, Nähen, Malern und Tischlern sein, Literatur- und Gesprächskreise, die Theater-AG oder gemeinsame Ausflüge.

Zum Wettbewerb hatten das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso) aufgerufen. Die Preise wurden von Bundesministerin Giffey und dem Bagso-Vorsitzenden Franz Müntefering verliehen. Stolz sei der Verein auf die Auszeichnung, sagt Ali Eliş, stolz auf Projektleiterin Hatice Turan und das große Team von Ehrenamtlichen, aber auch stolz auf Gröpelingen mit seiner „einmaligen Interkulturalität“. Es sei „enorm, was dieser Stadtteil an Integrationsarbeit für das Land Bremen leistet“, lobt Eliş, der in den 1970er-Jahren als Student nach Bremen kam, und nach seinem Studium der Sozialpädagogik fast 40 Jahre lang für das Amt für Soziale Dienste tätig war.

Kontaktstelle und Stiftungsdorf

Vor zehn Jahren richtete der Verein eine Kontaktstelle für ältere Migrantinnen und Migranten ein. Sie bietet im Stiftungsdorf Gröpelingen muttersprachliche Beratung bei Fragen zu Pflege und Demenz, zu Hilfen im Alter, vor allem aber auch Angebote gegen die Einsamkeit und Isolation. „Köprü“ (auf Deutsch: „Brücke“) nennt sich das Angebot, das das ZIS im Kooperation mit dem Sozialressort vorhält. Das Stiftungsdorf ist für Eliş ein Idealfall einer solchen Brücke. In der Einrichtung der Bremer Heimstiftung leben Seniorinnen und Senioren mit und ohne Migrationshintergrund, in Nachbarschaft mit Kindern, Künstlern und behinderten Menschen. An bezahlbaren Einrichtungen für ältere Migrantinnen und Migranten, die häufig mit einer kleinen Rente auskommen müssen, fehle es in allen Stadtteilen, weiß der ZIS-Geschäftsführer. Auch der Bedarf an Tagespflegeplätzen sei überall groß – und besonders selten seien darunter „kultursensible“ Angebote, in denen auf die besonderen Bedürfnisse von Senioren mit Migrationshintergrund eingegangen werden kann.

Die Preisverleihung in Berlin fand im Rahmen einer Fachtagung statt, die sich mit Strategien gegen Einsamkeit im Alter auseinandersetzte. Es ist ein Thema, das dem ZIS-Team besonders nahe ist, erklärt Geschäftsleiterin Gudrun Münchmeyer-Eliş. „Es wurde unter anderem herausgearbeitet, dass noch immer eine gesellschaftliche Isolation von Zugewanderten existiert. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, macht einsam. Und ältere Menschen leiden besonders darunter.“

Das Projekt „Alt ist nicht gleich alt“ bindet sie nicht nur als Teilnehmer, sondern auch als Kursleiter ein. „Die Freiwilligen zeigen ihre Fähigkeiten und erfahren dadurch Anerkennung und Wertschätzung“, so die Sozialwissenschaftlerin. Eine Form der Wertschätzung, die laut Eliş bundesweit positive Aufmerksamkeit erregt hat, ist das „Virtuelle Museum der Migration“, das seit Ende des vergangenen Jahres im Netz ist. Hier werden ganz unterschiedliche persönliche Geschichten von Männern und Frauen erzählt, die in den 1960er- und 1970er-Jahren nach Bremen kamen und geblieben sind. Es sind Geschichten, die häufig selbst die eigenen Kinder und Enkel vorher nicht kannten, erzählen die Initiatoren. „Diese Menschen haben dieses Land mit aufgebaut“, sagt Ali Eliş, „und dafür verdienen sie jetzt unsere Unterstützung.“ In Berlin hat sein Appell Eindruck hinterlassen. Ein weiteres Gespräch mit der Familienministerin ist bereits vereinbart.

Weitere Informationen

Das Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien e.V. hat seinen Sitz an der Gröpelinger Heerstraße 228. Das Bremer Museum für Migrationsgeschichte ist unter der Internetadresse zis-virtuelles-museum-der-migration zu finden. Seit zwei Jahren ist der „Erinnerungsort Migration“ außerdem Teil der Dauerausstellung im Hafenmuseum Speicher IX.

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