Wir-Gefühl Kontinuität statt Projekte

Wie gehen andere Stadtteile und Städte mit sozialen Problemen um? Damit hat sich der Präventionsrat Bremen-West beschäftigt und plant nun zwei konkrete Aktionen, um Gröpelingen schöner zu machen.
20.04.2018, 17:41
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Kontinuität statt Projekte
Von Anne Gerling

Etwa 87 000 Menschen – so viele wie in Findorff, Walle und Gröpelingen – leben in der kleinen belgischen Stadt Mechelem südlich von Antwerpen, die seit einiger Zeit Schlagzeilen macht. Und zwar positive: Bürgermeister Bart Somers hat es geschafft, die frühere Problemgemeinde, in der 135 Nationalitäten vertreten sind, zu einer Integrations-Vorzeigestadt zu machen. Anders als im Rest Belgiens gebe es in Mechelem kaum jemanden, der zur Terrormiliz IS gehe, erzählt Somers strahlend im Fernsehinterview. Sein Rezept: Eine Kombination aus intensiver Jugendarbeit und einer strengen Sicherheitspolitik.

Ließe sich das Modell Mechelem auf Gröpelingen übertragen? Unter anderem darüber ist nun beim Präventionsrat Bremen-West sehr lebhaft diskutiert worden. Diese beim Gesundheitstreffpunkt West (GTP) angesiedelte offene Runde ist im Oktober 2008 aus dem „Forum Gewaltprävention" hervorgegangen und macht sich für ein friedvolles Zusammenleben und eine Verbesserung der Lebensqualität im Bremer Westen stark. Zu den regelmäßigen Teilnehmern zählen insbesondere Akteure, die in verschiedenen Einrichtungen im Stadtteil arbeiten. Immer wieder kommen aber auch Anwohner dazu, die sich für ihr Quartier engagieren wollen.

„Inspirationen für Gröpelingen – das Wir-Gefühl stärken!“ hatte die Steuerungsgruppe das Treffen dieses Mal überschrieben. Mit guten Beispielen aus anderen Stadtteilen und Städten lieferten dafür Jürgen Scharnau vom Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrum (Rebuz) West, Tatjana Paeck von der Landesvereinigung für Gesundheit (LVG), Sabine Toben-Bergmann vom Freizi Oslebshausen und Stadtteilmanager Lars Gerhardt vom Verein Gröpelingen Marketing die Diskussionsgrundlage.

Die LVG zum Beispiel hat kürzlich Hemelinger Jugendliche dazu eingeladen, mit dem Handy Fotos von „Wohlfühlorten“ wie auch von weniger schönen Orten zu machen. Die Idee dahinter war, auf diese Weise die Identifikation mit dem eigenen Stadtteil zu stärken. Und tatsächlich: Einige der dabei entstandenen Aufnahmen wurden zur Freude der Jugendlichen später in einem Stadteil-Kalender veröffentlicht, erzählt Tatjana Paeck.

Eine stärkere Verbindung zum eigenen Quartier schafft womöglich auch „Plogging“, ein neuer Trend aus Schweden, wo Jogger angefangen haben, beim Laufen Müll aufzusammeln. Vorgestellt wurden außerdem Kernaussagen wie „Integration braucht Regeln“ des ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky und eben die eingangs schon erwähnte belgische Kleinstadt Mechelen.

Ein Beispiel, das viele in der Runde spontan ansprach. Denn: Nach vielen Jahren mühevollem Einsatz für mehr Lebensqualität macht sich bei verschiedenen Akteuren in Gröpelingen nun Resignation breit und der Ruf nach „Recht und Ordnung“ wird lauter.

„Wenn man sich nicht an die Regeln hält, müssen unmittelbar Konsequenzen folgen. Das muss zur ‚Chefsache’ werden, sonst bringen alle unsere Projekte hier einfach nichts. Wir schaffen das nicht alleine“, meinte etwa ein Forumsteilnehmer.

Apropos Projekte: Diesen Begriff kann in Gröpelingen mittlerweile auch niemand mehr so recht hören. Denn Projekte kommen und gehen. Sie müssten aber Initialzündung sein für weitere Schritte, unterstrich Wolfgang Klamand vom GTP-Vorstand. Schließlich brauche es im Stadtteil dringend Kontinuität; diese wiederum sei kaum über Ehrenamtliche herzustellen, sondern könne nur mit Hilfe von bezahlten Sozialarbeitern gewährleistet werden.

Wo sich etwas Positives entwickele, hänge dies meist mit bestimmten Menschen zusammen, unterstrich außerdem Elke Janzon, die für die Waller Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft (Wabeq) verschiedene Projekte für Frauen leitet. „Aber auch mit einer Haltung.“ Wichtig sei außerdem die „entscheidungsrelevante Beteiligung“ der Menschen im Stadtteil, unterstrich Ingeborg Jahn vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS: „Die Leute müssen das Gefühl haben: ‚Meine Stimme zählt.’ Das ist ‚Empowerment’.“ Gewoba-Bereichsleiter Ralf Schumann, Experte im Sektor „Revitalisierung von Großwohnanlagen“, warnte indes: „Was man definitiv nicht darf: Die Bewohner aufrühren und mit Hochglanzbroschüren in eine Motivation und Erwartungshaltung bringen – und anschließend passiert nichts.“

Selbstkritisch stellte die Runde fest, dass zwar auf Gröpelingens Straßen die verschiedensten Nationalitäten unterwegs sind – im Präventionsrat nun aber nur „Biodeutsche“ saßen, um mit Heinz Buschkowsky zu sprechen. Zum Glück reden im Gröpelinger Stadtteilbeirat längst Vertreter der türkischen und der afrikanischen Community mit.

Und nun? Zwei Aktionen will der Präventionsrat auf den Weg bringen: Eine große Stadtteilkonferenz und einen generationsübergreifenden Foto-Workshop.

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