JVA Oslebshausen

Kunst aus dem Knast

Die Bildhauerwerkstatt in der JVA ist 40 Jahre alt. Sie ist erweitert und vom Verein "Mauern öffnen" übernommen worden. Dem 40-jährigen Bestehen widmet sich eine Ausstellung in der Bürgerschaft.
29.08.2018, 22:47
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Kunst aus dem Knast
Von Silke Hellwig

Es gibt Hinweise: In der Werkstatt stehen große Quader, es handelt sich um Sockel, die ein Gefangener hergestellt hat. An einigen der Arbeiten aus Ton, Stein und Holz kleben Zettel, mit Nummern beschriftet oder mit dem Hinweis „Bü“. Die Sockel sowie der größte Teil der beschrifteten Arbeiten stehen inzwischen vor den Gittern: 60 Skulpturen und einige Zeichnungen werden von diesem Freitag, 31. August, an in der Bremischen Bürgerschaft gezeigt. Anlass ist das 40-jährige Bestehen der Bildhauerwerkstatt, die europaweit als einzigartig gilt.

Siegfried Neuenhausen gründete sie 1978 gemeinsam mit der Justizvollzugsanstalt sowie der damaligen Kultur- und Justizbehörde. Im April vor 40 Jahren berichtete diese Zeitung unter dem Titel „Kunst mit ,Knackis‘ für alle“: „Der Braunschweiger Bildhauer hatte 1976 einen vom Senator für Wissenschaft und Kunst ausgeschriebenen Wettbewerb über Kunst im öffentlichen Raum unter sozialen Aspekten gewonnen.“ Mithilfe der Insassen des offenen und des halboffenen Vollzugs, hieß es weiter, sollte der Grünzug entlang der JVA in Oslebshausen gestaltet werden. Das Ergebnis ist Bremern bekannt: eine Reihe großformatiger Steinskulpturen.

Im Laufe der Jahre wurde aus dem Modellprojekt nicht nur eine Dauereinrichtung für acht Gefangene, sie wurde auch erweitert: um eine Abteilung mit weiteren acht Plätzen für Jugendliche und um eine Außenwerkstatt mit sechs Stellen, die sich vor allem um die Aufstellung und Reparatur der Arbeiten kümmert. Dort arbeiten nicht nur Gefangene des offenen Vollzugs und ehemalige Insassen; Langzeitarbeitslose sind dort ebenfalls beschäftigt. Die Außenwerkstatt kümmert sich außerdem um die Instandhaltung von Fremdarbeiten im öffentlichen Raum. „So geben die Gefangenen etwas an die Gesellschaft zurück“, sagt Martina Benz, eine der 13 Künstler und Künstlerinnen, die die Gefangenen anleiten.

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1997 übernahm der Verein „Mauern öffnen“ die Trägerschaft für die Werkstätten. Vorsitzende ist seit einigen Wochen Stefanie Wulff, Vorsitzende Richterin einer Strafkammer am Landgericht. Sie sagt: „Ich finde die Arbeit der Bildhauerwerkstätten unwahrscheinlich toll.“ Die Leistungen der Gefangenen seien beeindruckend. Die Arbeit diene nicht nur der Entwicklung der Inhaftierten, sondern habe auch einen gesellschaftlichen Nutzen.

Kunst der Insassen sind im öffentlichen Raum sichtbar

Er ist in der Stadt sichtbar: Die Arbeiten können von privat gekauft werden, sie kommen aber auch öffentlichen Einrichtungen zugute. Sie stehen vor Kirchen und Kitas, vor Schulen und dem Lür-Kropp-Hof. In der Werkstatt für Jugendliche wird gerade an zwei großen Tierfiguren gearbeitet, die als Wasserspiele vor Kindergärten Platz finden sollen. Auch Auftragsarbeiten werden angenommen, sofern die Auftraggeber es weder eilig, noch allzu genaue Vorstellungen hätten, sagt Martina Benz.

An fünf Tagen in der Woche arbeiten die jugendlichen und erwachsenen Gefangenen an ihre Arbeiten. Das ist laut Stefanie Supplieth wortwörtlich zu nehmen. Die Künstlerin ist wie Martina Benz eine der Kunstschaffenden, die mit halbjährlichen Werkverträgen an die Werkstätten gebunden sind. „Wir sind keine therapeutische Einrichtung, sondern sind ein Handwerksbetrieb“, sagt Stefanie Supplieth. „Es gibt feste Regeln und Zeiten“, üble Nachrede über „Kuschelvollzug“ sei fehl am Platz. „Kaffee und Gebäck wird hier nicht gereicht“, sagt auch Richterin Wulff. Es gebe Qualitätsansprüche an die Produktion hinter Gittern, entsprechend seien Leistung, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz gefragt.

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Eine Treppe führt in das Lager der Jugendwerkstatt, in dem Arbeiten aus den vergangenen Jahren Staub ansetzen. Die Vielfalt der Motive, der Formen und Größen ist beachtlich: Es gibt menschliche Büsten und Figuren, Tiere, elektronische Geräte wie Fernseher, Comicfiguren, Autos, diverse Gebäude. Die Insassen in den Werkstätten arbeiten Aufträge ab, die die Künstlerinnen und Künstler ihnen übertragen. Die Themen sind den Gefangenen nicht freigestellt, sie nehmen ihre Werke in der Regel nicht mit nach Hause, schon gar nicht die größeren Arbeiten. „Aber sie bringen sich mit ein und geben den Arbeiten ihren eigenen Charakter“, sagt Stefanie Supplieth. Und so hängen an einer Wand Ton-Drachen über Ton-Drachen. Sie sind aus ein und derselben Form entstanden, und doch ist keine Arbeit wie die andere. Nicht nur die Farben unterscheiden sich, sondern auch die Haltung des Schwanzes, die Form der Schuppen oder Zackenkämme.

Arbeitsplätze in der Werkstatt sind begehrt

Die Arbeitsplätze in der Werkstatt sind unter den Strafgefangenen beliebt, der Atmosphäre wegen, sagen die Gefangenen. „Wir gehen hier respektvoll miteinander um. Wir sind fast wie eine Familie“, so drückt es ein Jugendlicher aus. Justizvollzugsbeamte werden in den Werkstätten nicht eingesetzt. Es gibt Gefangene, die das begrüßen. Wer in der Werkstatt arbeiten will, muss sich bewerben und sich in einer Probezeit bewähren, erzählt Martina Benz. In der ersten Zeit werden Grundlagen für den Umgang mit den Materialien gelegt wie zum Beispiel „das ABC der Formen“.

Im kleinen Hof der Erwachsenenwerkstatt arbeiten zwei Gefangene mit Hammer und Meißel. Links entsteht ein Nilpferd aus Sandstein, rechts eine Nagergruppe. Die Jugendlichen arbeiten vorwiegend mit Ton, um schnell Resultate sehen zu können, die Erwachsenen mit Stein und Holz, das der Bürgerpark spendet. Die Arbeit sei beruhigend, sagt einer der Gefangenen, die Ergebnisse seien motivierend. Man erfahre in der Werkstatt Erfolgserlebnisse, lerne aber auch, mit Frustrationen umzugehen. „Nur chillen ist hier nicht“, ergänzt ein anderer Häftling. Für den üblichen JVA-Lohn muss handwerklich gearbeitet werden wie in den anderen Werkstätten hinter Gittern auch.

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Die Ausstellung in der Bürgerschaft, die bis zum 24. September (montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr) andauert, ist nicht die erste der Bildhauerwerkstatt. Schon im Februar 1979 wurden im Kunstverein Hannover 45 Arbeiten gezeigt, die heute in Oslebshausen stehen. Sie waren laut dieser Zeitung von 14 Strafgefangenen für einen Stundenlohn von 90 Pfennig gefertigt worden. „Es sind Arbeiten, deren sich die Öffentlichkeit nicht zu schämen braucht“, in einigen Fällen, wird den Skulpturen attestiert, „den Charakter des Laienhaften bereits hinter sich gelassen“ zu haben.

Von der Arbeit in den Bildhauerwerkstätten profitieren auch die Künstler. „Der Umgang mit jungen Leuten gibt einem viel“, sagt Inger Seemann, „man wächst damit“. Ihre Kollegin Supplieth bekräftigt: Es sei beeindruckend, „wie unbedarft“ und unverkopft „die jungen Menschen an die Arbeit gehen“, die zuvor meist wenig mit Kunst in Berührung gekommen seien. Dass sie nach ihrer Entlassung als Steinmetze oder in einer Töpferei arbeiten, ist eher Ausnahme als Regel. Sie erwerben dennoch Rüstzeug für das Leben danach. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so was schaffe“, sagt ein junger Gefangener. „Ich kann hier beweisen, dass ich arbeiten kann.“ Draußen sei es dazu bislang nicht gekommen.

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