Kritik von Anwohnern

Gröpelinger fordern bessere Aufklärung über Großbrand

Knapp zwei Monate nach dem Großbrand an der Louis-Krages-Straße werden in Gröpelingen die Geschehnisse aufgearbeitet. Mehrere Anwohner kritisieren, die Bevölkerung sei nicht ausreichend gewarnt worden.
29.06.2020, 05:04
Lesedauer: 4 Min
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Gröpelinger fordern bessere Aufklärung über Großbrand
Von Anne Gerling
Gröpelinger fordern bessere Aufklärung über Großbrand

Ende April sind bei einem Großbrand an der Louis-Krages-Straße zehn Lagerhallen abbrannt.

Christina Kuhaupt

Orangerot lodernde Flammen und eine hohe schwarze Rauchsäule, die kilometerweit zu sehen war: Die Bilder vom 28. April, an dem an der Louis-Krages-Straße zehn Lagerhallen abbrannten, sind vielen Gröpelingern noch deutlich vor Augen. Das gewaltige Feuer, das zwar nach fünf Stunden unter Kontrolle, aber erst nach 80 Stunden am 1. Mai komplett gelöscht war, hat Ortsamtsleiterin Ulrike Pala zufolge im Stadtteil eine breite Diskussion über Gesundheit und Sicherheit ausgelöst. Aus diesem Grund hat nun der Gröpelinger Beirat Feuerwehr, Gewerbeaufsicht und Baubehörde zu seiner ersten öffentlichen Sitzung nach dem Lockdown eingeladen, um mit ihnen noch einmal über den Großbrand zu sprechen.

Bei der Aufarbeitung der Geschehnisse geht es vor allem um die Frage, ob die Bevölkerung ausreichend vor möglichen Gefahren gewarnt worden ist. Denn in dem Lagerhallenkomplex, in dem teilweise asbesthaltiges Material verbaut war, lagerten neben Holz auch etliche E-Bikes, deren Akkus, wenn sie verbrennen, giftige Gase freisetzen. Von dieser akuten Gefahr hätten viele Menschen im Stadtteil allerdings gar nichts mitbekommen, kritisieren mehrere Gröpelinger.

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„Die Polizei soll durch den Stadtteil gefahren sein und Durchsagen gemacht haben – aber keiner hat sie gesehen“, meldete sich etwa ein Anwohner aus der Königsberger Straße zu Wort, der forderte, die Bevölkerung müsse vernünftig aufgeklärt werden. Dass die Polizei mit einem Lautsprecher-Fahrzeug unterwegs war, bestätigte Christian Modder, der das Polizeikommissariat West leitet.

Gefahr war vielen nicht bewusst

Im Umkreis von 300 Metern seien asbesthaltige Stücke herabgefallen und in großer Höhe winzige frei gewordene Asbestfasern mit der Rauchwolke davon geschwebt, war nun zu hören. Das löst bei jenen Anwohnern mulmige Gefühle aus, die während des Feuers draußen waren und in den Tagen danach verkohlte Teile in ihren Gärten zusammensammelten. Und zwar in einem weitaus größeren Radius als dem von den Sachverständigen benannten: Auch mehr als einen Kilometer von der Louis-Krages-Straße entfernt wurden verkohlte Brocken auf Grundstücken, Dächern, Spielplätzen oder in Grünanlagen gefunden.

„Ich bin entsetzt, dass keine Maßnahmen getroffen wurden, um die Bevölkerung zu warnen, dass man die Fenster zumachen und nichts anfassen soll. Bei aller Hochachtung für die Feuerwehr kann ich andere Institutionen hier nicht einbeziehen“, sagt etwa Eike Hemmer, der in der Bromberger Straße ausgeglühte Teile aufgesammelt hatte. Beiratsmitglied Lutz Liffers (Grüne) fragt sich, weshalb im öffentlichen Raum nirgends proaktiv gereinigt wurde.

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Es habe sehr wohl zeitnah Warnungen an die Bevölkerung gegeben, sagt dazu Andreas Hempelmann von der Feuerwehr Bremen. Womöglich sei die Verbreitungsweise entsprechender Hinweise aber nicht mehr zeitgemäß, merkt dazu Liffers an: „Es reicht nicht, in einem so internationalen Stadtteil nur auf Deutsch und über die eingefahrenen Kanäle aus den 1980er-Jahren zu informieren.“

Viele Gröpelinger möchten nun wissen, wie groß die Gefahr ist, die von den gefundenen Teilen ausgeht. Wolfgang Visser, Asbest-Experte bei der Gewerbeaufsicht, war mehrfach unangekündigt am Brandort, um zu überprüfen, dass dort wie von seinem Haus angeordnet Wasser versprüht wird, damit nicht noch mehr Asbest freigesetzt wird. Für Gebäude, in denen Asbest verbaut worden ist, gebe es kein Sanierungsgebot, unterstreicht er: „Solange der Gesetzgeber es erlaubt, darf das also so bleiben.“ Auf Anweisung der Gewerbeaufsicht war nach dem Großbrand eine Hotline eingerichtet worden, bei der bis zum 5. Juni insgesamt 97 Anrufe eingingen, in denen verdächtige Funde gemeldet wurden. 84 Proben wurden daraufhin eingesammelt, von denen 29 tatsächlich Asbest enthielten. Die jeweiligen Fundorte wurden gereinigt.

Schadstoff-Kataster gefordert

Eingeatmetes Asbest ist krebserregend. Im Erdreich gebunden sei der Stoff eher unproblematisch, so Visser – gefährlicher seien die winzigen Asbestpartikel, die bei dem Großbrand in die Luft gelangt sein könnten. Diese im Freien zu messen, ist Visser zufolge technisch aber nicht möglich: „So können wir keine Aussage dazu machen, ob es eine erhöhte Faser-Belastung gab.“

Im Zusammenhang mit dem Großbrand wird nun in Gröpelingen erneut der Ruf nach einem Schadstoff-Kataster laut, über das bei Katastrophenfällen, wie sie der Stadtteil schon häufiger erleben musste, schnell ersichtlich wäre, ob und welche gefährlichen Stoffe im Spiel sind. Der Beirat hat mehrfach die Einrichtung einer solchen Übersicht gefordert – nach Ansicht von Michael Bürger, der das Referat Emissionsschutz in der Baubehörde leitet, wäre ein solches Verzeichnis allerdings kein sinnvolles Instrument zum Schutz der Bevölkerung. Die Pflege sei aufwendig und es zeige jeweils nur eine Momentaufnahme: „Was bei einem Unternehmen morgens geliefert wird, mag abends schon wieder verkauft und nicht mehr da sein.“

Sinnvoller sei es, wie auch am 28. April geschehen, das Gespräch mit dem jeweiligen Eigentümer zu suchen. Dieser könne in der Regel einen genauen Überblick dazu geben, was vor Ort gelagert werde. Einzig sogenannte Störfallbetriebe, die mit gefährlichen Stoffen in bestimmten Mengen arbeiten, seien zu besonderen Sicherheitsvorkehrungen verpflichtet, so Bürger: „Davon haben wir in Bremen insgesamt 24, von denen sich sechs bis sieben in Ihrem Bereich befinden.“ Diese Antworten reichen den Ortspolitikern nicht: Sie wollen das Thema alsbald ausführlich im Bau- und Umweltausschuss behandeln.

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