Schulen in Bremen

Migration als Chance sehen

Fundamental neu denken - das ist die Forderung der Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakasoglu für Bremer Schulen. Diese seien zu wenig auf migrantische Kinder eingestellt.
16.08.2019, 19:47
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Migration als Chance sehen
Von Carolin Henkenberens
Migration als Chance sehen

Bremer Expertinnen sehen noch viel Nachholbedarf beim Umgang mit Schülern mit Migrationshintergrund in der Hansestadt.

Sebastian Gollnow/dpa

Die Bremer Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakasoglu fordert ein Umdenken an Schulen in Bezug auf Schüler mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung. „Migration erfordert, unser Verständnis von Schule fundamental neu zu denken“, sagte Karakasoglu bei einem Fachgespräch am Freitag. Geladen hatte der Mediendienst Integration aus Berlin, ein Projekt vom Rat für Migration, einem Zusammenschluss von 160 Wissenschaftlern aus dem Bereich Migration und Integration.

Mehr als die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler der allgemeinbildenden Schulen in Bremen hat dem Mediendienst zufolge einen Migrationshintergrund. Diese Kinder und Jugendlichen würden zu sehr unter dem Aspekt betrachtet, welche Voraussetzungen ihnen fehlten, beklagte Karakasoglu, die an der Universität Bremen den Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung leitet. Dabei brächten die Schüler auch zusätzliche Sichtweisen und Kenntnisse mit. Vielfalt könne eine Chance für Schulen sein – wenn sie sich entsprechend ausrichten und genügend Personal haben.

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Das Problem aus Sicht der Expertin: Das System Schule ist nicht gut genug auf Kinder mit Migrationshintergrund eingestellt. Die aufeinander folgenden Klassen sähen nicht vor, dass neue Schüler mit anderen Bildungsvoraussetzungen oder einer anderen Muttersprache dazu stoßen. Die Wissenschaftlerin forderte eine „migrationssensible Schule“. Das bedeute: ein größeres Angebot an Sprachen, jahrgangsübergreifende Gruppen und flexiblere Lernzeiten. Geflüchteten Jugendlichen, die erst mit 15 oder 16 Jahren nach Deutschland kommen, müsse es möglich sein, auch nach dem Ende der Schulpflicht noch Lernförderung zu erhalten.

Ein weiteres Problem aus Sicht der Erziehungswissenschaftlerin: Die Versorgung mit Lehrkräften für „Deutsch als Zweitsprache“ sei „suboptimal in ganz Deutschland“. Es müssten mehr Studienplätze und Professuren in diesem Bereich geschaffen werden. Lehrer müssten damit vertraut sein, Mathe oder andere Fächer auch nicht-deutschen Muttersprachlern zu vermitteln.

Recht auf Information in der eigenen Sprache

Als Vorbilder nannte Karakasoglu Kanada und Schweden. In Kanada hätten Eltern ein Recht darauf, dass sie in ihrer jeweiligen Sprache umfassend informiert werden, berichtete Karakasoglu. In Schweden gebe es ein standardisiertes Verfahren, das den Lernstand der Schüler festhält. „Es ist viel davon abhängig, dass es Unterstützung gibt und auf die Eltern zugegangen wird“, sagte sie.

„Migration muss den gleichen Status haben wie Inklusion“, forderte Sabine Jacobsen, die bis vor wenigen Wochen die Neue Oberschule Gröpelingen (NOG) geleitet hat. Kinder mit Migrationshintergrund müssten die gleiche Förderung erhalten wie Kinder mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen. Dass das viel Geld kosten würde, sei ihr bewusst. Die NOG hat einen Anteil von fast 80 Prozent Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und ist 2018 als eine der 16 besten Schulen Deutschlands ausgezeichnet worden. Dies liegt Jacobsen zufolge daran, dass es der NOG gelungen sei, eine Lerngemeinschaft herzustellen. Es sei wichtig, eine positive Atmosphäre herzustellen, etwa mit der Einstellung, dass zugewanderte Kinder viele Potenziale und nicht nur Defizite mitbringen. „Dafür brauche ich die besten Lehrkräfte“, sagte Jacobsen. Zu Schulbeginn blieben, wie berichtet, indes 41 Lehrerstellen in Bremen unbesetzt.

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An der Bremer Bildungsbehörde kritisierte Karakasoglu, dass der „Entwicklungsplan Migration und Bildung“, den die damalige Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) schon 2011 erstellen ließ, nicht überall umgesetzt werde. „Wenn wir gute Modelle vereinbart haben, warum lässt man das außer Acht?“, fragte sie. Muttersprachliche Elternlotsen gebe es in Bremen nicht in der Breite. In einem so kleinen Bundesland wäre Einheitlichkeit einfach, findet sie. „Wir haben sehr große regionale Unterschiede in Bremen“, sagte Scharajeg Ehsasian, Referentin für Migration bei der Bildungssenatorin. Sie verteidigte die Freiheit der Schulen aber. „Die Bedarfe sind in den Stadtteilen ganz unterschiedlich und ändern sich auch. Schulen wollen kein vorgefertigtes Konzept.“

Ehsasian unterstrich, was die Bildungsbehörde in den vergangenen Jahren geleistet hat. Seit 2012 seien 8916 zugewanderte Jugendliche an den Bremer Schulen aufgenommen worden, am meisten im Schuljahr 2015/16. Die häufigsten Herkunftsländer waren Syrien (2463), Afghanistan (773), Bulgarien (531), Irak (354) und Polen (274). Im Schuljahr 2018/19 waren es 2098 Kinder und Jugendliche. Sie nahmen an einem Vorkurs teil. Dies sind Kurse für Zugewanderte, die wenig oder kein Deutsch sprechen. Die Mehrheit der Teilnehmer (73 Prozent) im vergangenen Schuljahr hatte einen Fluchthintergrund, der Rest kommt aus der Europäischen Union oder anderen so genannten sicheren Drittstaaten.

Jeder dritte Vorkursteilnehmer legte den Mittleren Schulabschluss ab

Von den ehemaligen Vorkursteilnehmern, die 2018 die Schule verließen, blieben 36 Prozent ohne Schulabschluss. Zwar wechselten einige von ihnen danach auf eine Berufsschule, wo sie also eventuell noch einen Schulabschluss machen. Doch eine zweite Zahl belegt die massiven Probleme: Gerade einmal zwei Prozent der einstigen Vorkursteilnehmer schaffte das Abitur. Jeder Dritte legte den Mittleren Schulabschluss (MSA) ab und 29 Prozent die einfache oder erweiterte Berufsbildungsreife (BBR).

Neben den Vorkursen gebe es abschlussorientierte Kurse für 15- bis 16-Jährige, deren Schulpflicht kurze Zeit nach ihrer Ankunft in Deutschland endet. Auch habe die senatorische Behörde Alphabetisierungskurse, Hausbeschulung für Kinder aus Erstaufnahmeeinrichtungen und eine Ferienschule eingerichtet. Letztere soll verhindern, dass in den langen Ferien die neu gelernten Deutschkenntnisse verloren gehen.

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Debatte über Deutschkenntnisse

Der Vize-Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Carsten Linnemann, sorgte kürzlich für Diskussionen, weil er sich für eine Vorschulpflicht für Kinder, die schlecht Deutsch können, aussprach. Er sagte: „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“ Jetzt ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Insa in einer repräsentativen Umfrage, dass die Hälfte der Deutschen (50,2 Prozent) dieser Aussage zustimmt. 32,1 Prozent stimmten nicht zu, der Rest entfällt auf „Weiß nicht“ oder „keine Angabe“. Besonders oft stimmten Anhänger der AfD (83,4), Union (60,1) und FDP (60,8) zu. Von den 18- bis 24-Jährigen stimmten 51 Prozent nicht zu.

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