Erstes Mikro-Festival in Gröpelingen

Mit Neugier offen für andere sein

Sie buken und kochten, organisierten eine Geschirr-Waschstraße, erzählten Geschichten und machten Musik: Die Bewohner des Bremer Liegnitz-Quartiers haben erstmals ihr eigenes Festival auf die Beine gestellt.
18.08.2019, 14:40
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Mit Neugier offen für andere sein
Von Anne Gerling
Mit Neugier offen für andere sein

Die Idee ist aufgegangen: Projektleiterin Andrea Lühmann (links) und Quartiersmanagerin Rita Sänze wollten mit dem Festival die Menschen zusammenbringen.

petra stubbe

Verführerische Düfte umwehen am Sonnabendnachmittag den Liegnitzplatz, und der Anblick kleiner Kuchen, Teigtaschen und verschiedenster Salate beim selbst gemachten osteuropäischen Spezialitäten-Picknick lässt den Besuchern des ersten „Mikro-Festivals Europa Zentral“ das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ausgestattet haben das üppige Buffet rührige Bewohner des kleinen Viertels. Und nicht nur das. Die Nachbarn haben auch den kompletten Platz, auf dem ein luftiges weißes Zelt zum Verweilen einlud, aufgeräumt und mit Folien geschmückt, die dekorativ im Wind flattern.

Vor dem Mosaik-Treff sorgt das Team „No Plastic“ mit einer Geschirr-Waschstraße für den benötigten Nachschub an sauberen Tellern und Besteck. Unter denen, die betriebsam auf dem Platz herum wuseln, ist auch Heiko Grein, der vor zehn Jahren die Konzertreihe „Songs and Whispers“ ins Leben gerufen hatte. Seit einem guten Vierteljahrhundert wohnt er schon am Liegnitzplatz und dreht dort nun die Knöpfe am Mischpult, während wechselnde Musiker für verträumte Gitarrenmelodien und mitreißende Balkan-Klänge sorgen.

Wohlige Töne aus der Shrutibox

Zwischendurch kommt Andreas Rust zum Einsatz, der ein flaches Holzkästchen im Arm hält. Sobald er es öffnet, erklingen wohlig-warme Töne. „Das ist eine Shrutibox“, erzählt der Gröpelinger auf Nachfrage: „Ein indisches Instrument, das als Begleitinstrument für Oberton-Gesänge eingesetzt wird.“ An diesem Nachmittag lässt Rust in den Klang seiner Shrutibox Wörter in einer fremden Sprache einfließen. Beziehungsweise in verschiedenen Sprachen, wie er erklärt: „Das war Arabisch, Bulgarisch, Türkisch und Farsi. Ich bin in Iran aufgewachsen und finde es toll, mich hier ein bisschen mit Leuten zu unterhalten.“

Miteinander ins Gespräch kommen und sich über Kunst und Kultur kennenlernen – genau das ist die Idee hinter dem Anwohner-Festival. Denn, wie Quartiersmanagerin Rita Sänze erklärt, die seit 2009 verschiedene Projekte im Rahmen des Programms Wohnen in Nachbarschaften (Win) im Liegnitzquartier betreut: „Allen, die hier wohnen, ist in den vergangenen Jahren aufgefallen, dass sich das Quartier verändert hat. Es sind viele weggezogen.“ Der damit einhergehenden Entfremdung innerhalb der Anwohnerschaft setzt seit Oktober der in Gröpelingen ansässige Verein Kultur vor Ort mit dem Stadtentwicklungs-Modellprojekt „Utopolis – Soziokultur im Quartier“ etwas entgegen.

Nähklub initiiert

Im Januar hat Projektleiterin Andrea Lühmann die Arbeit aufgenommen und verschiedene künstlerische Aktivitäten wie zum Beispiel einen regelmäßigen Nähklub auf den Weg gebracht. Ein erster Projekthöhepunkt ist das Mikro Festival. Die Idee geht auf, findet Rita Sänze: „Ich freue mich, dass man sich hier beim Essen und bei anderen Aktivitäten immer besser kennenlernt. Und ich bin erstaunt, wie viel sich in den Monaten, in denen Andrea hier ist, schon getan hat.“

Das sieht auch Kristina Rahe so, die an diesem Tag eigens aus Berlin ins Liegnitzquartier angereist ist. Sie leitet das Projekt Utopolis bei der Bundesvereinigung soziokultureller Zentren und freut sich, nun auch einmal „die Früchte der Schreibtischarbeit“ genießen zu können. „Wir sind froh, dass wir endlich einmal eine vierjährige Förderphase haben“, erzählt sie und erklärt, dass sie im Zusammenhang mit Utopolis eigentlich lieber von einem Entwicklungskonzept als von einem Projekt spricht: „Das macht deutlich, dass es darum geht, verschiedene Dinge auszuprobieren und zu versuchen auch die zu erreichen, die man sonst nicht erreicht.“

Liegnitz-Walk mit Lutz Liffers

Aufeinander zugehen: Dafür braucht es Offenheit, Neugier und Verständnis. Beim Stadtteilspaziergang „Liegnitz-Walk“ beleuchtet Lutz Liffers unter anderem die große bulgarischstämmige Community im Quartier. „Für jeden Bulgaren ist Deutschland das Paradies. Da geht es allen gut: Das haben wir im Bulgarien-Urlaub immer wieder gehört.“ Und was wissen die Bremer über Bulgarien? Liffers‘ Zuhörer haben nach dem einstündigen Spaziergang eine konkretere Vorstellung. Zum Beispiel von dem alltäglichen und staatlich geduldeten Rassismus gegen Roma, der einer der Hauptgründe für deren Abwanderung aus Bulgarien sein dürfte.

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