Integriertes Gesundheitszentrum Modellprojekt wird konkreter

Bremen will integrierte Gesundheitszentren in Quartieren bauen, die vor besonderen sozialen Herausforderungen stehen. Ein Modellprojekt dafür wird nun in Gröpelingen konkret vorbereitet.
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Modellprojekt wird konkreter
Von Anne Gerling

Es soll ein neues Konzept geben: Im Eingangsbereich helfen Gesundheitslotsen den Besuchern bei ihren Fragen und geben allgemeinere Auskünfte. In einer zweiten Abteilung für die medizinische Grundversorgung betreiben ein Hausarzt und ein Kinderarzt ihre Praxen und im dritten Gebäudeabschnitt sind psychotherapeutische und physiotherapeutische Angebote angesiedelt; hier gibt es auch einen Bewegungsraum für Kurse und ein Lager, aus dem Rollatoren oder Rollstühle entliehen werden können. In einem vierten Bereich geht es um psychosoziale Beratung in zwei Beratungsräumen, die tageweise von unterschiedlichen Beratungseinrichtungen, Initiativen oder Selbsthilfegruppen genutzt werden. Als Treffpunkt für alle Beteiligten dient ein Sozialraum, in dem auch Konferenzen oder Informationsveranstaltungen stattfinde. So könnte das neue Gesundheitszentrum aussehen, an dessen Konzept Wilma Warbel und Helmut Zachau vom Gesundheitstreffpunkt West (GTP) seit einiger Zeit feilen.

Ein Gesundheitszentrum, das so ähnlich funktioniert wie die Gröpelinger Bibliothek, die sich immer mehr zu einer sozialen Anlaufstelle entwickelt – Das ist der Grundgedanke hinter dem Vorhaben, mit dem die Stadt der zunehmenden ungleichen medizinischen Versorgung in den einzelnen Quartieren entgegenwirken will. In Gröpelingen entsteht ein Modellprojekt.

37 500 Menschen leben dort aktuell; „Tendenz steigend“, sagt Ortsamtsleiterin Ulrike Pala: „Gröpelingen ist heute ein Ankommensstadtteil.“ So sei der Ausländer-Anteil zwischen 2012 und 2018 von knapp 24 auf 35 Prozent gestiegen. Mit dem Durchschnittsalter von 41 Jahren sei Gröpelingen dabei Bremens jüngster Stadtteil und die Geburtenrate so hoch wie sonst nirgends. Dies gelte aber auch für die Säuglingssterblichkeit, die etwa doppelt so hoch sei wie im gesamtstädtischen Durchschnitt. Auf der anderen Seite sei die Langzeitarbeitslosigkeit entgegen dem stadtweiten Trend angestiegen und 24 Prozent aller bremischen Sozialwohnungen befänden sich in Gröpelingen.

„Das eigentliche Problem ist die Armut“, sagt Zachau, der sich mit Pala und Warbel einig ist, dass dringend etwas passieren muss. Denn Armut hat Auswirkungen auf die Gesundheit. So liegt die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen in Gröpelingen bei 79,7 und in Schwachhausen bei 85,6 Jahren und für Männer in Gröpelingen bei 74 und in Schwachhausen bei 81,6 Jahren.

„Als wir vor zwei Jahren in großer Runde zusammensaßen, um die Armutskonferenz vorzubereiten, kam vom GTP ein erstes Papier zu einem Gesundheitszentrum“, erzählt Ortsamtsleiterin Ulrike Pala. „Es gab erst mal eine vage Vorstellung dazu, was ein Stadtteil wie Gröpelingen braucht. Da wurde sich dann sanft herangetastet.“ Das Thema zog weitere Kreise und als Pala schließlich den Besuch einer Bremer Delegation in der Poliklinik in Hamburg-Veddel vorbereitete, meldeten sich etliche Interessierte an: „Wir waren mit mehr als 20 Leuten da. Auch die Ärztekammer, das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), die Uni, der Beirat und die Bremer Heimstiftung waren dabei.“ „Die Diskussion hat im Stadtteil mittlerweile eine enorme Breite erreicht“, sagt auch Helmut Zachau, „das ist schon phänomenal. Von allen Seiten kommen Interessensbekundungen.“

Was ihn, Wilma Warbel und Ulrike Pala besonders freue sei, dass Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) signalisiert hat, das Gesundheitszentrum in Gröpelingen – das als Modell für andere Stadtteile dienen könnte – nun möglichst bald auf den Weg bringen zu wollen. Noch in diesem Jahr sollen dafür geeignete Räumlichkeiten und ein Koordinator gefunden werden, der sich im Stadtteil auskennt. Mit der Fortschreibung des Integrierten Entwicklungskonzepts (IEK) Gröpelingen, die wie berichtet momentan vorbereitet wird und unter anderem den Schwerpunkt Gesundheitsförderung haben soll, ergeben sich dabei auch Aussichten auf Fördermittel.

„Wir haben schon ein kleines Forschungsprojekt mit der Uni gemacht. Da wurde deutlich, dass Arztpraxen am nötigsten gebraucht werden. Wir haben Angst, dass die Ärzte in Gröpelingen deutlich dezimiert werden, denn zwei gehen demnächst in Rente und es ist fraglich, ob sich Nachfolger finden“, sagt Warbel. Ihr zufolge hat Gröpelingen als Bremens kinderreichster Stadtteil nur zwei Kinderarztpraxen und keinen Lungenfacharzt – obwohl es dort die höchste Dichte an lungenkranken Menschen gebe. „Wir haben hier auch keinen Urologen, deshalb ist es wichtig, da neue Wege zu gehen, indem im Gesundheitszentrum zum Beispiel gemeinsam auf Dolmetscher zugegriffen wird.“ Ein Großteil der befragten Ärzte habe nämlich geschildert, dass sie hauptsächlich nicht mit ärztlichen Behandlungen, sondern mit psychosozialer Beratung beschäftigt seien. Aktuell gibt es Warbel zufolge im Stadtteil auch keine Psychotherapeuten mehr.

Kurze Wege seien aber besonders für Gröpelinger wichtig, berichtet Warbel aus dem Beratungsalltag. Mitunter kämen Menschen, die sie nach Schwachhausen schickten dort einfach nicht an. "Die Hemmschwellen sind manchmal einfach zu groß. Oder es scheitert einfach am Ticket für die Straßenbahn.“

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