Interview „Politik ist ein zähes Geschäft“

Barbara Wulff ist seit Januar Sprecherin des Gröpelinger Beirats. Ein Interview über Schülerdemos, Waschkörbe als politisches Kampfinstrument und die Müllfrage im Stadtteil.
03.05.2018, 06:52
Lesedauer: 4 Min
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„Politik ist ein zähes Geschäft“
Von Anne Gerling
Sie sind 1975 im Alter von 23 Jahren in die Bremer SPD eingetreten. Welche Motive haben dazu geführt, dass sie sich politisch engagiert haben?

Schon während meiner Schulzeit im damaligen Gymnasium am Waller Ring fand ich, dass es in der Schule zu wenig politische Bildung gab. Das Thema Nationalsozialismus zum Beispiel kam im Unterricht kaum vor. Das hat mich gestört. Im bewegten Jahr 1968 habe ich als Schülerin schon meine erste Demo mitgemacht. Das ging seinerzeit gegen die Notstandsgesetze.

Unter anderem als Folge meiner Erfahrungen in der Schulzeit habe ich dann in Göttingen Sozialwissenschaften studiert. Mein erstes Semester dort war übrigens gleich ein reines Streiksemester. Wir protestierten damals gegen die überfüllten Hörsäle. Mein Elternhaus hat, wenn überhaupt, eher indirekt eine Rolle gespielt. Dort hieß es früher immer: ‚Politik ist ein schmutziges Geschäft. Halte dich da möglichst raus.‘ Da habe ich mir gedacht: ‚Da muss ich gerade hin, damit sich das ändert.‘ Mein Vater jedenfalls, der ein kleiner Angestellter in der Pharmabranche war, ist erst nach mir in die SPD eingetreten.

20 Jahre lang waren Sie Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Gröpelingen und von 1990 bis 2003 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Dem Gröpelinger Beirat gehören Sie seit 2003 an. Was hat Sie so lange am Ball gehalten?

Ich finde: Es ist dringend nötig, etwas zu tun. Es sind zu wenige Menschen, die kämpfen. Viele Leute sind frustriert. Aber die Lage wird nicht besser, wenn man nichts macht.

Ich habe mich schon im Studium mit dem Thema soziale Segregation – also Entmischung und Spaltung der Gesellschaft – beschäftigt und mich deshalb später unter anderem für bessere Bildung eingesetzt. Hier in Gröpelingen kann man soziale Segregation quasi als Musterbeispiel angucken. Als junger Mensch habe ich gedacht: Es geht aufwärts. Allerdings ist das Gegenteil eingetreten: Armut und soziale Spaltung sind gewachsen. Da muss man unbedingt dagegen arbeiten.

Welche persönlichen Erfahrungen verbindet Sie Ihrer Meinung nach immer noch mit den Menschen in Gröpelingen?

Aus meiner eigenen Berufsbiografie kenne ich das Thema Unsicherheit sehr gut. Denn bevor ich hauptberuflich in die Politik ging und 1990 Bürgerschaftsabgeordnete wurde, hatte ich jeweils nur zeitlich befristete Arbeitsstellen.

Was waren für Sie positive Höhepunkte der politischen Arbeit im Stadtteil?

In Gröpelingen wird gute Integrationsarbeit geleistet, deshalb ist es hier trotz der schwierigen sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung relativ friedlich. Schon Ende der 1980er Jahre gab es zum Beispiel ein jährliches Friedensfest im Nachbarschaftshaus Helene Kaisen. Wir Sozialdemokraten hatten damals auch schon Kontakte nach Rostock und waren dort zu Besuch auf der Warnowwerft, was ich spannend fand. Auch das breite Gröpelinger Bündnis gegen Rechts, das sich im November 2006 einer NPD-Kundgebung entgegengestellt hat, war ein starkes Zeichen.

Übrigens: Als ich 1987 zum ersten Mal für die Bürgerschaft kandidierte, machte damals die DVU (Deutsche Volksunion) hier massive Propaganda gegen Zuwanderung. Auch damals haben wir schon ein „Gröpelinger Bündnis gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit“ gegründet. Eine Aktion war, die Prospekte dieser Partei mit Waschkörben einzusammeln, um sie dem DVU-Kandidaten in den Vorgarten zu kippen – was wir dann aber doch bleiben ließen, weil dort immer wieder Leute vorbeikamen. Mit dabei war auch Raimund Gaebelein – heute stellvertretender Gröpelinger Beiratssprecher, der sich seit damals für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes engagiert. Mit seinem Vorgänger Willy Hundertmark habe ich seinerzeit die Mahnwache am ehemaligen jüdischen Altersheim an der Morgenlandstraße gemacht.

Dort wird jedes Jahr am 9. November an die Opfer der Pogromnacht erinnert. Voriges Jahr waren erstmals auch Gröpelinger Schüler daran beteiligt. Warum?

Seit vielen Jahren organisiert der Beirat die Mahnwache. Aber es müssen andere nachkommen und es ist wichtig, dass Schüler davon erfahren, was damals passiert ist. Wir haben als Schüler am Waller Ring damals nichts davon erfahren. Vor zwei Jahren hatten wir mal ein Klassentreffen und haben eine Wanderung durch Gröpelingen gemacht. Meine alten Mitschüler fragten beim ehemaligen jüdischen Altersheim: Was ist das denn das hier für ein Gebäude? Da ist in der Schule damals nicht drüber gesprochen worden. Dass es Konzentrationslager gab, hatten wir zwar gehört. Aber was in Bremen konkret geschehen war, das war kein Thema.

Was sind Ihrer Meinung nach die drängendsten Probleme in Gröpelingen?

Das erste Thema an jedem Infostand ist immer die Klage über zuviel Müll auf der Straße. Deshalb haben wir ja auch gefordert, dass der neue Ordnungsdienst zu uns kommen muss. Ich hoffe, das klappt. Die Leute werden ja noch geschult und sollen wohl erst ab August auf der Straße unterwegs sein. Insgesamt ist Politik ein zähes Geschäft, das sieht man unter anderem am Campus Ohlenhof. Die Bürger haben fast nicht mehr daran geglaubt – dieses Jahr muss sich baulich dort etwas tun, damit man sieht: Es passiert was.

Warum leben Sie gerne in Gröpelingen?

Hier herrscht ein lockeres Klima, ich muss mich hier nicht verkleiden. Alles ist sehr leger und die nachbarschaftliche Hilfe funktioniert auch ganz gut: Die Leute sind unkompliziert und hilfsbereit.

Das Gespräch führte Anne Gerling.

Info

Zur Person

Barbara Wulff

wurde 1952 in Walle geboren. Die Diplom-Sozialwirtin ist seit 1975 SPD-Mitglied und gehörte von 1990 bis 2003 der Bürgerschaft an. Seit Januar ist sie Sprecherin des Gröpelinger Beirats, dem sie seit 2003 angehört.

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